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Serie „Ich mach mein Ding“ : Ein ungewöhnlicher Bankenwechsel

Arbeit, Freizeit und Bildung unter einem Dach

„Wir sind ein Mehrgenerationenhaus mit integriertem Lebensstil, haben alles unter einem Dach, Arbeit, Freizeit, Bildung“, sagt sie vergnügt. Nur das spontane Verreisen, das vermisst sie ab und zu. „Aber Verzicht würde ich das nicht nennen. Als Ordensschwester war ich schon in Rom, auf den Philippinen und in Nairobi. Das ist auch ein Geschenk.“ Sie erzählt das unaufgeregt im Besucherzimmer, das aus der Zeit gefallen scheint. Auf dem Furnierschrank lagert ein Tischkegelspiel, es gibt eine Eckbank, auf der Blümchendecke stehen selbstgebackene Kekse.

Plakativ-neugieriges Nachbohren à la „Bankerin wird Nonne“ ist sie gewohnt, allerdings sei sie kirchenrechtlich keine Nonne, sondern Ordensschwester. „Natürlich fragen mich die Menschen nach meinem Werdegang. Ich bin ja auch im Pfarrgemeinderat und finde es schön, dass wir mit unserer Lebensweise etwas anstoßen können. Wir wollen niemanden bekehren, aber ein Zeichen sein. Die Menschen sollen Christus in uns erkennen können, in dem, wie wir leben. Wir sind nicht besser, nicht heiliger als andere, aber auch nicht dümmer und naiver.“ Als spätberufene Akademikerin ist sie bei den Missions-Benediktinerinnen kein Einzelfall, es gibt eine promovierte Juristin, Ärztinnen und Lehrerinnen, die jetzt das Ordensgewand tragen. Grundsätzlich ist es erwünscht, dass Frauen mit einer Berufsausbildung eintreten. Wer sich auf ein Dasein hinter Klostermauern einlässt, der sollte vom Leben außerhalb einer religiösen Gemeinschaft eine klare Vorstellung haben. Auch davon, mit dem Keuschheitsgelübde umzugehen. Indiskrete Fragen einer bis vor zwei Stunden noch fremden Frau zu stellen, das fühlt sich fast unverschämt an. Aber neben dem Leben ohne nennenswerten Besitz ist die Ehelosigkeit ein beherrschendes Element eines Ordens. Schwester Katharina ist auf indiskretes Nachfragen vorbereitet. Sie hatte zwei längere Beziehungen und sich bewusst auf ein zölibatäres Leben eingelassen. „Ich bin als Frau hier eingetreten und bleibe das auch. Das gebe ich ja nicht an der Klosterpforte ab. Aber diese exklusive sexuelle Beziehung, das geht eben nicht. Mir sind gute Freundschaften voll gegenseitigen Vertrauens wichtig, wo man sich ohne Worte versteht. Das gibt mir Halt.“

Im Übrigen ist ihr Tag ausgefüllt. Die Finanzfachfrau arbeitet in der Klosterverwaltung, kümmert sich um die Buchhaltung und hält ihr Englisch vital, denn das ist die internationale Kongregationssprache. Theologie hat sie im Fernkurs belegt - „Wissen ist nicht alles, aber für mich ist es wichtig, fundiert Antworten zu geben“. Um das Chorgebet begleiten zu können, das sie so liebt, nimmt sie Orgelstunden. Mittlerweile ist die Priorin Schwester Ruth zum Gespräch gestoßen. Sie ist ebenfalls Volkswirtin und hat im bayrischen Wirtschaftsministerium gearbeitet. Den Serientitel „Ich mach mein Ding“ findet die Klostermanagerin flapsig, aber zutreffend und reflektiert: „Es geht darum: Was steckt in mir drin? Wie kann ich das entfalten? Vielleicht hat ja jemand dieses Ding für mich vorgedacht?“ Schwester Katharina lächelt: „Uns geht es um Gott. Es wäre schön, wenn er erwähnt würde.“

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