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Vorstandsposten : Die Stunde der Finanzchefs

  • -Aktualisiert am

Zahlenjongleure: Finanzchefs müssen ihr Einmaleins beherrschen Bild: Astis Krause / F.A.Z.

Bisher stiegen Finanzchefs selten zum Vorstandsvorsitzenden auf. Durch die Krise hat sich das geändert: Sie erhöht die Chancen der Zahlenexperten auf das höchste Amt im Unternehmen. Aber der Finanzchef-Posten hat auch seine Tücken.

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          Die jüngste Meldung kommt aus Ludwigshafen: Der bisherige Finanzvorstand Kurt Bock wird neuer Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF. Der 51-Jährige soll im kommenden Jahr die Nachfolge von Jürgen Hambrecht antreten. Wieder einmal steigt ein Herrscher über die Zahlen an die Unternehmensspitze auf. Es sieht ganz danach aus, als sei diese Position derzeit das ideale Sprungbrett.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Finanzvorstände haben eine herausgehobene Position im Vorstand. Das gilt insbesondere in der Krise. Wo jeden Tag auf Umsatz und Gewinn geschaut wird, da wird der Herr der Zahlen zum wichtigsten Partner des Vorstandsvorsitzenden. Aber haben sie auch das Zeug zur Nummer 1 im Unternehmen, zum CEO? Für Werner Wenning zahlte sich der Weg über die Finanzen aus, er wurde Nachfolger von Manfred Schneider an der Spitze von Bayer. Stefan Schulte hat nach der Leitung des Finanzressorts und einem Zwischenspiel als Stellvertreter Wilhelm Bender beerbt und führt jetzt den Flughafenbetreiber Fraport. Für Holger Härter, einst der gefeierte Partner neben Wendelin Wiedeking an der Spitze von Porsche, ist der Traum hingegen ausgeträumt. Mit seinem Chef musste auch der Finanzvorstand gehen.

          Fluch und Segen zugleich

          Das enge Verhältnis ist Fluch und Segen zugleich, und der Fluch schlägt - jedenfalls historisch - öfter zu, wie eine Studie der WHU Otto Beisheim School of Management ergeben hat. Dazu wurden 120 Wechsel von Finanzvorständen aus Dax- und M-Dax-Unternehmen in den Jahren 1999 bis 2006 untersucht. Häufiger als das Sprungbrett in die Position des Vorstandsvorsitzenden sei die Funktion des Finanzvorstands ein Schleudersitz ins Karriereabseits, heißt es. Als wichtiges Kriterium erweist sich die Form der Nachfolge. Erfolgt sie routinemäßig, hat der Finanzvorstand gute oder gar beste Chance. Fliegt der Vorstandsvorsitzende, ist es oft auch um den Finanzchef geschehen.

          Die Personalberatung Spencer Stuart hat in ihrer Studie „From CFO to CEO Route to the Top“ auch regionale Unterschiede entdeckt. Die Autoren führten Gespräche mit Unternehmensführern von 18 in Europa ansässigen Firmen, darunter der Versicherungskonzern Axa, die Bank ING, Pepsico, Philip Morris, T-Mobile und Vodafone. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass in der Vergangenheit Unternehmensführer in Kontinentaleuropa und in angelsächsischen Ländern in der Regel unterschiedliche berufliche Karrieren durchliefen. Während in Großbritannien und Amerika die Unternehmensvorstände meist aus dem Finanzsektor stammten, gelang es einem Finanzchef in Europa bisher selten, zum alleinigen Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzenden aufzusteigen. Die europäischen Firmenchefs rekrutierten sich bisher überwiegend aus den Sparten Verkauf, Marketing und Unternehmensentwicklung.

          Die Ursache für dieses europäische Phänomen liegt für die Autoren in der stiefmütterlichen Behandlung der unternehmensinternen Finanzabteilungen. „Lange Zeit wurde die Arbeit der Finanzabteilung in erster Linie als reines Management von Zahlen angesehen. Der Leiter einer solchen Abteilung galt dementsprechend als wenig geeignet für den Posten des Vorstandsvorsitzenden“, sagt Armen Simon, Fachmann für die Finanzbranche im Frankfurter Büro von Spencer Stuart. Er vertritt die Ansicht, dass einem vermeintlichen Zahlenjongleur lange Zeit schlichtweg nicht zugetraut wurde, über einen ausreichend großen wirtschaftlichen Wissensfundus zu verfügen. Ein breiter Hintergrund sei aber Voraussetzung, um an der Spitze eines großen internationalen Unternehmens zu stehen.

          Wandel aufgrund der Finanzkrise

          Mit Beginn der Finanzkrise habe sich das gewandelt. „Viele Unternehmen wiesen einen hohen Verschuldungsgrad auf und standen plötzlich vor enormen Finanzierungsproblemen. Es galt, externe Finanzierungsmittel zu erschließen. Die Geschäftsbeziehungen zu den Banken sind deshalb enorm wichtig geworden.“ Damit rückte die Finanzabteilung in den Mittelpunkt der Unternehmenspolitik, für manche Unternehmen wurde sie gar entscheidend für den Fortbestand - und die Finanzchefs hatten unverhofft die Chance, sich im Kern der Unternehmenspolitik zu beweisen.

          „Plötzlich war der CFO nicht mehr der klassische Buchhalter, der nur Zahlen addiert“, sagt Simon. Er spricht vom „CFO der neuen Generation“. Finanzchefs hätten sich für Positionen empfehlen können, die früher vornehmlich marktnah tätigen Führungskräften vorbehalten waren. Als Beispiel nennt Simon den derzeitigen Chef des Versicherungskonzerns Talanx, Herbert Haas. „Haas ist eindeutig über die Finanzschiene der Hannover Rück an die Firmenspitze der Talanx gerückt.“

          Doch trotz dieser Aufwertung sind sich Simon wie auch die Autoren der Studie sicher: Ohne verstärktes Eigenengagement werden Finanzchefs nicht befördert, einen Automatismus gibt es nicht. Vor allem Erfahrungen in Verkauf und Marketing werden als wichtig angesehen. Ein Vorstandsvorsitzender wird mit den Worten zitiert: „Die Leute dürfen einen keinesfalls als puren Finanzchef wahrnehmen.“

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