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Lernen vom Schach : Können Sie „Königsindisch“?

Zug um Zug zum Ziel - auch wenn man manchmal alleine da steht. Bild: Rüchel, Dieter

Stundenlang über den nächsten Zug nachdenken, Lavieren, wenn der Erfolg ungewiss ist: Das Spiel der Könige und der Arbeitsalltag haben viel gemeinsam. Acht Gründe, warum Strategien aus dem Schach im Beruf weiterbringen.

          5 Min.

          Nachdenken hilft

          Das klingt zunächst banal, zugegeben. Gemeint ist hiermit aber nicht so etwas wie der sprichwörtliche Ratschlag „Erst denken, dann reden“. Das tun wir sowieso immer, unser Gehirn kann gar nicht anders. Es geht um konzentriertes Nachdenken. Schachspieler fokussieren sich, während sie spielen, ganz auf ihr Spiel - auf 64 Felder, die eigenen Figuren, die des Gegners, wie beide miteinander zusammenhängen. Stundenlang. Und sie lernen, ihren „Rechenapparat“ quasi auf Knopfdruck anzuschalten. Das hilft natürlich nicht bloß im Schach, sondern auch im Beruf. Und nicht zu vergessen freuen sich auch Familie und Freunde, wenn ihnen Ihre volle Aufmerksamkeit zuteilwird.

          Den besten Zug ziehen

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Was will ich nach der Schule werden? Rechtsanwalt oder Schreiner, Selbständiger oder Angestellter, Student oder Auszubildender? Oder - schon im Beruf - welche Karriere möchte ich machen? Experte werden oder Menschen führen oder möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit verdienen? Wer das weiß, muss herausfinden, wie er dorthin kommt, also „Varianten“ durchrechnen. Im Schach bedeutet das konkret: Wenn ich einen Zug ziehe, was kann dann mein Gegner machen, was dann wieder ich, was dann wieder er. Je weiter ich rechne, desto besser - das kostet Zeit. Denn dabei gilt der Kanzlerinnen-Ausspruch „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit“. Es gibt Stellungen, in denen sind mehrere gute Züge möglich, in manchen bleibt bloß einer, in manchen verliert jeder; ja, auch das kann sein. Erfolgreiche Schachspieler rechnen außerdem alle Varianten nur auf ihr konkretes Ergebnis hin durch - ästhetische oder dogmatische Erwägungen spielen keine Rolle, moralische (es gibt unveränderliche Spielregeln, die jeder kennt und akzeptiert) auch nicht. Ein so nüchterner Ansatz hilft häufig auch im Beruf.

          Richtig lavieren

          Eine ganz wichtige Technik. Manchmal ist die Stellung zu kompliziert, um wirklich ausrechnen zu können, welcher Zug den größten Erfolg verspricht. Gute Schachspieler beherrschen in dieser Situation ein mächtiges Mittel, das langweilig klingt, aber äußerst effektiv ist: Lavieren. Sie suchen gezielt nach Zügen, die möglichst gerade nichts an ihrer Stellung verändern. Das ist unglaublich schwer. Denn hinter diesem „Nichts“ stecken zwei große Anforderungen: Erstens dürfen sich die eigenen Chancen durch den gewählten Zug nicht verschlechtern, und zweitens sollte der Zug möglichst wenig festlegen („forcieren“ sagen Schachspieler dazu), also viele Optionen offenhalten. Wer gut lavieren kann, meistert auch Phasen mit knapper Bedenkzeit ordentlich, wenn schlicht keine Zeit ist, um alles zu kalkulieren und vernünftig zu entscheiden. Politiker lavieren häufig herum, regelmäßig wird ihnen das sogar vorgeworfen. Dabei ist es schlicht ein nützlicher systematischer Umgang mit Problemen, die zu komplex sind, als dass wir sie final durchschauen (können). Wir setzten dann darauf, dass sich irgendwann eine Gelegenheit ergibt. Und das kommt gar nicht selten vor. Klar ist aber auch: Lavieren funktioniert nicht immer, weder im Beruf noch im Privatleben. Wenn Sie etwa einen Heiratsantrag bekommen, sagen Sie einfach nein, wenn sie nicht wollen - alles andere als ein Ja wird ohnehin als Absage interpretiert.

          Auf den Gegner vorbereiten

          Ein wichtiges Geschäftsessen steht an, ein Bewerbungsgespräch, ein entscheidender Vortrag - wer gut vorbereitet ist, hat umso bessere Chancen, solche Schlüsselereignisse in der persönlichen Karriere zu Erfolgen zu machen. Zu guter Vorbereitung gehört, zu wissen, wie die Menschen denken und handeln, mit denen wir zu tun haben. Gute Schachspieler bereiten sich ausführlich auf ihre Wettkämpfe vor. Sie können das dank ausgeklügelter Spezial-Computerprogramme. Riesige Spieledatenbanken verraten, mit welchen Zügen der Gegner seine Partien beginnt, gegen welche Varianten er gut abschneidet, welche Abspiele ihm nicht liegen. Daraus entsteht ein Profil, das ermöglicht, selbst eine effektive Strategie zu erarbeiten und böse Überraschungen zu vermeiden. Ein guter Spieler schaut aber nie nur darauf, was der Gegner tut, sondern achtet mehr noch auf die eigenen Stärken - auf die Karriere übertragen: Zum erfolgreichen Berufsleben gehört zunächst nicht, dass meine Geschäftspartner, Kollegen oder Zuhörer mich toll finden, sondern dass ich mich selbst wohl fühle (siehe nächster Punkt).

