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Vor dem IT-Gipfel : Mach dich fit für die Digitalisierung

Nehmen uns die Roboter die Arbeitsplätze weg? Mitarbeiter können sich schon jetzt wappnen. Bild: dpa

Viele Beschäftigte plagt die Sorge, von Robotern und Algorithmen verdrängt zu werden. Wie lässt sich das verhindern? Anregungen vor dem IT-Gipfel.

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          Welche Folgen wird die rasante Digitalisierung der Wirtschaft für die Arbeitsplätze der Zukunft haben? Sind vernetzte Maschinen, kollaborative Roboter und künstliche Intelligenz eine gigantische Arbeitserleichterung und hieven die Erwerbsarbeit auf ein völlig neues Niveau? Oder ist die Technik in vielen Bereichen schon bald der bessere und günstigere Mitarbeiter, so dass Tausende oder gar Millionen Arbeitsplätze der technischen Revolution zum Opfer fallen werden, ohne dass auf der anderen Seite neue Stellen in annähernd gleichem Maß entstehen?

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die Diskussion über diese Fragen ist seit rund drei Jahren in vollem Gange. Damals schlug eine Studie hohe Wellen, in der die beiden Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne die Automatisierungs-Wahrscheinlichkeiten für Hunderte Berufe ausrechneten. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass in den kommenden zwanzig Jahren rund die Hälfte der Arbeitsplätze in Amerika gefährdet ist. „Die Menschen werden sich Jobs und Aufgaben zuwenden müssen, die nicht automatisierbar sind“, rät Autor Frey. „Gleichzeitig müssen einige die notwendigen Kompetenzen für die Bedingungen der neu eingeführten Technologien erwerben.“ Für Deutschland errechneten Wissenschaftler nach dieser Methode einen Wert von immerhin noch 42 Prozent. Das schreckte auch hierzulande die Politik auf. Seitdem steht das Thema - meist unter dem Begriff „Arbeiten 4.0“ - prominent auf der Agenda. Arbeitsministerin Andrea Nahles will noch im November ein Weißbuch mit Handlungsempfehlungen vorlegen.

          Auch auf dem nationalen IT-Gipfel am 16. und 17. November in Saarbrücken, zu dem auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel erwartet werden, steht die digitale Bildung im Mittelpunkt. Dort werden die Politiker ein Paket mit Handlungsempfehlungen überreicht bekommen, wie sich der digitale Wandel gestalten lässt. Autor ist die Plattform Industrie 4.0, ein Netzwerk von mehr als 150 Organisationen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Gewerkschaften. Eine Arbeitsgruppe, deren Ergebnisse dieser Zeitung vorab vorliegen, befasst sich dabei mit Empfehlungen und Praxisbeispielen für Unternehmen und Beschäftigte, wie die Anforderungen der Digitalisierung bewältigt werden können. Dabei gibt es vier zentrale Schritte:

          1. Veränderungen analysieren

          Allein der gute Wille zur Qualifizierung der eigenen Mitarbeiter reicht nicht aus. Die Arbeitsgruppe empfiehlt daher, Instrumente zu nutzen, „mit denen ein realistisches und differenziertes Bild des Qualifizierungsbedarfs ermittelt werden kann“. Als Beispiel für ein solches Vorgehen wird Siemens genannt. Wie dessen Arbeitsdirektorin Janina Kugel in dieser Zeitung schon erläuterte, hat der Technologiekonzern zunächst die Veränderungen durch die Digitalisierung analysiert und anschließend Ausbildungsinhalte, Lehrmethoden und Trainer-Kompetenzen daran angepasst. Im Mittelpunkt standen dabei 25 Digitalisierungs-Kompetenzen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Für jede betroffene Tätigkeit wurden dann Verschiebungen der Bedarfe in den Digitalisierungs-Kompetenzen ermittelt. Für den Servicetechniker zeigte sich zum Beispiel, dass unter anderem in den Kompetenzfeldern systemisches Denken, Netzwerk-Protokolle, Cloud Computing und Datenanalyse die Anforderungen in den nächsten Jahren enorm steigen werden. Anschließend konnten neue Lernsequenzen entwickelt werden, die die neuen Bedarfe abbildeten.

          2. Ausbildung betrieblich gestalten

          Ausgehend vom Fall Siemens, regen die Fachleute der Industrieplattform deshalb an, „Spielräume in der Gestaltung von dualen Ausbildungen im Betrieb noch mehr als bisher zu nutzen“. Als Beispiel wird die ABB Stotz-Kontakt GmbH in Heidelberg genannt. Die Konzerngesellschaft entwickelt, fertigt und vertreibt Energie- und Automatisierungstechnik. ABB habe nach der Neuordnung der zentralen Berufsausbildungen im Metall- und Elektrobereich um die Jahrtausendwende zunächst gewartet, wie sich die Anpassungen auswirken.

