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Über den Wert von Tugenden : Ordentlich, pünktlich – langweilig?

Im Bienenstock: So fleißig geht es auch an manchem Arbeitsplatz zu; wichtiger seien aber Produktivität und Zuverlässigkeit, sagen viele Fachleute. Bild: Frank Röth

Wie die Bienchen zu sein, fleißig und gewissenhaft, das klingt gestrig, spießig und wenig innovativ. Zu unrecht! Ein Hoch auf die Tugenden. Jedenfalls auf manche.

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          Er war stets bemüht und pünktlich – wer so etwas in seinem Arbeitszeugnis lesen musste, der war erledigt. Sozusagen karrieretechnisch mausetot. Fleißig und pünktlich zu sein, einfach Tag für Tag seine Verlässlichkeit unter Beweis zu stellen, das sind Eigenschaften, die für Aufsteiger nicht im geringsten erstrebenswert klingen. In ihren Zeugnissen möchten sie solche Codes auf gar keinen Fall lesen. Haben vermeintlich altmodische Tugenden noch einen Wert oder einfach ausgedient? „Solche Dinge mögen als langweilig gelten, vielleicht sogar spießig, aber ich persönlich möchte ohne sie nicht leben“, sagt Ralph Schliewenz, Psychologe aus Soest. „Ich möchte im Beruf nur mit Menschen zu tun haben, die zum Beispiel Absprachen einhalten.“ Langweilig sei das überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Besonders nicht in Zeiten, in denen so viele mit so extrem guten Zeugnissen aufträten. „Noten machen nicht mehr wirklich den Unterschied. Ich erlebe, worauf die Leute achten, das sind die Soft Skills. Wer das nicht rüberbringen kann, dem nutzt das beste Zeugnis nichts“, beobachtet der Psychotherapeut, der auf Kinder- und Jugendliche spezialisiert und selbst Familienvater ist. Ein wenig amüsiert, aber durchaus nachdenklich merkt er an: „Ich erinnere mich an meine Schulzeit, als es Kopfnoten gab für Betragen, Fleiß und Mitarbeit.“

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Zu belächeln, wenn sich jemand Woche für Woche auf die Konferenz vorbereitet, seine Bestelllisten regelmäßig pflegt, Rückrufe nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschiebt, ist vorschnell und kurzsichtig. Blender steigen auf, jene, die Großmeister darin sind, Arbeitsleistung vorzutäuschen und andere für sich arbeiten zu lassen – über kurz oder lang fällt das unangenehm auf. Aber es machen eben auch jene Karriere, die sich für keine Arbeit zu schade sind und anpacken, wo Not am Mann ist. Die Kunst scheint zu sein, seriös zu agieren, ohne in den Status zu rutschen, ausgenutzt zu werden.

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