          Nicht jeder kann Königsindisch spielen

          Ich möchte gerne charmant und dauergutgelaunt auf andere Menschen zugehen, in jeder Situation einen tollen Spruch draufhaben und während Diskussionen mit messerscharfen Argumenten brillieren - aber was, wenn ich eigentlich gar nicht der Typ dafür bin? Wenn ich eigentlich eher zurückhaltend und nachdenklich bin, lieber mehr zuhöre als selbst rede und mich dabei wohl fühle? Ein Schachprofi würde sagen: Das macht überhaupt nichts, zumindest hängt der Erfolg nicht ab davon. Es gibt nicht „den“ Spielertyp, der erfolgreich ist. Garri Kasparow zum Beispiel war auch deswegen viele Jahre der alles überragende Spieler, weil er mit den schwarzen Steinen außergewöhnlich erfolgreich abschnitt. Dass lag an den scharfen Eröffnungsvarianten, die er anwendete, eine heißt „Königsindisch“: Schwarz wartet dabei nicht die weiße Attacke ab, sondern bläst selbst sofort zum Sturm auf den gegnerischen Monarchen. Das Risiko, mit wehenden Fahnen in unübersichtlichem Schlagabtausch unterzugehen, ist dabei groß - für beide Seiten. Kasparow, der große Taktiker, behielt häufig die Oberhand. Die gute Nachricht für alle in dieser Hinsicht weniger begabten Spieler, und das waren zu seiner aktiven Zeit eigentlich alle, lautet: Man muss nicht Königsindisch können, um Weltmeister zu werden. Kasparows großer Dauerkonkurrent Anatoli Karpow war ein versierter Stratege, der seine Gegner häufig so unauffällig überrollte, dass sie selbst nachher erst einmal eine Weile brauchten, um zu verstehen, warum sie verloren hatten. Und der junge Norweger Magnus Carlsen dominiert derzeit die Schachwelt, weil er viele Stunden spielen kann, ohne den kleinsten Fehler zu machen, und zugleich kleinste Nachlässigkeiten seiner Gegenüber gnadenlos ausnutzt. Gemein ist den Weltmeistern nur, dass sie es immer schaffen, dem Spiel ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

          Nerds sind cool

          Schachspieler sind Nerds. Sie können fünf Stunden lang eine einzige Partie spielen, ohne sich zu langweilen. Wenn sie über Schach reden, klingt das für Außenstehende nicht selten wie eine Fremdsprache. So, wie wenn Computer-Cracks über Computer sprechen. Auch die sind Nerds. Seitdem Computer und das Internet alles miteinander verbinden und durchdringen, sind die Nerds in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Schach ist zwar nicht bedeutender geworden in den vergangenen Jahren, aber womöglich können die Spieler auf der Nerd-Welle mitreiten.

          Psychologische Tricks ersetzen keine Spielstärke

          Natürlich ist auch im Schach Nervenstärke wichtig. Bleibe ich ruhig, wenn mein Gegner auf einen Zug mit Kopfschütteln reagiert? Sieht man mir an, wenn ich mich in meiner Stellung unwohl fühle, auch wenn es gerade keinen objektiv erkennbaren Grund dafür gibt? Psychologie und Körpersprache können eine wichtige Rolle spielen, auch hier ist der stets aggressiv-angriffslustig wirkende Kasparow ein Paradebeispiel. Wenn er am Brett saß, war ihm anzusehen, dass alles andere als ein Sieg (sein Sieg!) ein völlig inakzeptables Ergebnis war. Um keine Schwäche zu zeigen, gehörte deswegen zur Ausbildung in der klassischen russischen Schachschule auch, während des Spiels quasi zu einer emotionslosen Wand zu werden. Aber Psychologie ist nur ein Nebenaspekt. Am Ende gewinnt, wer die besseren Züge zieht - schließlich fand auch Kasparow seinen Meister, Psychotricks hin oder her. Auch im Beruf zählt am Ende - hoffentlich immer - die Qualität der geleisteten Arbeit.

          Einen Beruf mit Perspektive wählen

          Schach ist vielleicht das faszinierendste Spiel der Welt. Es ist Wettstreit, mentales Kräftemessen und Meditation in einem. Und ein wirklich tolles Hobby. Schachvereine gibt es in fast jedem Ort, und viele Schach-AGs schon an Grundschulen - wenn die Kinder Spaß daran haben, lohnt sich das auf jeden Fall, auch für viele andere Fächer. Hauptberuflich Schachspieler werden sollte (in Deutschland) aber nur, wer ungefähr unter den besten zwanzig Spielern der Welt mithalten kann. Oder wer vermögend genug ist, um nicht mit Arbeit den Lebensunterhalt bestreiten zu müssen.

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