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Vertretung von Kleinststaaten : Semesterferien? Werde doch Diplomat!

  • -Aktualisiert am

Malerisches Fidschi: Der Inselstaat lässt sich von Diplomaten auf Zeit vertreten Bild: Mirco Lomoth

Weil sich Kleinststaaten wie Tuvalu, Palau und Mikronesien keine eigenen Abgesandten leisten können, werden sie bei den Vereinten Nationen von Studenten vertreten. Diese sind vollwertige Diplomaten - auf Zeit.

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          Als Hanna Schacht vor ein paar Monaten erfuhr, dass sie bald für die Föderierten Staaten von Mikronesien als Diplomatin arbeiten würde, musste sie erst mal auf der Weltkarte nachgucken, wo dieses Land überhaupt liegt. „Ich hatte so eine vage Vorstellung“, sagt die 27 Jahre alte Rechtsreferendarin und lacht. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch im Diplomatic Center der Vereinten Nationen (UN) in New York und weiß inzwischen genau, dass der Inselstaat Mikronesien im westlichen Teil des Pazifischen Ozeans liegt, dass die gut 110.000 Einwohner durch den Klimawandel in ihrer Existenz bedroht sind und dass viele der kleinen Atolle, die Mikronesien bilden, bei einem Anstieg des Meeresspiegels zu versinken drohen.

          Dagegen kämpft Hanna Schacht - mit diplomatischen Mitteln. Drei Monate lang sitzt sie für Mikronesien in den Ausschüssen der Vereinten Nationen, stimmt im Namen des kleinen Staates ab, schreibt Reden, erstattet dem Botschafter Bericht. „Adviser“ steht auf ihrem UN-Delegiertenpass, „Berater“ also, und „Federated States of Micronesia“. Damit hat sie Zugang zu allen Bereichen des UN-Hauptquartiers. Dass sie eigentlich eine Praktikantin ist, erkennt auf den ersten Blick niemand.

          Zwischen Obama, Gaddafi und Berlusconi

          Ihre Hauptaufgabe ist, Mikronesien im sechsten UN-Komitee für Rechtsfragen zu vertreten. Im September durfte sie für ihre Mission eine Woche lang jeden Tag in der Vollversammlung sitzen: „Ich konnte mir Obamas Rede anhören und gleich darauf Gaddafi und Berlusconi“, erzählt die junge Frau, „ich glaube nicht, dass ich so etwas jemals wieder erleben werde.“ Im Studium hat sich die Juristin auf Völkerrecht spezialisiert, einen Teil ihres Referendariats wollte sie bei den Vereinten Nationen verbringen. Während ihrer Suche stieß sie im Internet zufällig auf eine Ausschreibung der Nichtregierungsorganisation „islandsfirst.org“.

          Die 2007 in den Vereinigten Staaten gegründete Organisation vermittelt Praktikanten an die UN-Missionen der „Small Island Developing States“ - zu dieser Gruppe gehören Länder wie Tuvalu, Nauru, Fidschi oder Palau. „Diese Nationen werden normalerweise kaum wahrgenommen, weil sie nicht genügend Geld und Mitarbeiter haben, um an allen wichtigen Sitzungen der UN teilzunehmen“, sagt Matthias Bergmann, der das deutsche Praktikantenprogramm von Islands First betreut. Dabei sei die UN-Arbeit gerade für diese kleinen Länder wichtig, die unmittelbar vom Klimawandel und von dem Anstieg des Meeresspiegels bedroht seien. „Die Mission von Tuvalu hat aber zum Beispiel nur drei festangestellte Mitarbeiter - die können ihre Arbeitskraft mit guten Praktikanten leicht verdoppeln und haben so ganz neue Möglichkeiten.“

          Die Praktikanten dürfen an allen Sitzungen teilnehmen

          New Yorker Studenten werden schon länger als Berater für die Missionen der kleinen Inselstaaten eingesetzt. Deutsche haben erst seit knapp einem Jahr die Möglichkeit, sich über Islands First für ein Praktikum zu bewerben. Während sich für die 600 Plätze des offiziellen UN-Praktikantenprogramms in New York jedes Jahr 6000 Studenten aus aller Welt bewerben, konnte Bergmann bisher jeden Interessenten an Missionen in New York vermitteln. Anders als die Praktikanten des UN-Sekretariats dürfen die Praktikanten der Inselstaaten an allen Sitzungen der UN teilnehmen.

          „Auch deshalb ist uns sehr wichtig, dass die Leute ausgezeichnetes Englisch sprechen und möglichst auch schon vorher Interesse an internationalen Zusammenhängen bewiesen haben“, sagt der Jurist. Als Mitarbeiter der Missionen müssten die Studenten selbstbewusst, flexibel und absolut verlässlich sein: „Ich glaube, dass es praktisch kein anderes Praktikum gibt, bei dem die Leute mit so viel eigener Verantwortung als vollwertige Mitarbeiter eingesetzt werden.“

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