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Verwässerter Berufsalltag : Unsere Unworte des Jahres

  • Aktualisiert am

Das wollen wir nicht mehr hören! Unsere Unworte des Jahres. Bild: dpa

Wer kennt sie nicht – Schlagworte, Zeitdiebe und Leerformeln, die den Berufsalltag verwässern. Die Redaktion hat ihre Favoriten des vergangenen Jahres zusammengestellt.

          8 Min.

          Vierpunktnull

          Der Begriff „Industrie 4.0“ ist ja noch ziemlich gut nachvollziehbar: Wenn Roboter und künstliche Intelligenz dafür sorgen, dass die Maschinen untereinander kommunizieren, dann ist das in der Tat eine grundlegend neue Version dessen, was wir bislang unter Industrie verstehen. Die Bezeichnung „Industrie 4.0“ lehnt sich an die vorangegangenen drei industriellen Revolutionen an und möchte die Digitalisierung als vierte Revolution feiern. Selbst das kann man kritisieren, wurden doch die ersten drei industriellen Revolutionen erst im Nachhinein als solche erkannt und benannt, während nun die vierte schon mal vorweg ausgerufen wird. Was aber wirklich nervt: Mittlerweile ist alles „4.0“, einfach alles! Bekanntester Ableger der Industrie 4.0 ist die „Arbeitswelt 4.0“. Logisch, wenn die Industrie digitalisiert und vernetzt ist, muss sich auch die Arbeitswelt verändern. Aber ist das jetzt die vierte Version der Arbeitswelt? Was waren die ersten drei Versionen? Die Frage stellt sich analog, wenn etwa das baden-württembergische Umweltministerium eine Veranstaltung mit dem Titel „Essen 4.0“ macht. Angelehnt an die ersten drei kulinarischen Revolutionen? Oder wenn der Verband Bitkom über den „Kuhstall 4.0“ berichtet. Gut für die Tiere sei der, dank Melk- und Futterroboter und ähnlichem Schnickschnack. O.k., verstanden, natürlich wird auch die Landwirtschaft digitalisiert, und natürlich ist das dann auch wieder irgendwie „4.0“. Aber gibt’s nun bald schon die vierte Version von der Kuh? Die Revolutionskuh, womöglich eine besonders schlaue Neuzüchtung durch Kreuzung von Roboter und Kuh? Die gibt dann extraviel Milch mit mehr Vitaminen? Eine Voraussetzung hat die Digitalisierung jedenfalls schon geschaffen: den Brunfterkennungssensor. Apropos Unwort.

          Nadine Bös

          Elektrifizierung

          Das waren noch Zeiten, als der Nachtwächter zu später Stunde durch die Gassen wanderte, sein Lied schmetterte und die Straßenlaternen ein- und frühmorgens wieder ausschaltete. Mit der elektrischen Straßenbeleuchtung, die auf Knopfdruck die Städte flächendeckend illuminierte, wurde er dann arbeitslos. Das war so um die Wende zum 20. Jahrhundert. Damals sprach man bewundernd von der Elektrifizierung. Ein paar Jahre vorher hatte ein gewisser Carl Benz einen mit Leichtbenzin betriebenen Patent-Motorwagen erfunden. Merkwürdigerweise reden heute Benz’ Nachfahren mindestens ebenso überschwänglich von der Elektrifizierung ihrer Nobelkarossen. Deutschlands Vorzeigeindustrie setzt sich verbal unter Strom. Wenn die Autoingenieure so richtig in Fahrt kommen, dann schwärmen sie von der „Elektrifizierung des gesamten Antriebsstrangs“ – was aber auch nichts anderes heißt, als dass ihre Automobile 130 Jahre nach der Erfindung des Verbrennungsmotors und im seit Jahrzehnten bekannten Wissen um den Klimawandel und die allmählich versiegenden Ölquellen endlich mal etwas Neues unter der Motorhaube zu bieten haben. „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen...“, möchte man den Automanagern vorsingen: Ganz so neu ist eure Erfindung dann auch wieder nicht, wenn ihr euch des Nachts den Lichterglanz in den Städten anschaut.

