https://www.faz.net/-gyl-9tt1b

Vorstellungsgespräche mit KI : Wenn Computer Bewerber aussuchen

Haben die Computer wirklich ein so gutes Händchen in der Bewerberauswahl? Bild: Marianna Gefen

Kann Künstliche Intelligenz so viel über Persönlichkeit sagen, dass sie Personal auswählen sollte? Nun überdenkt ausgerechnet der bekannteste deutsche Anbieter sein Geschäftsmodell.

          4 Min.

          Wie hatte dieses Unternehmen die Personalmanager-Welt durcheinandergebracht! Jahrelang brüstete sich das Aachener Start-up Precire mit folgendem Angebot: Ein Bewerber telefoniert etwa eine Viertelstunde lang mit einer Computerstimme und beantwortet Fragen, die mit dem eigentlichen Bewerbungsprozess gar nichts zu tun haben: „Was haben Sie vergangenen Sonntag gemacht?“ war eine davon. Die Antworten wurden aufgezeichnet und im Anschluss von einer Künstlichen Intelligenz ausgewertet. Wie? Aufgrund von Wortwahl, Stimmhöhe, Lautstärke und weiteren Komponenten der Sprache schloss die KI auf psychologische Persönlichkeitsmerkmale. Auf sechs engbeschriebenen DIN-A4-Seiten konnten die Probanden am Ende nachlesen, ob sie eher optimistisch oder eher pessimistisch sind, ordentlich oder chaotisch und so weiter.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das übergeordnete Ziel: Bewerber hinsichtlich ihrer Eignung für eine Stelle abzuprüfen, neutral durch einen Computer. Bis zu 500 Euro nahm das Unternehmen nach Angaben des Gründers und damaligen Geschäftsführers Dirk Gratzel je Person und Test im Jahr 2017 von seinen Kunden. Neuere Angaben macht Precire nicht.

          Mit der Eignungsdiagnostik will Precire allerdings seit neuestem nicht mehr ganz so viel zu tun haben. Der Wandel kam nicht mit lautem Knall, sondern ganz leise durch die Hintertür. „Beim Recruiting haben wir uns bei unseren neuen Anwendungen von der Persönlichkeitsanalyse gelöst“, sagt Thomas Belker, der neuerdings als CEO die Precire-Geschäfte führt (Gründer Gratzel ist zwar auch noch im Unternehmen tätig, macht aber zurzeit vor allem Schlagzeilen mit seinem angeblichen CO2-neutralen Lebensstil). „Der Blick auf Persönlichkeitsmerkmale ist statisch und bietet nur eine geringe Aussagefähigkeit für beruflichen Erfolg“, sagt Belker, der Jurist ist, lange in Personalabteilungen tätig war und zuletzt als Vorstandschef bei der Talanx Service AG beschäftigt war.

          Statt den Unternehmen Charakteranalysen von Bewerbern zu verkaufen, backt Precire nun kleinere Brötchen und konzentriert sich darauf, die Wirkung von Sprache im beruflichen Kontext zu analysieren. Belker spricht allerdings von einer Erweiterung, nicht von einer Reduktion des Angebotes. Es sei durchaus nicht so, dass man früher Wein verkauft habe und nun nur noch Wasser im Angebot sei. Seine KI-Technologie nutzt Precire für die neuen Angebote jedenfalls immer noch. Wie freundlich und serviceorientiert wirkt der Call-Center-Mitarbeiter auf die Kunden? Kommt der Projektleiter motivierend rüber? Diesen Fragen will sich das Start-up künftig vornehmlich widmen. Belker gibt ehrlich zu, dass es für die KI-basierten Persönlichkeitsanalysen von Bewerbern in Deutschland keine große Nachfrage gab – und auch, dass Precire rote Zahlen schreibt. Die schwarze Null sei aber in greifbarer Nähe.

          Kritik aus der Wissenschaft

          Precire ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie groß die Skepsis in Deutschland ist, Künstliche Intelligenz in den Personalabteilungen einzusetzen. In Amerika ist das anders. Dort versuchen unzählige Start-ups nach ähnlichen Methoden wie Precire, Bewerber mit Hilfe von KI zu durchleuchten. Mal analysiert eine KI die Mimik und Gestik von Kandidaten in Videobewerbungen, mal sollen Bewerber Computerspiele spielen mit dem Ziel, dass die KI die erspielten Resultate mit denen erfolgreicher Mitarbeiter vergleicht. In Deutschland hat Precire dagegen weitgehend nur einen Mitbewerber im Markt: Das Start-up „100 Worte“ arbeitet mit einem ähnlichen Ansatz, analysiert aber geschriebene statt gesprochene Sprache.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.