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Überbesorgte Eltern : Erst mal Mama fragen

Wie Hubschrauber kreisen „Helicopter Parents” über ihren längst erwachsenen Kindern - und machen dabei weder vor der Hochschule noch vor dem künftigen Arbeitgeber halt Bild: dapd

Arbeitgeber und Hochschulen haben immer öfter mit den überbesorgten Eltern ihrer Bewerber zu tun. „Helicopter Parents“ nennt man sie in Amerika. Sie begleiten die „Kinder“ zur Uni, proben Bewerbungen und wären am liebsten überall dabei.

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          Manchmal seien ihre Eltern ganz schön nervig gewesen, sagt Patricia Sieck. „Während der 12. und 13. Klasse war das Thema Studien- und Berufswahl bei uns zu Hause ein Dauerbrenner.“ Der Vater schickte Patricia zu Berufsfindungsseminaren, las Praktikumsbewerbungen gegen und bestellte sie ein zu Gesprächsterminen im heimischen Arbeitszimmer. „Ich habe mir sowieso immer schon sehr viele Gedanken darüber gemacht, was ich später machen möchte“, sagt Patricia Sieck, die inzwischen 19 Jahre alt ist und in Bamberg Pädagogik studiert. „Wenn mein Vater dann zu viel nachbohrte, konnte das ziemlich unangenehm werden.“ Selbst jetzt, nachdem der Studiengang endlich feststeht, mischen sich die Eltern weiterhin ein: Als die Uni zu einem „Elterntag“ einlud, nahmen Vater und Mutter extra die Reise von Mainz nach Bamberg in Kauf, um Hörsäle zu begutachten, Professoren kennenzulernen und in der Mensa zu speisen. „Mich interessiert das schon, wo meine Tochter ihre Studienzeit verbringt“, sagt Holger Sieck.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Er liegt damit im Trend. Studienberater an Universitäten und in Arbeitsagenturen, Erziehungswissenschaftler und Arbeitgeber berichten fast einhellig von einer zunehmenden Einmischung der Eltern in die Karriereplanung ihres Nachwuchses. Aufgrund der großen Nachfrage schaffen immer mehr Hochschulen und Berater Angebote für die neue Klientel. So werden nicht nur in Bamberg, sondern beispielsweise auch an den Universitäten Freiburg und Osnabrück regelmäßig die Eltern zu Kennenlern-Veranstaltungen eingeladen. Die Messe „Einstieg Abi“ experimentierte in diesem Jahr zum ersten Mal in Dortmund mit einem „Elternkongress“. Dort konnten Eltern lernen, wie eigentlich Bachelor und Master funktionieren und welche Möglichkeiten es zur Studienfinanzierung gibt. Bei einem Studienberatertreffen, das die Bundesagentur für Arbeit und das nordrhein-westfälische Bildungsministerium im Herbst organisiert hatten, gab es sogar einen eigenen Workshop mit dem Titel „Eltern als Co-Studienberater“. Dort konnten sich die von überbesorgten Eltern geplagten Mitarbeiter von Hochschulen und Arbeitsagenturen über die neue Problematik austauschen.

          „Zuweilen bizarre Situationen“

          „Mittlerweile kommen in einem Drittel der Fälle die Eltern mit in die Studienberatung“, sagt Rolf Dörr, Studienberater der Arbeitsagentur Mönchengladbach. „Da gibt es zuweilen bizarre Situationen.“ Einmal habe er eine Mutter regelrecht von der Beratung ausgeschlossen, weil der Sohn gern Naturwissenschaften studieren wollte, die Mutter aber darauf beharrte, dass er Finanzbeamter werden sollte. Ein anderes Mal seien Eltern zum Bewerbungstraining erschienen, weil der Sohn verhindert gewesen sei. „Manchmal hat man wirklich den Eindruck, dass Mama und Papa studieren oder sich bewerben wollen und nicht Sohn oder Tochter“, sagt Dörr.

          In Amerika hat sich für Eltern, die erwachsene Kinder bemuttern, der Begriff „Helicopter Parents“ eingebürgert: Wie Hubschrauber kreisen sie über ihren Kindern und wollen ihren Lebensweg weiter mit beeinflussen. „Immer mehr Eltern wollen genau darüber Bescheid wissen, wie es ihren Kindern an der Universität ergeht“, sagt Wolfgang Loggen, Leiter der Zentralen Studienberatung an der RWTH Aachen. „Mir wäre es früher peinlich gewesen, wenn meine Eltern mich zur Hochschule begleitet hätten. Aber die Zeiten haben sich geändert.“ Die Studienorientierung sei schwieriger geworden. Viele Eltern plage die Angst, dass sich die Kinder nicht zurechtfänden.