          Henning Peitsmeier

          Am Ende des Tages

          In einem Akt großer Selbstbeherrschung ist es inzwischen möglich, einige dieser unsinnigen Englisch-Deutsch-Konstruktionen zu ignorieren, statt sich darüber aufzuregen. Dass etwas Sinn macht (makes sense), statt sinnvoll zu sein: Meine Güte, das Abendland wird’s überstehen. Und dass etwas in 2016 passiert ist und nicht einfach 2016, nur weil dieses „in“ im Englischen der Jahreszahl vorangeht: geschenkt, auch wenn es affig klingt. So weit, so versöhnlich. Aber dieses „Am Ende des Tages“ (at the end of the day), das sich in die Sprache deutscher Manager gefressen hat, verdient kein Pardon. Wenn mit bedeutungsschwerer Stimme doziert wird: Am Ende des Tages entscheiden die Zahlen über Erfolg oder Misserfolg, am Endes des Tages werden wir an den Ergebnissen gemessen, am Ende des Tages wird Großes entstehen – ja geht’s noch? Eigentlich nicht. Aber das wird den Englisch-Brachial-Übersetzern vermutlich egal sein. Vorschlag (vielleicht klingelt’s ja dann): In 2017 würde es Sinn machen, sich am Ende des Tages mal ein paar neue Formulierungen einfallen zu lassen.

          Uwe Marx

          Chillen

          Der Brief ist offiziell, geizt nicht mit selbstherrlichem Lob über neue Innovationen, bahnbrechende Konzepte und ähnlichen Unfug. Den richtigen Aufreger hat sich der Verfasser aber für den Schluss aufgehoben. Da steht doch tatsächlich „gechillte Grüße“, als grüße man von der Technoparty und referiere keinen Technologietermin in eher gediegenem Behördendeutsch. Auf welchem Schreibseminar wird das denn gelehrt, erst die Floskelparade abzufeuern und dann den Berufsjugendlichen zu mimen? So nach dem Motto: dröge Thesen, puppenlustiger Gruß zum Schluss. Chillen hält sich hartnäckig als Modewort, auch wenn es inzwischen als „verchillt“ oder „chillaxen“ und anderen abstrusen Wendungen variiert wird. Es ist amerikanischer Slang und bedeutet unter anderem abkühlen, runterkommen, sich entspannen, faulenzen. Es sei die Kunst, sich beim Nichtstun nicht zu langweilen, so berauscht sich ein Spaßvogel im Netz an seiner Originalität. Schon das hört sich ziemlich angestrengt an. Grausam, nach einer aggressiven Diskussion anstatt guter Argumente ein gönnerhaftes „Chillen Sie mal“ zu hören. Dieser unsägliche Anglizismus erobert langsam seriöse Korrespondenzen und Kommunikation. Das ist nicht schön. Dieses gechillt macht wild und gehört gekillt. Womit wieder einmal demonstriert ist, dass Anglizismen dem sprachlichen Niveau nicht guttun und ein Altersturbo sein können. Krampfhaft junge Leute zu imitieren, auch noch Jahre verspätet, ist peinlich.

          Ursula Kals

          Friendly Reminder

          Gedächtnisstützen an sich sind nichts Schlechtes. Es macht Leben und Zusammenleben leichter, wenn sich Menschen an Verabredungen erinnern, Aufgabenlisten zum rechten Zeitpunkt abarbeiten, Abgabefristen einhalten. In der vordigitalen Zeit reichte manchen Menschen dafür der Knoten im Taschentuch. Inzwischen helfen oft Handys oder mit dem E-Mail-Eingang verbundene digitale Kalender. Dort können Nutzer Erinnerungen einprogrammieren, zum festgelegten Zeitpunkt tauchen die Gedächtnisanstupser von selbst auf dem Bildschirm auf. Ähnlich automatisch, wenngleich von Menschenhand gesteuert, erreichen den modernen Büromenschen aber auch viele andere Aufforderungen, an etwas zu denken. Zum Beispiel, auf eine per Mail eingegangene Anfrage zu reagieren, die er eigentlich wegen Belanglosigkeit längst zu den digitalen Akten gelegt hatte. Oft steht dann der Begriff „Friendly Reminder“ in der Betreffzeile oder im ersten Satz der Nachricht. Die freundliche Erinnerung ist eine glatte Lüge. Die Absender des Begriffes meinen es gar nicht freundlich, ganz im Gegenteil. Sie sind genervt, nichts gehört zu haben, kaschieren diese Genervtheit aber mit aufgesetzter Nettigkeit. Die Folge ist, dass der Empfänger sich noch weniger erinnern will. Es wäre gut, wenn mit der Unsitte des „Friendly Reminder“ eines passiert: dass sie schnell in Vergessenheit gerät.

