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Traumberufe (8) : Wo die Palmen sich verneigen

Laderaum auf schwankendem Boden: Blick über das Deck der „Beluga Revolution” Bild: Jesco Denzel / F.A.Z.

Mein Kumpel Andreas und ich waren zehn Jahre alt, verbrachten die Sommerferien in einem sächsischen Dorf und träumten von der Ferne. Für Andreas war klar: „Ich werd' mal Kapitän und sehe die Welt.“ Bald wusste ich: „Ich auch.“ Gut, dass Kinderträume manchmal platzen.

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          Wir kannten die Reeperbahn, lange bevor wir sie sehen konnten. Wir mochten englische Seemannslieder und die NDR-2-Radiosendung „Zwischen Hamburg und Haiti“. Wir liebten die Freiheitsstatue von New York, die Docklands von London und den Hafen von Sydney mit seinem sagenhaften Opernhaus. An der Wand meines Zimmers hing ein Poster des Segelschulschiffes Gorch Fock. Die Welt war ein Traum aus Postkarten von der Verwandtschaft aus dem Westen. Denn zwischen Hier und Dort lagen nicht nur Meere und Ozeane, sondern auch Grenzen, Gräben und ein Kalter Krieg.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer in den siebziger Jahren in Karl-Marx-Stadt oder Halle groß wurde, sah keine Chance, sein Weltbild mit Leben zu füllen. Wirklich nicht? Mein Freund Andreas hatte als Erster eine Idee. Wir waren zehn Jahre alt, verbrachten die Sommerferien in einem sächsischen Dorf und träumten von der Ferne; dort, wo die Palmen sich verneigen und die Purpursonne lacht: von Australien, Hawaii und Amerika, von der Nord- und von der Südsee. An die Ostsee dachten wir nie. Am Ufer der Zwickauer Mulde spielten wir uns in die damals populäre TV-Serie über den segelschifffahrenden Graf Luckner hinein. Nach einer Woche war für Andreas klar: „Ich werd' mal Kapitän und sehe die Welt.“ Nach zwei Wochen wusste ich: „Ich auch.“

          Zu Besuch auf der „Beluga Revolution“

          Mehr als 30 Jahre später bin ich froh, dass Kindheitsträume oft platzen. Ich bin zu Besuch auf der „Beluga Revolution“ im Neustädter Hafen von Bremen. Eine gute Freundin schenkte mir vor der Fahrt an die Küste noch David Forster Wallace' wundervolles Seefahrtsbuch „Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich“. Keine Schifffahrt ohne Schifflektüre; kein Traum ohne Erwachen.

          Proviant für eine lange Fahrt
          Proviant für eine lange Fahrt : Bild: Jesco Denzel / F.A.Z.

          8.50 Uhr: Ich bin auf dem 130 Meter langen Frachtschiff. Neben mir steht Antje Herbst. Ihre Bluse ist weiß, ihre Uniform dunkelblau, auf dem Ärmel glänzen vier goldene Streifen: Die Frau ist Kapitän - oder besser „Kapitänin“, wie sie betont. Sie trägt nie eine Mütze und das Haar offen. Ihr Handschlag ist fest, ihre Augen sind rot, die Stirn liegt in Falten. Ihr Arbeitstag begann vor sechs Monaten. Damals stach sie in See. Jetzt ist sie wieder im Heimathafen und bereitet das Schiff für die nächste Reise vor. Als Kapitänin ist sie Vertreterin des Eigners und für alles und jeden an Bord verantwortlich: von der Mannschaft bis zum Kompass, vom Schiff bis zur Ladung.

          9 Uhr: Ein Kran hebt einfamilienhausgroße Gasturbinen mit dem Schriftzug Siemens in den Laderaum, Zentimeterarbeit. Gestern Abend war die „Beluga“ voll beladen eingelaufen, morgen Nacht geht sie mit neuer Ladung wieder raus. Erst nach Norfolk, dann nach Baltimore und weiter durch den Panamakanal. Mitte September soll sie in Melbourne sein. In 60 Tagen rund um die halbe Welt. Die Kapitänin hat von der Brücke aus alles im Blick und mich im Schlepptau. Mit rauher Stimme gibt sie Befehle in ein Funkgerät, aus dem plärrt dann eine Stimme kurz „yes“.

          „Die Romantik kann man getrost vergessen“

          9.30 Uhr: Unten auf dem Deck hängt sich die Mannschaft in die Arbeit; oben auf der Brücke beugt sich der zweite Offizier Axel Trotter über seine Ozean-Karten und bestimmt Kurse durch den südlichen Pazifik. Dabei spricht er von Großkreisen, Positionen, Loxodromen und Orthodromen. Die Kapitänin nickt. Ich verstehe kein Wort. Antje Herbst ist die einzige Frau an Bord. Als Kind wollte sie Tierärztin werden. Später lernte sie Tischlerin. Vor anderthalb Jahrzehnten ging sie zum ersten Mal auf See. Sie hatte auf einem Traditionssegler für Tourismustouren als Deckshilfe angeheuert. „Ich wollte was erleben und fand das romantisch“, sagt sie. Erlebt hat sie viel. „Doch die Romantik kann man in der professionellen Seefahrt getrost vergessen.“

          9.45 Uhr: Antje Herbst hat genug gesehen. Sie steigt von der Brücke mit flinken Schritten die steile Metalltreppe zum Kapitänsbüro gleich unter der Kommandobrücke hinab. Ich balanciere hinterher. Das Büro ist sechs Schritte lang und fünf Schritte breit - das war mein Kinderzimmer früher auch. Es hat ein kleines Fenster, weißgetünchte Wände mit Regalen voller Handbücher und zwei blau gestrichene Türen. Eine führt zur Kommandobrücke, die andere in die Kapitänskajüte. Auf dem Schreibtisch steht ein Computer, daneben liegen Aktenordner. Gleich kommt der Mann vom Seemannsamt.

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