https://www.faz.net/-gyl-9v6lo

Vier-Tage-Woche : Die große Sehnsucht nach mehr Freizeit

Praktiziert aus Überzeugung den 5-Stunden-Tag: Lasse Rheingans Bild: Holde Schneider

Überlange Wochenenden oder kurze Arbeitstage: Auf einmal reden alle über finnische Arbeitszeiten – obwohl in Finnland gar keine Änderung geplant ist.

          3 Min.

          Die Nachricht klang einfach zu schön, um wahr zu sein. Und sie war es auch nicht: Anfang der Woche meldeten zahlreiche Zeitungen und Internetseiten quer durch Europa, Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin wolle in ihrem Land eine Vier-Tage-Arbeitswoche und Sechs-Stunden-Arbeitstage einführen.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Das stimmt allerdings gar nicht. Marin hatte sich zwar vor rund einem halben Jahr während einer Parteiveranstaltung der finnischen Sozialdemokraten positiv zu solcherlei Arbeitszeitmodellen geäußert. Doch war sie zum fraglichen Zeitpunkt noch Verkehrsministerin und eine Einführung von überlangen Wochenenden oder kürzeren Arbeitstagen stand und steht nicht auf der Agenda des Landes, wie die finnische Regierung mittlerweile klargestellt hat.

          Interessant an dem vermeintlichen „Fall Finnland“ ist allerdings, welch große mediale Welle er auslöste. Wo war nicht alles über die angeblichen Pläne der jüngsten Ministerpräsidentin der Welt zu lesen: In Großbritannien schrieben etwa der „Independent“ und die „Daily Mail“ darüber, in Deutschland griffen unter anderem die Zeitung „Welt“ und der Deutschlandfunk die Meldung auf; mittlerweile ist zu hören, dass selbst in Australien und Indien darüber berichtet wurde. Auf Twitter waren Kommentare zu lesen wie: „Ich liebe Finnland“. Nach dem finnischen Dementi kamen auch enttäuschte Äußerungen wie: „Oh Mann, und ich war gerade dabei, meine Auswanderung nach Finnland vorzubereiten.“

          Die Diskussion über kürzere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn ist in Deutschland keineswegs neu. Das liegt unter anderem daran, dass die Sehnsucht nach mehr Freizeit ziemlich groß ist – und zwar nicht erst in Zeiten der Digitalisierung und ständigen Erreichbarkeit, sondern schon länger. Rund 50 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen würden ihre Arbeitszeit gern um mindestens zweieinhalb Stunden in der Woche reduzieren, schrieb das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Studie aus dem Jahr 2018. Der zuständige Arbeitszeit-Wissenschaftler Enzo Weber vermutet, dass diese Größenordnung seither erhalten geblieben ist; schließlich sei der Trend schon seit Jahren recht stabil. Tarifverträge mit Wahloptionen zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit, wie etwa bei der Deutschen Bahn, ermöglichen Arbeitnehmern heutzutage aber häufiger als früher, ihre Präferenzen auch durchzusetzen. Solche Wahlmodelle haben in der jüngeren Vergangenheit auch tatsächlich gezeigt, dass sich überraschend viele Mitarbeiter quer durch die Altersgruppen für mehr Freizeit statt mehr Geld entschieden.

          „Aktuelle Debatte richtig und wichtig“

          Mit Blick auf eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich rüttelte im vergangenen Jahr der Unternehmer Lasse Rheingans auf. In seinem Buch „Die 5 Stunden Revolution“ beschreibt er, dass in seiner Digitalagentur mit 16 Mitarbeitern der Arbeitstag für alle um 13 Uhr endet und dass das die Produktivität der Mitarbeiter gesteigert habe. Rheingans glaubt voll und ganz an sein Modell und begrüßt die aktuelle Diskussion – völlig unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Nachricht über Finnland: Das Konzept eines verkürzten Arbeitstages stehe „unter anderem auch für eine ausgeglichene Balance, Gesundheit, Zufriedenheit und Chancengleichheit“, ließ Rheingans am Mittwoch mitteilen. Deshalb finde er die aktuelle Debatte „auch so wichtig und richtig – Menschen können sich Zeit eben nicht von ihrem Gehalt kaufen“.

          Noch vor Rheingans hatte in Amerika der Stehpaddel-Unternehmer Stephan Aarstol mit einem 5-Stunden-Tag-Modell Schlagzeilen gemacht. Allerdings stellte er nach einiger Zeit fest, dass das kürzere Arbeiten bei gleichbleibender Produktivität so anstrengend für die Belegschaft war, dass er es mittlerweile nicht mehr das ganze Jahr lang praktiziert – sondern nur noch im Sommer. In Schweden scheiterte ein Versuch zum 6-Stunden-Tag in einem Altenheim daran, dass es nötig wurde, viele neue Mitarbeiter einzustellen, was sich als zu teuer erwies.

          Personalmanager gegen pauschale Verkürzung

          Nüchternheit versucht auch der Bundesverband der Personalmanager in die Debatte zu bringen. „Eine pauschale Verkürzung, beispielsweise auf die Vier-Tage-Woche, wäre angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie des Fachkräftemangels und der damit einhergehenden Arbeitsverdichtung alles andere als zielführend“, sagte der stellvertretende Verbandspräsident Frank Kohl-Boas der F.A.Z. „Unser Arbeitssystem lässt sich nur umgestalten, wenn wir flexible Arbeitsmöglichkeiten entlang der Lebensplanung- und -erwartung jedes einzelnen Mitarbeiters schaffen.“ Das könne für den einen die 4-Tage-Woche sein, für den anderen vielleicht Job Sharing oder Teilzeit. „Unserer Meinung nach kann es kein ,Entweder-oder‘ sondern nur ein ,Sowohl-als-auch‘ in puncto Arbeitszeitumfang geben“, sagte Kohl-Boas, der hauptamtlich Personalchef des Zeit-Verlages ist.

          Ein Indiz dafür, dass die Sehnsucht nach mehr Freizeit größer wird, liefert auch eine Analyse des Software-Unternehmens Semrush zum Suchverhalten der deutschen Internetnutzer nach dem Begriff „4 Tage Woche“: Zwischen Dezember 2016 und November 2019 sind sie um 630 Prozent gestiegen; im vergangenen Jahr wurde der Begriff je Monat demnach durchschnittlich 2155 Mal gegoogelt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland eine Regierung anzuführen. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.
          Tänzer proben für den hohen Besuch: Agra bereitet sich auf Donald Trump vor.

          Besuch in Indien : Ein Spektakel, wie es Trump und Modi lieben

          Wenn der amerikanische Präsident nach Indien reist, geht es mehr um Bilder fahnenschwenkender Anhänger als um konkrete Vereinbarungen. An die Stelle eines Handelsabkommens dürften die Rüstungsverträge treten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.