          Mit der Installation der hochautomatisierten Fertigungslinie ML1 habe man dann die Lerninhalte und Schwerpunkte nochmals stärker an den werkspezifischen Bedarfen ausgerichtet, heißt es. Die enge Verzahnung der einzelnen Unternehmensbereiche von ABB Stotz-Kontakt sowie der Ansatz, dass bevorzugt interne Lösungen angestrebt werden, nämlich Anlagen selbst geplant und konstruiert werden, hätten zudem einen positiven Effekt auf die Qualifizierungsmaßnahmen gehabt. Im ganzen Unternehmen wurde umfassend Fachwissen gesammelt und mit Trainern und Lernenden aus dem Ausbildungscenter ausgetauscht.

          „Infolge der Erfahrungen mit der ML1 und der frühzeitigen Anpassung unserer Ausbildung verlief die Umstellung auf unsere Industrie-4.0-Fertigungslinie ML2 nahezu geräuschlos“, sagt Erhan Serbest, Leiter der Fertigungseinheit in Heidelberg. „Unsere Leute sind auch im Software-Bereich so gut ausgebildet, dass wir Programmierprobleme selbst lösen können. Das macht uns unabhängig von externen Anbietern.“ Durch die engere Verzahnung zwischen Ausbildung und Produktion werde die Beschäftigungsfähigkeit der Auszubildenden deutlich erhöht. Der Nachwuchs wird meist direkt übernommen und ist sofort nach der Ausbildung voll einsatzbereit.

          3. Weiterbildung flexibel machen

          Neben der Ausbildung neuen Personals ist die Weiterbildung der vorhandenenBelegschaft ein zentraler Baustein der Handlungsempfehlungen. Demnach werden in der digitalisierten Arbeitswelt neue Formen und Angebote erheblich an Bedeutung gewinnen. Die Arbeitsgruppe führt als Praxisbeispiel die Deutsche Telekom an. Ein umfassendes Skill- und Qualifizierungs-Managementsystem biete dem Bonner Unternehmen den Rahmen, um Qualifizierungsbedarfe schnell zu erkennen und mit entsprechenden Bildungsangeboten zu decken. Im strategisch wichtigen Bereich IT-Sicherheit habe das System schon Früchte getragen. „Zur Deckung des Fachkräftebedarfes für die IT-Security haben wir eine Bildungskette hin zum hochqualifizierten Cyber-Security Professional aufgebaut“, sagt Markus Lecke, verantwortlich für Bildungspolitik der Telekom. „Der Weg reicht von einer IT-Ausbildung oder einem dualen IT-Studium über IHK-Zertifikate, Workshops, praktische Übungen, Projektarbeiten und Studienmodule bis zum Master-Abschluss.“ Mit jedem der Mitarbeiter werden individuelle Lernziele getroffen. Die Angebote richten sich ausdrücklich auch an etablierte Mitarbeiter. Denn gerade in der Informatik änderten sich die Anforderungen so rasant, dass lebenslanges Lernen unverzichtbar werde. „Genau wie die Cyber-Attacken sich ständig erneuern und verändern, müssen auch die Menschen, die sie abwehren, flexibel und lernfähig bleiben“, sagt Lecke.

          4. Lernen am Arbeitsplatz fördern

          Die Arbeitsgruppe regt die Unternehmen an, den Rahmen für Lernen am Arbeitsplatz zu schaffen, Arbeit altersgerecht und lernfördernd zu gestalten sowie vermehrt arbeitsplatzintegrierte, flexible Lernformen zu nutzen. Als Vorbild wird der „Appsist“ des Maschinenbauers Festo und seiner Partner genannt. Der Appsist, zusammengesetzt aus den Worten Applikation und Assistenz, wurde gemeinsam mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), dem Festo-Lernzentrum, dem Fraunhofer IAO, der Ruhr-Universität Bochum sowie der IG Metall entwickelt. Auch die Beschäftigten wurden eingebunden.

          Das Ganze funktioniert so: Der Appsist sendet nach dem Fehler einer Maschine ein Signal an das Tablet, die Datenbrille oder die Smartwatch des Maschinenbedieners. Der wiederum geht zur Maschine, meldet sich im System an und erhält vom Appsisten eine Anleitung zur Fehlerbehebung, die er schrittweise abarbeitet. So kann er ohne Instandhalter die Maschine rasch wieder zum Laufen bringen. Appsist passt sich dem Nutzer und der Situation an. Zudem kann das System die besten Lösungen priorisieren. Kommt der Bediener nicht allein klar, kann er vom Tablet aus per Telefon und E-Mail auch Fachleute kontaktieren.

          Gleichzeitig stellt das System Hintergrundwissen bereit, ermöglicht also Weiterbildung am Arbeitsplatz. Der individuelle Wissensaufbau und die Lernerfolge werden dokumentiert und können nachgewiesen werden. Nach Auffassung von Christoph Igel vom DFKI wird mit Appsist „für die Qualifizierung am Arbeitsplatz erstmals eine neue Dimension der Individualisierung ermöglicht“.

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