          Martin Gropp

          Home Office

          Das deutsche Wort zeigt schnöde, worum es eigentlich geht: um Heimarbeit. Auf Englisch klingt es aber nach Arbeit light, nach Laptop und Loft. Home Office ist eben 4.0, Präsenzpflicht gehört in die Steinzeit. Wir sind ja gar nicht so, sagt das Unternehmen, arbeite von zu Hause aus, finde deine Work-Life-Balance auch dann, wenn das Kind krank ist. Ein bisschen telefonieren, ein kleiner Arztbesuch, ein paar Tabellen hier, ein paar Wadenwickel dort. So gesehen, kommt das Home Office im Achtsamkeitsranking direkt nach dem „Feel-Good-Manager“, der für die Mitarbeiter im Büro Smoothies und Mini-Wraps zaubert. Doch zeigt Home Office mal sein wahres Gesicht, verschlingt das „Home“ das „Office“ kurzerhand mit Haut und Haaren. Man erinnert sich dann gerne an das alte Wort aus Präsenzpflicht-Zeiten: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.

          Karin Truscheit

          Teilzeitfalle

          Erinnern Sie sich noch an „Vorsicht Falle!“, die ZDF-Sendung, die vor Betrügern warnte? Heutzutage scheint es wichtig, Frauen auf die Gefahren hinzuweisen, die vom Arbeitsleben ausgehen. In etlichen Karriereratgebern werden Mütter vor der „Teilzeitfalle“ gewarnt. Wer nach der Babypause hineintappt, wird einen üblen Karriereknick erleiden – das zumindest attestieren Hunderte von Blogbeiträgen und Zeitungsartikeln, auf denen man landet, wenn man den Begriff bei Google sucht. Statt die Mutter nach Geburt und Elternzeit auf ihre alte Position zurückkehren zu lassen, erklären viele Arbeitgeber plötzlich, diese sei nicht in Teilzeit ausführbar, so heißt es. Kein Wunder, dass laut einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik von 2013 ein Großteil der Mütter, die in Teilzeit arbeiten, ihre Wochenstundenzahl erhöhen will. Das ist paradox, bemängeln 19 Prozent der Befragten doch gleichzeitig, zu wenig Zeit für ihre Kinder zu haben. Anstatt Frauen durch derlei Begriffe die alleinige Verantwortung in puncto Vereinbarkeit von Kindern und Karriere zuzuschieben, sollte unsere Gesellschaft ihnen lieber den Rücken durch Anerkennung ihrer Leistung in Familie und Firma stärken.

          Eva Heidenfelder

          Digitale Demenz

          Wenn der Nachwuchs zu früh und zu oft Computer und Smartphone benutzt, droht die digitale Demenz oder, kurz: Das Internet macht unsere Kinder dumm. So argumentiert der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer; 2012 veröffentlichte er ein Buch mit dem Schlagwort von der digitalen Demenz im Titel. Verunsichert durch den immer stärker werdenden Smartphonegebrauch ihrer Kinder, kauften es viele Eltern – das Werk wurde zum Bestseller, Spitzer zum häufigen Gast in Talkshows. Inzwischen ist das Schlagwort etwas seltener zu hören, hält sich aber in der öffentlichen Debatte. Doch es sollte endlich ausgemistet werden! Fachleute hielten Spitzer von Anfang an vor, undifferenziert, populistisch und unter Vernachlässigung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu argumentieren. Natürlich birgt der Computergebrauch Gefahren – das ist trivial. Doch erkennt man inzwischen immer mehr die Chancen der Digitalisierung, gerade auch in der Bildung. Aufzuhalten ist sie ohnehin nicht. Der Computer wird eine immer größere Rolle spielen, die Nutzer mobiler Geräte werden immer jünger werden, solche Prognosen sind nicht gewagt. Es gilt deshalb zu überlegen, wie man sich sicher und gewinnbringend in der digitalen Welt bewegen kann. Einseitige Argumente helfen da überhaupt nicht weiter.