          Auch beim künftigen Arbeitgeber mischen Eltern mit

          Nicht nur in der Hochschule - auch beim künftigen Arbeitgeber mischen zunehmend die Eltern mit, berichtet der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Diese Erfahrung hat er in doppelter Hinsicht gemacht: Als Coach berät er Eltern und versucht, ihre Bemühungen um den teils schon erwachsenen Nachwuchs in vernünftige Bahnen zu lenken. Doch auch als Arbeitgeber hat er schon „Glucken-Eltern“ erlebt, wie er die „Helicopterparents“ nennt. „Ich war früher in einer katholischen Jugendberatungseinrichtung tätig und hatte eine Praktikantenstelle ausgeschrieben“, berichtet Wunsch. „Eines Tages hatte ich die Mutter eines 19 Jahre alten Bewerbers am Telefon, die für ihren Sohn vorsprach. Ich fragte sie, ob der Sohn taubstumm oder in Amerika sei oder warum er nicht selbst anrufen könne. Doch die Frau hat gar nicht gemerkt, dass ihr Einschreiten unangemessen war.“

          Solch extreme Geschichten gibt es in der Familie Sieck nicht zu berichten. Zwar hat sich Patricias Vater auch intensiv als Co-Studienberater betätigt. Aus der Sicht von Albert Wunsch hat er aber vieles richtig gemacht, was „Glucken-Eltern“ gerne falsch machen. „Es spricht nichts dagegen, sich zu interessieren, wenn das Kind mit der Berufswahl nicht in die Puschen kommt“, sagt der Erziehungswissenschaftler. „Nur sollte man nicht einen bestimmten Weg vorgeben.“ Besser sei es, Fragen zu stellen. So wie Holger Sieck es mit Tochter Patricia versuchte: „Hast du dir schon Gedanken gemacht, was du machen willst? Warum findest du die eine Karriere attraktiver als die andere?“ Stück für Stück fanden Vater und Tochter heraus, welche Interessen es gab und welche Berufe sinnvoll waren. „Ich hatte vor diesen Gesprächen tatsächlich manchmal Chaos im Kopf“, sagt Patricia Sieck. „An einem Tag wollte ich in die Marktforschung, am nächsten ins Hotelfach.“ Der Vater nickt: „Es gab Zeiten, da konnten meine Frau und ich da gar keinen roten Faden erkennen. Wir sahen nur, dass sie nicht zu Potte kam.“

          Eltern sollten dem Nachwuchs in solchen Situationen ruhig auch mal die Pistole auf die Brust setzen, sagt Albert Wunsch. „Wie lange glaubst du, dass du noch auf unsere Kosten leben kannst?“ Eine solche Frage sei wichtig, weil sie die Eigenverantwortlichkeit für das weitere Leben von Sohn oder Tochter unterstreiche. Doch an die Stelle offensiver Strategien trete heutzutage etwas anderes. „Viele Eltern sind zu aktiven Streitern für die Interessen ihrer Kinder geworden“, sagt Wunsch. „Sie feilschen in der Schule mit den Lehrern um die Noten, sie suchen die Uni aus und schreiben am Ende sogar noch die Bewerbung.“

          Der demographische Wandel trägt zu dem Phänomen bei

          Schuld an diesem Phänomen sei auch der demographische Wandel, glaubt der Erziehungswissenschaftler. In einer alternden Gesellschaft seien Kinder plötzlich etwas Besonderes. „Eltern haben heute viel mehr Zeit für ihr ,Projekt Einzelkind' als früher, wo sie noch drei oder vier Kinder bekamen“, sagt Wunsch. „Und wenn Eltern erst mal 18 Jahre lang ihre Verwöhn-Strategie verfestigt haben, können sie nicht plötzlich aufhören, nur weil Sohn oder Tochter nun auf die Uni oder ins Berufsleben gehen.“

          Das treffe zuvörderst für Familien aus der Mittel- und Oberschicht zu, sagt nicht nur Albert Wunsch. Das Phänomen der überbesorgten Helicopter Parents sei eines aus der akademischen Binnenwelt, glaubt auch Studienberater Loggen. „Oft erleben wir es, dass Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern selbständiger bei der Studienwahl sind, weil ihre Eltern mit diesem Thema wenig anfangen können. Bei akademisch gebildeten Eltern ist die Sorge oft stärker ausgeprägt, ihre Kinder könnten an der Hochschule nicht richtig Fuß fassen und weniger erreichen als sie selbst.“

          Holger Sieck bemüht sich mit seiner Tochter Patricia und ihren beiden Geschwistern, den Balanceakt zwischen zu wenig Interesse und Überbesorgtheit zu meistern. „Als wir bei dem Elterntag in Patricias Uni waren, haben wir schon gemerkt, dass sie gar nicht in jeder Veranstaltung mit ihren Eltern zusammen auftauchen wollte. Dass ihr das peinlich war“, sagt Holger Sieck. Andererseits sei es in seinem Freundeskreis eben normal, dass man sich kümmere. In der gepflegten Reihenhaussiedlung, in der die Familie zu Hause ist, haben viele Nachbarn jugendliche oder gerade erwachsene Kinder. „Da ist die Studien- und Berufswahl überall ein großes Thema“, sagt Sieck. „Alle mischen irgendwie mit. Und ich finde es auch richtig so. Man muss nur aufpassen, dass man es nicht übertreibt.“

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