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Lernen vom Schach : Können Sie „Königsindisch“?

Nicht jeder kann Königsindisch spielen

Ich möchte gerne charmant und dauergutgelaunt auf andere Menschen zugehen, in jeder Situation einen tollen Spruch draufhaben und während Diskussionen mit messerscharfen Argumenten brillieren - aber was, wenn ich eigentlich gar nicht der Typ dafür bin? Wenn ich eigentlich eher zurückhaltend und nachdenklich bin, lieber mehr zuhöre als selbst rede und mich dabei wohl fühle? Ein Schachprofi würde sagen: Das macht überhaupt nichts, zumindest hängt der Erfolg nicht ab davon. Es gibt nicht „den“ Spielertyp, der erfolgreich ist. Garri Kasparow zum Beispiel war auch deswegen viele Jahre der alles überragende Spieler, weil er mit den schwarzen Steinen außergewöhnlich erfolgreich abschnitt. Dass lag an den scharfen Eröffnungsvarianten, die er anwendete, eine heißt „Königsindisch“: Schwarz wartet dabei nicht die weiße Attacke ab, sondern bläst selbst sofort zum Sturm auf den gegnerischen Monarchen. Das Risiko, mit wehenden Fahnen in unübersichtlichem Schlagabtausch unterzugehen, ist dabei groß - für beide Seiten. Kasparow, der große Taktiker, behielt häufig die Oberhand. Die gute Nachricht für alle in dieser Hinsicht weniger begabten Spieler, und das waren zu seiner aktiven Zeit eigentlich alle, lautet: Man muss nicht Königsindisch können, um Weltmeister zu werden. Kasparows großer Dauerkonkurrent Anatoli Karpow war ein versierter Stratege, der seine Gegner häufig so unauffällig überrollte, dass sie selbst nachher erst einmal eine Weile brauchten, um zu verstehen, warum sie verloren hatten. Und der junge Norweger Magnus Carlsen dominiert derzeit die Schachwelt, weil er viele Stunden spielen kann, ohne den kleinsten Fehler zu machen, und zugleich kleinste Nachlässigkeiten seiner Gegenüber gnadenlos ausnutzt. Gemein ist den Weltmeistern nur, dass sie es immer schaffen, dem Spiel ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

Nerds sind cool

Schachspieler sind Nerds. Sie können fünf Stunden lang eine einzige Partie spielen, ohne sich zu langweilen. Wenn sie über Schach reden, klingt das für Außenstehende nicht selten wie eine Fremdsprache. So, wie wenn Computer-Cracks über Computer sprechen. Auch die sind Nerds. Seitdem Computer und das Internet alles miteinander verbinden und durchdringen, sind die Nerds in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Schach ist zwar nicht bedeutender geworden in den vergangenen Jahren, aber womöglich können die Spieler auf der Nerd-Welle mitreiten.

Psychologische Tricks ersetzen keine Spielstärke

Natürlich ist auch im Schach Nervenstärke wichtig. Bleibe ich ruhig, wenn mein Gegner auf einen Zug mit Kopfschütteln reagiert? Sieht man mir an, wenn ich mich in meiner Stellung unwohl fühle, auch wenn es gerade keinen objektiv erkennbaren Grund dafür gibt? Psychologie und Körpersprache können eine wichtige Rolle spielen, auch hier ist der stets aggressiv-angriffslustig wirkende Kasparow ein Paradebeispiel. Wenn er am Brett saß, war ihm anzusehen, dass alles andere als ein Sieg (sein Sieg!) ein völlig inakzeptables Ergebnis war. Um keine Schwäche zu zeigen, gehörte deswegen zur Ausbildung in der klassischen russischen Schachschule auch, während des Spiels quasi zu einer emotionslosen Wand zu werden. Aber Psychologie ist nur ein Nebenaspekt. Am Ende gewinnt, wer die besseren Züge zieht - schließlich fand auch Kasparow seinen Meister, Psychotricks hin oder her. Auch im Beruf zählt am Ende - hoffentlich immer - die Qualität der geleisteten Arbeit.

Einen Beruf mit Perspektive wählen

Schach ist vielleicht das faszinierendste Spiel der Welt. Es ist Wettstreit, mentales Kräftemessen und Meditation in einem. Und ein wirklich tolles Hobby. Schachvereine gibt es in fast jedem Ort, und viele Schach-AGs schon an Grundschulen - wenn die Kinder Spaß daran haben, lohnt sich das auf jeden Fall, auch für viele andere Fächer. Hauptberuflich Schachspieler werden sollte (in Deutschland) aber nur, wer ungefähr unter den besten zwanzig Spielern der Welt mithalten kann. Oder wer vermögend genug ist, um nicht mit Arbeit den Lebensunterhalt bestreiten zu müssen.

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