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Von der Schwemme zum Mangel : Pfarrer werden? Uncool!

  • -Aktualisiert am

Susanne Seehaus stammt aus einer Pfarrersfamilie und wurde deshalb in der DDR von Lehrern drangsaliert. Die Erweiterte Oberschule (EOS), das damalige Pendant eines Gymnasiums, blieb ihr verschlossen. Sie durfte aber ein Fachabitur machen, zu dem eine Berufsausbildung zur Maschinenbauzeichnerin gehörte, eine Arbeit, die ihr nicht gefiel. Nach dem Fall der Mauer konnte sie sich an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität einschreiben. Die Kirche hatte zu DDR-Zeiten ein großes Herz für Menschen, die mit dem Staat im Clinch lagen – und war deshalb als Arbeitgeber attraktiv für diese. „Anfang der neunziger Jahre nutzten viele meiner Kommilitonen die Gelegenheit und erfüllten sich ihre ursprünglichen Berufswünsche, die ihnen bis dahin verwehrt gewesen waren“, sagt Seehaus. Sie verabschiedeten sich von der Theologie und wurden etwa Germanisten oder Künstler. Seehaus blieb.

Theologiestundenten, die die Existenz Gottes in Frage stellen

Christoph Markschies ist heute Dekan der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität. Mit süddeutschem Akzent erzählt er von seiner Studienzeit in Tübingen in den 80er Jahren. Damals stammten die meisten Studenten „aus dem klassischen Bildungsbürgertum und waren kirchlich sozialisiert“. Auch heute kämen etliche Berliner Theologiestudenten aus dem kirchennahen Milieu.

Ein Elternteil ist Pfarrer oder in der kirchlichen Sozialarbeit tätig. Die Studenten haben meist eine kirchliche Schule besucht. „Bei uns studieren jedoch auch Menschen, die diesen Hintergrund gar nicht haben, die das Fach kennenlernen möchten und sich erst dann entschließen, Pfarrerin oder Pfarrer zu werden“, sagt der Professor. Sein Eindruck sei, dass die Zahl dieser Studierenden steigt. Er könne es jedoch nicht statistisch belegen.

Markschies berichtet von Theologiestudenten, die sogar die Existenz Gottes in Frage stellen. Das war früher undenkbar. „Sie sind auf der einen Seite kritischer, auf der anderen Seite neugieriger“, sagt er. „Dadurch, dass sie völlig andere Erfahrungen gesammelt haben, nehmen sie nichts für selbstverständlich.“ Auch Susanne Seehaus begegnet in ihrem Arbeitsalltag oft Menschen, denen Religion völlig fremd ist. Nachdem sie 2001 ein Vikariat ergattert hatte, wurde sie nach dem Zweiten Theologischen Examen erst Pfarrerin in Frankfurt/Oder und dann in Rangsdorf. Nur zehn Prozent der Grundschüler, die sie weiterhin zwei Mal in der Woche im Fach Religion unterrichtet, sind noch getauft, schätzt sie.

Ein familienfreundlicher Beruf

Früher war evangelischer Pfarrer ein Männerberuf. Das ändert sich. Christoph Markschies schätzt, dass etwa die Hälfte der Studierenden, die sich für den Beruf interessieren, Frauen sind. Das liege an der Familienfreundlichkeit, meint er: „Der Berufsweg ist gut planbar. Man kann zeitweise die Arbeitszeit reduzieren und aufs Land ziehen, wo Kinder besonders gut aufwachsen können.“ Auch ein Wechsel zwischen Arbeitsmilieus ist möglich. Dann folgt vielleicht eine Lebensphase in der Großstadt, wo Pfarrerinnen und Pfarrer Akteure der multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft sind.

Akteure einer multireligiösen Gesellschaft sind auch die pädagogischen Fachkräfte im Bistum Trier. Die 1,4 Millionen Katholiken in der Region machen noch zwei Drittel der Bevölkerung aus. Angela Thelen ist beim Caritasverband der Diözese für 510 Kindertagesstätten mitverantwortlich. In manchen Einrichtungen werden Kinder mit 20 Nationalitäten und vielen verschiedenen Glaubensbekenntnissen betreut, sagt sie. Im Unterschied zu früher will die katholische Kirche nicht missionieren. Die Erzieherinnen streben „einen interreligiösen Dialog“ an.

Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche zeigen sich liberaler als früher. Dass etwa eine Familienberatungsstelle in der Trägerschaft einer Kirche eine geschiedene Sekretärin beschäftigen kann, die nicht an Gott glaubt, wäre früher undenkbar gewesen. Inzwischen werden nur noch für Leitungspositionen Menschen christlichen Glaubens gesucht. Wenn die Ehe eines Angestellten scheitert, mischt sich die katholische Kirche nicht mehr so vehement ein.

Eine neue Lebenspartnerschaft hat dann eine sogenannte Kündigungs-Relevanz, wenn sie „sich störend auf die Zusammenarbeit in der Dienstgemeinschaft auswirkt“, heißt es dazu von der Deutschen Bischofskonferenz. Das sei jedoch selten der Fall. Man spricht von einer „Milderung des Arbeitsrechts“ und hat dabei auch die Sicherung Zukunft im Blick: Auch den kirchlichen Einrichtungen werden noch weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen. Diese werden es wohl nicht schätzen, wenn sich ihre Arbeitgeberin in das Privatleben einmischt.

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