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Unternehmensführung : Ohne Chef geht's auch

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Viele Chefs halten sich für unersetzlich. Dabei gibt es auch Unternehmen, in denen die Mitarbeiter alles gemeinsam entscheiden - mit Erfolg. Allerdings funktioniert es in den seltensten Fällen, den Vorstandsvorsitzenden kurzerhand abzuschaffen und einfach weiterzumachen wie bisher.

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          Wenn das Orpheus Chamber Orchestra auf die Bühne kommt, fehlt immer einer: der Dirigent. Auch wenn die letzte Geige gestimmt, das letzte Notenblatt geordnet, das letzte Räuspern im Publikum verstummt ist, kommt er nicht. Und lässt dann das New Yorker Kammerorchester die ersten Töne von Bach, Haydn oder Mozart erklingen, fehlt er immer noch. Schlicht, weil es ihn nicht gibt. Das Ensemble ist eines der wenigen auf der Welt, das den Takt selbst angibt; am Dirigentenpult hat es seit seiner Gründung 1972 noch niemanden gebraucht. Bei jedem neuen Werk, das das Orchester einstudiert, übernimmt ein anderes Mitglied die künstlerische Leitung. Und das erfolgreich: Das Orpheus Chamber Orchestra heimste bereits einen Grammy ein, nahm mehr als 70 Alben auf, gründete ein eigenes Institut und veranstaltet Workshops für Schüler.

          Nicht nur die Musiker können auf den Dirigenten gut verzichten. Selbst in manchem Unternehmen gilt die Devise: Ohne Chef geht's auch. Allerdings funktioniert es in den seltensten Fällen, den Vorstandsvorsitzenden kurzerhand abzuschaffen und einfach weiterzumachen wie bisher, auch wenn sich das der eine oder andere Angestellte heimlich wünschen mag. Womöglich liefen auch die Geschäfte trotz des Weihnachtsurlaubs des Vorgesetzten ganz ordentlich weiter. Aber Unternehmen, die dauerhaft ohne streng hierarchische Führung erfolgreich sein wollen, brauchen einen Plan.

          „Bei uns ist jeder der Leader“

          Den hat Maren Hessler, denn sie ist ihre eigene Chefin - und trotzdem Mitarbeiterin beim Beratungsunternehmen Kessels & Smit. „Macht und Kontrolle sind von gestern“, sagt sie. „Bei uns ist jeder der Leader.“ Sie und ihre rund 50 Kollegen verstehen sich als basisdemokratische Gemeinschaft, in der jeder die gleichen Rechte und Pflichten hat. Das klingt zunächst einmal nach einem Netzwerk von Freiberuflern. „Aber es ist mehr als das“, sagt Hessler. Man trete unter dem Namen des gemeinsamen Unternehmens auf und sei gewissermaßen Gesellschafter. Gemeinsame Projekte ergeben sich aus individuellen Absprachen. So zu arbeiten sei weitaus anstrengender als in hierarchischen Strukturen. „Man muss immer wieder besonders initiativ werden.“ Um sich zu organisieren, gibt es viele Roundtable-Gespräche, alle sechs Wochen einen Tag, an dem sich alle treffen, einmal im Jahr auch eine mehrtägige Zusammenkunft. Alle fünf Jahre wird das ganze Konzept überarbeitet, damit sich bloß keine Routine einstellt.

          Die Vorteile sieht Hessler in der persönlichen Freiheit und der Unabhängigkeit von gängelnden und unberechenbaren Chefs. „Im Prinzip ist dieses System in jeder Art von Unternehmen möglich“, sagt sie. Andererseits räumt sie ein, dass Chefs, die ihren Mitarbeitern auf Augenhöhe begegneten, nicht abgeschafft werden bräuchten. Als idealtypische Vorgesetzte sieht sie jene, die daran arbeiten, sich selbst überflüssig zu machen.

          Der Chef muss nicht immer gleich abgeschafft werden

          Gibt es nicht? „Doch“, sagt die Beraterin und nennt den Brasilianer Ricardo Semler. Der demokratisierte als Geschäftsführer sein Unternehmen Semco S/A radikal, bezog jeden einzelnen Mitarbeiter stärker in Entscheidungen ein - und schaffte es, innerhalb von zwanzig Jahren die Anzahl der Beschäftigten von 90 auf 3000 zu erhöhen. Auch die Umsätze wuchsen rasant. Ganz ohne Führungskräfte geht das freilich nicht; allerdings verteilte Semler die Macht, anstatt sie für sich allein zu behalten.

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