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Nachhaltigkeit auf dem Campus : Der lange Weg zur grünen Uni

  • -Aktualisiert am

Professor in luftiger Höhe: Eine „tolle Erfolgsstory“ war die Protestaktion – sagt zumindest Wolfgang Ertel (rechts) selbst. Bild: Picture Alliance

Die Hochschulen wollen nachhaltiger werden. Darüber sind sich alle einig. Doch über die richtige Umsetzung gibt es unterschiedliche Ansichten.

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          Mit der linken Hand hält er sich am Seil fest, mit der rechten richtet er das Banner, auf dem in großen grünen Buchstaben das Wort „Forderungen“ prangt. Abgesichert durch ein Klettergeschirr, baumelt Wolfgang Ertel in luftiger Höhe. Ertel ist Professor für Künstliche Intelligenz, das Bild vom Professor, der im Baum hängt, ging vergangenes Jahr durch die Medien. Nun sind rund zehn Monate vergangen, seit der Professor auf dem ­Campus seiner Hochschule Bäume besetzt hat. Der Protestaktion seien rund zehn Jahre erfolglose Verbesserungsbemühungen vorausgegangen, sagt der Hochschullehrer. Konkret sei es ihm um „das banale Thema der Heizenergieverschwendung“ gegangen.

          Per Zufall habe er festgestellt, dass in den Semesterferien alle Hörsäle der Hochschule Ravensburg-Weingarten beheizt werden – auch bei geöffneten Fenstern. Der technische Betrieb habe ihm auf Nachfrage mitgeteilt, dass die Hausmeister derart überlastet seien, dass sie die Heizungen in den Ferien manuell nicht abschalten können. Als Techniker sei ihm dann die Idee einer automatisierten Steuerung in den Sinn gekommen, so der Professor. Im Detail ging es dabei um das Heizen von mindestens 118 Räumen – 31 große Hörsäle, 18 Seminarräume und 69 Laborräume.

          Wolfgang Ertel schätzt dabei einen CO2-Ausstoß von etwa 1000 Tonnen im Jahr. Das entspreche einem Jahresausstoß von 200 bis 400 Einfamilienhäusern. Mit einem effizienten Heizsystem könnten rund 200 Tonnen CO2 jährlich eingespart werden, sagt der Informatiker. Auch finanziell würde sich eine automatisierte Steuerung der Heizungen für die Hochschule lohnen.

          Der Versuch, ein solches System an seiner Hochschule zu installieren, führte den Hochschullehrer jahrelang ergebnislos durch unterschiedliche Behörden. „Ich bin alle Stufen in der Hierarchie des Dienstwegs tatsächlich gegangen und habe versucht, da was zu bewirken, und war erfolglos, über zehn Jahre“, sagt Ertel. Dabei wurden die Unis in einer Stellungnahme der Hochschulrektorenkonferenz vom Jahr 2018 sogar angehalten, eine „Kultur der Nachhaltigkeit“ zu entwickeln.

          Nachhaltigkeits-Rankings sind gar nicht so einfach

          Für Joachim Müller vom Unternehmen HIS-HE ist das, was Ertel erlebt hat, nicht ungewöhnlich. Müller unterstützt mit seinem Unternehmen Hochschulen als externe Institution bei Veränderungsprozessen. „Hochschulen sind ganz spezifische Einrichtungen“, sagt Müller. Dass das Einführen eines automatisierten Heizsystems in Ravensburg ein derart langwieriger Prozess ist, überrasche ihn nicht.

          Es gebe aber auch Beispiele, in denen solche Veränderungen deutlich schneller funktioniert haben. Im Kern gehe es immer auch darum, Akteure aus alten Mustern zu bewegen, was für Beteiligte zuweilen auch sehr anstrengend sein könne, sagt Müller. Für ihn beginnt die erste Hürde auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit aber schon durch unterschiedliche Auffassungen des Begriffes. „Alle reden darüber, alle glauben zu wissen, was es ist, und nachher stellt sich heraus: Wir haben alle über etwas anderes geredet.“

          Es gibt Rankings, die versuchen, das Engagement von Universitäten in puncto Nachhaltigkeit anhand von einheitlichen Bewertungssystemen und standardisierten Punktesystemen zu benoten. So nahmen zum Beispiel im Jahr 2021 am „UI Green-Metric World University Ranking“, einem Nachhaltigkeits-Ranking der Universität Indonesia (UI), 956 Hochschulen aus 80 Ländern teil. Auch deutsche Hochschulen sind darin vertreten. Doch das Messen und das Beurteilen des Nachhaltigkeitsengagements einer Hochschule seien mitunter sehr schwierig, meint Müller. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Einrichtungen seien enorm groß. Demnach haben beispielsweise Hochschulen, in denen viel mit Büchern gelernt und gearbeitet wird, schon durch ihren Forschungsschwerpunkt einen geringeren Energieverbrauch als solche, die Versuchsreaktoren und große Rechenzentren betreiben.

          Ein solches quantitatives Vergleichen der Hochschulen wie beim Green-Metric-Ranking sieht Joachim Müller also kritisch. „Hinter jeder Zahl steckt ja ein Hintergrund.“ Zielführender sei eine qualitative Beschreibung des Nachhaltigkeitsengagements, um der Diversität der Hochschullandschaft gerecht werden zu können.

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