https://www.faz.net/-gyl-9urc7

Unworte im Arbeitsalltag : Was wir 2020 nicht mehr hören wollen

  • Aktualisiert am

Arbeitsplatz der Firma Chimney Group Frankfurt Bild: Ly, Martin

Sprache ist ständig im Wandel. Das ist reizvoll. Aber nicht immer. Unsere Unworte des Jahres aus dem Büro- und Arbeitsalltag. So viel der Anglizismen war nie.

          6 Min.

          Abholen

          Wer sich heute noch von einem Taxi „abholen“ lässt, muss sich ganz schön gestrig vorkommen – und zwar nicht, weil es inzwischen Uber und andere Fahrdienste gibt. Vielmehr wird das Abholen mehr und mehr von einem physischen Vorgang zu einem psychischen. Ob Taxifahrten hierfür geeignet sind, darf – bei allem Respekt – bezweifelt werden. Alle werden mittlerweile irgendwo abgeholt, Wähler von Politikern, Mitarbeiter von Vorgesetzten, Schüler von Lehrern, manchmal auch Leser von Zeitungsleuten. Abholen, wo andere sich gerade befinden, ist Volkssport geworden, es steht für Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme, Selbstlosigkeit: Der Abholer ist so gesehen ein guter Mensch. Aber diese ganze Abholerei nervt gewaltig, es reicht doch, mit Menschen so zu reden, dass sie einen verstehen, ihnen zuzuhören, sie ernst zu nehmen. Dann könnten wir das Abholen wieder Taxi- und Busfahrern überlassen. Die machen das schon ganz gut.

          Uwe Marx

          Influencer

          Hübsch was präsentieren, pseudoprivat posten und dafür kassieren – theoretisch hört es sich nicht nur nach (ja, der Vergleich ist abgedroschen) einer Grippeerkrankung, sondern nach einem kinderleichten Job an, als „Influencer“ zu, ähm, „arbeiten“. Verstörend, wer sich heutzutage alles „Influencer“ nennt und Wimpernzangen-Tutorials hält. Noch verstörender, wie Unternehmen – eines nach dem anderen – einknicken, um mit egomanischen „Influencern“ die Netzkanäle zu durch- und zur jungen Zielgruppe vorzudringen. Von trutschigen Teleshoppertanten grenzen sich die „Influencer“ selbstredend messerscharf ab. Warum spricht keiner von Beeinflusser? Weil es noch beknackter klingt und der turbokapitalistischen Werbe-Wahrheit zu nahe kommt: Denn darum geht es in dem Marketing-Marketang-Marketong-Ego-Schau-Gesäusel: Andere zu beeinflussen zu konsumieren, etwas anzupreisen, nicht, weil das Produkt so einmalig ist, sondern weil der „Influencer“ es gratis erhalten hat.

          Ursula Kals

          Human Resources

          Personalabteilungen gibt es nicht mehr. Personalverantwortliche auch nicht. Die zuständigen Stellen heißen heute „Abteilung HR“ und die zuständigen Personen „Head of HR“, „HR Director“ oder „Senior HR Manager“. Das – englisch auszusprechende – „Äitsch Arr“ steht für „Human Resources“. Na klar, würde der Wirtschaftswissenschaftler sagen: Unternehmen haben Ressourcen, finanzielle zum Beispiel oder materielle. Sie haben aber auch immaterielle Ressourcen: die Menschen, die für das Unternehmen arbeiten. Natürlich lässt sich das positiv deuten. Wir Menschen, unser Wissen und unsere Fähigkeiten sind Ressourcen, etwas, woraus sich Erfolg für unsere Unternehmen generieren lässt. Eine knappe Ressource sind wir zudem, wer hat schließlich noch nicht vom Fachkräftemangel gehört? Aber ach! Ressourcen lassen sich auch kürzen oder anderswo billiger erwerben. Bei „Personaleinsparungen“, was zugegebenermaßen auch kein schönes Wort ist, war immerhin immer sofort klar, dass Personen dahinter standen. Auch beim „Personalchef“ würde man eher davon ausgehen, dass er darauf schaut, nicht allzu viele Personen allzu schmerzlich mit seinen Sparmaßnahmen zu treffen. Bleibt zu hoffen, dass die HR-Directors dieser Welt immerhin ressourcenschonend arbeiten und ihre menschlichen Ressourcen vor Stress und Überlastung schützen.

          Nadine Bös

          Maßgeschneidert

          Bitte künftig nichts mehr maßschneidern, außer Kleidung. Auf keinen Fall „Lösungen“. Das letzte Wort gibt es ja kaum mehr allein, fast immer sind die Lösungen maßgeschneidert. Das war womöglich früher einmal eine originelle Metapher, inzwischen leider inflationär gebraucht. Oft könnte man stattdessen auch das Wort „angepasst“ verwenden, aber das verträgt sich nicht so gut mit unserem Selbstbild, große Individualisten zu sein. Je nebulöser das, was uns verkauft werden soll, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass es uns als „maßgeschneidert“ angepriesen wird.

          Weitere Themen

          „Es gibt keinen globalen Konsumenten“

          Procter & Gamble : „Es gibt keinen globalen Konsumenten“

          Alex Keith ist die Vorsitzende von Procter & Gamble Beauty. Im Gespräch spricht Sie über Konkurrenten Coty, die zukünftige Strategie – und warum Sie nicht unbedingt mit Influencerin Kylie Jenner zusammenarbeiten würde.

          Shooting-Star oder One-Hit-Wonder? Video-Seite öffnen

          Pete Buttigieg : Shooting-Star oder One-Hit-Wonder?

          38 Jahre, offen schwul, lange Zeit kaum bekannt und mit einem Nachnamen, den viele Wähler immer noch nicht aussprechen können: Der frühere Bürgermeister der 100.000-Einwohner-Stadt South Bend im Bundesstaat Indiana ist die große Überraschung im Präsidentschaftsrennen.

          Topmeldungen

          Er wedelt noch, sie merkelt schon: Habeck, Baerbock und die „Merkel-Raute“

          Heimlich für Merz? : Die Grünen hoffen auf Merkel-Stimmen

          Die Grünen wollen regieren. Das ginge mit einer Laschet-CDU leichter als mit einer Merz-CDU. Vor allem wollen sie jedoch stärkste Partei werden. Den Platz dafür in der politischen Mitte könnte eher Merz als Laschet schaffen.

          Unzufriedene Deutsche : Kapitalismus am Pranger

          Die Löhne sind hoch, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Sozialstaat wächst. Trotzdem glaubt mehr als jeder zweite Deutsche, dass der Kapitalismus mehr schadet als nutzt. Dahinter steckt nicht nur Gejammer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.