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Vorbilder : Der Glanz der anderen

          4 Min.

          Kinder theoretisieren nicht groß herum, sondern entscheiden sich leicht für ein Rollenvorbild. Ob das nun „Bob der Baumeister“ im Baufieber, „Prinzessin Lillifee“ im Rosarausch oder die netteste aller Erzieherinnen ist. Dahin strebt der Nachwuchs. Anschaulich zu beobachten ist die Sache mit dem Vorbild beim feierlichen Einlauf auf dem Fußballfeld, wenn auserwählte Kickerknirpse an der Hand ihres Sportidols ins Stadion schweben und sich in anderen Sphären wähnen: Mit Mario Gómez in die Allianz Arena einzuziehen beschert den bis dahin erhebendsten Moment im Leben. Das rührt die Fußballnation. Dem Auserwählten der D-Jugend stockt derweil der Atem und enthusiasmiert ihn fortan so, dass er noch eifriger im TSV Posemuckel kickt und bei eisigem Nordwind durch den Matsch grätscht wie kein anderer. Denn er will ja Super-Mario beerben. Und er hat erkannt, was der Frankfurter Psychologieprofessor Henning Haase bekräftigt: „Bei Vorbildern geht es nicht nur um Nachahmung, sondern um Vergleichsprozesse, also ein Referenzmodell, eine Benchmark, an der man misst, wo man steht. Selbstverständlich sind junge Leute viel stärker darauf angewiesen.“

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Von Menschen, die wir bewundern, mit denen wir uns identifizieren, lernen wir viel und leicht. „Nachahmen ist Entwickeln in eine vorbildliche Lebensrichtung“, hat Albert Schweitzer gesagt. Manchmal geschieht das unbewusst, dann nämlich, wenn wir im sozialen Umfeld, also von Eltern oder der vielzitierten Peergroup, deren Verhalten nachahmen. Manchmal aber imponieren uns Menschen, die uns überhaupt nicht nahestehen, die wir aber als Modell wählen, weil sie bei uns ganz persönlich hohes Ansehen genießen.

          „Denn andere Menschen zeigen uns, was in dieser Welt so möglich ist. Wir brauchen ein realistisches Selbst- und Weltbild, dabei können Vorbilder helfen“, sagt Rainer Dollase. Der Bielefelder Psychologieprofessor ergänzt allerdings kritisch: „Man macht sein trauriges, einfaches Leben ein bisschen glanzvoller, holt sich Elemente des Glücklichseins, wenn man zum Beispiel Fan von Diana oder William und Kate ist. Ich sonne mich im Ruhm meiner Idole. Dann kann ich Konkurrenten in meiner Gegend abwehren, gegen mein Vorbild ist das ja alles nichts.“ Dollase zitiert den Psychologen Robert A. Wicklund, der den Begriff von der „symbolischen Selbstergänzung“ geprägt hat.

          Ein berufliches Vorbild

          Das funktioniert natürlich auch im Berufsleben, erklärt die Berliner Wirtschaftspsychologin Brigitte Scheidt: „Ein berufliches Vorbild zu haben gibt Halt und Orientierung. Nicht jeder hat ein Vorbild, manch einer mag auf den ersten Blick keine Vorbilder, wobei viele davon ausgehen, dass Vorbilder ,ideale Menschen’ sein müssten, denen man nacheifern kann.“ Orientierung bieten aber natürlich auch Menschen, die nicht prominent sind. „Als Karriereberaterin rate ich dennoch immer dazu, sich nach Vorbildern umzutun, um damit ,sich auf die Spur’ zu kommen.“ Vorbilder stünden so verstanden für Fähigkeiten. In der Beratung frage sie daher immer nach: „Gibt es real oder aus Büchern oder Filmen jemanden, den Sie bewundern oder den Sie in einem Teilbereich für beispielhaft halten? Was kann dieser Mensch, was Sie gerne können möchten?“ Diese Fragen helfen unter anderem bei einer beruflichen Neuorientierung, betont die psychologische Psychotherapeutin: „Über die Auswahl solcher Vorbilder können eigene Wünsche, Sehnsüchte wie auch Lernziele entdeckt oder bestätigt werden.“

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