          Lisa Becker

          Vollumfänglich

          Was sich da gemeine Laien so vorstellen: mal schnell ein Unwort finden, das Juristen gern benutzen, na klar. Das ist in etwa so, als würde man einen beliebigen Deutschen nach seinem Lieblings-Loriot-Sketch fragen: Es gibt so viele unvergessliche Juristen-Unwörter! Die Rechtsgelehrten haben die „Schranken-Schranke“, sie „verabsäumen“ Dinge und wissen mehr oder minder, was eine „forderungsentkleidete Hypothek“ ist. Aber es soll ja nicht um die Absurditäten der Fachsprache gehen. Auch ein Jurist nimmt schließlich meist davon Abstand, beim Kerzendinner vom „Rubrizieren“ zu sprechen. Viele tolerieren inzwischen ohne zu murren, wenn jemand „Besitz“ sagt, aber „Eigentum“ meint. Die meisten haben sogar damit aufgehört, sich in Briefen als „Unterfertigter“ zu bezeichnen. Eines der lästigeren Jura-Kraftwörter ist allerdings wirklich unausrottbar und zwar „vollumfänglich“. Was soll das wohl heißen? Meist werden Argumente „vollumfänglich“ zurückgewiesen. Das Wort ist überflüssig, denn wenn ein Anwalt verkündet, dass er die Argumente der Gegenseite zurückweise, meint er damit alle – sonst wiese er ja nur teilweise zurück (kommt nie vor). „Umfänglich“ ohne „voll“, ließe sich vielleicht noch aushalten – Umfang, das ist schließlich die Länge der Linie, die einen Gegenstand begrenzt, mehr geht also nicht, außerhalb des Umfangs ist die Leere, lauert die Sinnlosigkeit, das Nichts, also gut. Aber voll? Der Jurist freilich, obwohl er sich gern als sprachpräzise rühmt, sagt und schreibt das Wort dennoch stets und ständig – und zwar aus demselben Grund, aus dem er nicht „Probleme“ sagt, sondern „Problematiken“: Er will jeden Restzweifel am eigenen Stundensatz beseitigen – und zwar vollumfänglich.

          Hendrik Wieduwilt

          Terminblocker

          So ein Kalender ist schon eine feine Sache. Jedes potentiell bedeutende Datum lässt sich dort vermerken. Damit man diese vielleicht ganz wichtigen Termine auch ja nicht versäumt, bedenken einen die Geschäftspartner dankenswerterweise mit schriftlichen Einladungen zum unbekannten Event. Bei Bedarf plaziert sich die Gedächtnisstütze auch noch von ganz allein in dem elektronischen Kalender. Wie nett! Es gibt auch noch einen mündlichen Bruder, der am Telefon mit Sätzen eingeleitet wird wie: „Ich kann Ihnen noch nicht genau sagen, worum es geht, aber halten Sie sich unbedingt schon mal den 6. Dezember im nächsten Jahr frei!“ An dieser Stelle sei es einmal ausgesprochen: Vielen Dank, liebe Kollegen und Geschäftspartner, dass ihr euch so liebevoll um meinen Terminkalender kümmert, auf dass mir auch bestimmt nicht langweilig wird. Vielen Dank, dass ihr mit euerm Gestochere im Nebulösen meine innere Spannung permanent hoch haltet, um mich letztlich doch wieder mit Halbgarem und Althergebrachtem zu beglücken. Ich werde natürlich auch in Zukunft artig eure Termine blocken, versprochen. Auf ein Neues in 2017!

          Sven Astheimer

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