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Überbesorgte Eltern : Erst mal Mama fragen

Solch extreme Geschichten gibt es in der Familie Sieck nicht zu berichten. Zwar hat sich Patricias Vater auch intensiv als Co-Studienberater betätigt. Aus der Sicht von Albert Wunsch hat er aber vieles richtig gemacht, was „Glucken-Eltern“ gerne falsch machen. „Es spricht nichts dagegen, sich zu interessieren, wenn das Kind mit der Berufswahl nicht in die Puschen kommt“, sagt der Erziehungswissenschaftler. „Nur sollte man nicht einen bestimmten Weg vorgeben.“ Besser sei es, Fragen zu stellen. So wie Holger Sieck es mit Tochter Patricia versuchte: „Hast du dir schon Gedanken gemacht, was du machen willst? Warum findest du die eine Karriere attraktiver als die andere?“ Stück für Stück fanden Vater und Tochter heraus, welche Interessen es gab und welche Berufe sinnvoll waren. „Ich hatte vor diesen Gesprächen tatsächlich manchmal Chaos im Kopf“, sagt Patricia Sieck. „An einem Tag wollte ich in die Marktforschung, am nächsten ins Hotelfach.“ Der Vater nickt: „Es gab Zeiten, da konnten meine Frau und ich da gar keinen roten Faden erkennen. Wir sahen nur, dass sie nicht zu Potte kam.“

Eltern sollten dem Nachwuchs in solchen Situationen ruhig auch mal die Pistole auf die Brust setzen, sagt Albert Wunsch. „Wie lange glaubst du, dass du noch auf unsere Kosten leben kannst?“ Eine solche Frage sei wichtig, weil sie die Eigenverantwortlichkeit für das weitere Leben von Sohn oder Tochter unterstreiche. Doch an die Stelle offensiver Strategien trete heutzutage etwas anderes. „Viele Eltern sind zu aktiven Streitern für die Interessen ihrer Kinder geworden“, sagt Wunsch. „Sie feilschen in der Schule mit den Lehrern um die Noten, sie suchen die Uni aus und schreiben am Ende sogar noch die Bewerbung.“

Der demographische Wandel trägt zu dem Phänomen bei

Schuld an diesem Phänomen sei auch der demographische Wandel, glaubt der Erziehungswissenschaftler. In einer alternden Gesellschaft seien Kinder plötzlich etwas Besonderes. „Eltern haben heute viel mehr Zeit für ihr ,Projekt Einzelkind' als früher, wo sie noch drei oder vier Kinder bekamen“, sagt Wunsch. „Und wenn Eltern erst mal 18 Jahre lang ihre Verwöhn-Strategie verfestigt haben, können sie nicht plötzlich aufhören, nur weil Sohn oder Tochter nun auf die Uni oder ins Berufsleben gehen.“

Das treffe zuvörderst für Familien aus der Mittel- und Oberschicht zu, sagt nicht nur Albert Wunsch. Das Phänomen der überbesorgten Helicopter Parents sei eines aus der akademischen Binnenwelt, glaubt auch Studienberater Loggen. „Oft erleben wir es, dass Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern selbständiger bei der Studienwahl sind, weil ihre Eltern mit diesem Thema wenig anfangen können. Bei akademisch gebildeten Eltern ist die Sorge oft stärker ausgeprägt, ihre Kinder könnten an der Hochschule nicht richtig Fuß fassen und weniger erreichen als sie selbst.“

Holger Sieck bemüht sich mit seiner Tochter Patricia und ihren beiden Geschwistern, den Balanceakt zwischen zu wenig Interesse und Überbesorgtheit zu meistern. „Als wir bei dem Elterntag in Patricias Uni waren, haben wir schon gemerkt, dass sie gar nicht in jeder Veranstaltung mit ihren Eltern zusammen auftauchen wollte. Dass ihr das peinlich war“, sagt Holger Sieck. Andererseits sei es in seinem Freundeskreis eben normal, dass man sich kümmere. In der gepflegten Reihenhaussiedlung, in der die Familie zu Hause ist, haben viele Nachbarn jugendliche oder gerade erwachsene Kinder. „Da ist die Studien- und Berufswahl überall ein großes Thema“, sagt Sieck. „Alle mischen irgendwie mit. Und ich finde es auch richtig so. Man muss nur aufpassen, dass man es nicht übertreibt.“

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