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Unworte im Arbeitsalltag : Was wir 2020 nicht mehr hören wollen

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Jeder Chef mit halbwegs gut ausgeprägten sozialen Antennen weiß großes Engagement seiner Mitarbeiter zu schätzen, und im Idealfall fördert er es sogar. Wenn er es richtig gut macht, verschreibt sich der Angestellte ja vielleicht sogar voll und ganz den Zielen des Unternehmens. Eine emotionale Bindung zur Firma, das klingt doch wunderbar. Noch besser klingt es allerdings, wenn sich der Mitarbeiter „committed“. Emotionale Bindung, absolute Hingabe oder Bekenntnis – das will doch keiner mehr hören. Schließlich soll der Laden bloß nicht altbacken wirken, wo jetzt agil gearbeitet wird und das Backlog sich mit lauter exciting Tasks für den nächsten Sprint füllt. Ein wirklich wichtiges Learning, wie der Change-Manager beim letzten Business-Lunch anerkennend anmerkt hatte. Wer noch damit fremdelt, möge sich an Jürgen Klinsmann halten. Der hat zum Start als neuer Trainer des derzeit eher mittelprächtig dastehenden Bundesligisten Hertha BSC Berlin Investor Lars Windhorst auf vorbildliche Art dafür gepriesen, wie der sich „committed“ hat, etwas Großes aufzubauen. So bringt man frischen Wind in einen Laden, der immer mal wieder als graue Maus der Liga betitelt wird. Was freilich auch daran liegt, dass das Spiel der Berliner oft nicht so recht zu den großen Ambitionen passen will. Ob kollektives „Commitment“ daran etwas ändert? Time will tell.

Benjamin Fischer

Wertig

„Das ist ein sehr wertiger Stoff“, sagt der Sofa-Fachverkäufer im überhitzten Möbelhaus. Vermutlich will er damit andeuten, der Bezug sei von hoher Qualität. Doch da man sich im „unteren Preissegment“ befindet, bringt das kleine „wertig“ perfekt zum Ausdruck, wofür dieses Adjektiv steht, seitdem ihm das „hoch“ genommen wurde: mehr Schein als Sein. Alles ist inzwischen „wertig“: die Griffe am Kühlschrank im Discounter, die Zutaten im Schnellimbiss, die Arbeit der Angestellten. Angeblich als Abkürzung von „hochwertig“ gemeint, springt einem „wertig“ doch überwiegend bei Produkten entgegen, die erschwinglich sind. Nach dem Motto: Wir spielen bei den Großen mit – nur nicht beim Preis! Doch niemand hat was zu verschenken, das weiß der Kunde. Und findet es nicht schlimm. Er mag es nur nicht, wenn mit dem Holzhammer extra auf Qualität hingewiesen wird, die eigentlich – in welchem „Preissegment“ auch immer – selbstverständlich sein sollte. Oder hat Chanel jemals seine Handtaschen als „wertig“ angepriesen? Was heißt das nun für „wertige“ Arbeit? Gut gemacht – aber den Bonus gibt’s nächstes Jahr?

Karin Truscheit

Boil the Ocean

Nein, diese Phrase hat nichts mit dem Klimawandel zu tun, auch wenn sie eine passende Metapher für die temperaturbedingte Ausdehnung des Meereswassers wäre. Der Begriff stammt aus der englischsprachigen Welt und bedeutet wortwörtlich übersetzt: „den Ozean zum Kochen bringen“. Unternehmensberater und Manager benutzen den Ausdruck gerne, um eine unlösbare Aufgabe zu beschreiben – es dürfte tatsächlich schwierig sein, einen Ozean zum Blubbern zu bekommen so wie einen Topf Nudelwasser. Herr S. soll innerhalb eines Tages eine repräsentative Umfrage unter 1000 Menschen durchführen, sie qualitativ auswerten und eine Studie verfassen – das „boilt den Ocean“ aber sowas von, sagen seine Kollegen. Gemeint ist: Die Aufgabe ist zu umfangreich, als dass sie der arme S. meistern könnte. Warum nicht einfach genau das sagen? Warum muss für jedes längst bekannte Phänomen ein neuer Begriff erdacht werden – natürlich auf Englisch –, der dann ungelenk in Sätze gebogen und mit breitem Akzent ausgesprochen wird? In Zeiten des ansteigenden Meeresspiegels, bedrohter Küsten und Menschen ist diese Phrase einfach geschmacklos.

Jessica von Blazekovic

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