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Traum-Job : Ourobourosschlange in der Nacht

Wären doch nur alle Träume produktiv. Bild: dpa

Termine, Stress, Streit im Büro - viele arbeiten im Schlaf den Alltag auf und leiden darunter. Dabei sind Träume grundsätzlich gesund, sagen Psychologen.

          3 Min.

          Vor Friedrich August Kekulés Theorie gab es nur vage Vorstellungen, wie die Atome in einem Molekül miteinander verknüpft sind. Viele Chemiker zu seiner Zeit dachten, dass die Strukturen von Molekülen nicht erkennbar sein konnten, da Reaktionen die Struktur unvorhersagbar verändern würden. Kekulé untersuchte verschiedene Kohlenstoffverbindungen, insbesondere Benzol, dessen Struktur lange ein Rätsel blieb. Dann ereilte ihn 1890 ein Wachtraum.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          In der Nacht der Entdeckung habe er an seinem Schreibtisch gesessen und im Halbschlaf das Funkenspiel des Kaminfeuers betrachtet, berichtete der Chemiker. Mit einem Male habe ein Traum die lang gesuchte Lösung gebracht: Er habe die Kohlenstoff- und Wasserstoffatome vor seinen Augen tanzen gesehen. In diesem Traum sei ihm das alte, alchimistische Symbol der Ourobourosschlange erschienen, deren Kopf in den eigenen Schwanz beißt. In der Folge stellte er die Benzol-Theorie auf, mit der er die bis dahin rätselhafte Struktur des Benzols als einen aus sechs Kohlenstoffatomen bestehenden symmetrischen Ring erklärte – ein Durchbruch für die Chemie im Verständnis komplexer Kohlenstoffverbindungen.

          Selten produktiv

          Wären doch nur alle Träume von der Arbeit so produktiv. Stattdessen berichtet zum Beispiel Carl, leitender Angestellter Ende 30, dass er fast jede Nacht von seinem Job träume, Produktives aber selten dabei herauskomme. Schon im Studium habe ihn der Tag stets in die Nacht verfolgt. Da mischten sich dann Personen mit teils nachvollziehbaren, teils unsinnigen Handlungen. Immerhin, er leide nicht besonders darunter, habe sich an die Träume irgendwie gewöhnt. Hannah, Autorin in einem mittelständischen Verlag, berichtet, sie träume eher selten vom Job, doch kürzlich habe sie davon geträumt, dass nicht die endgültige Version eines Textes, sondern eine vorläufige und entsprechend mangelhafte veröffentlicht worden sei. Sören hat an der Universität die Prüfungsangst mit in den Schlaf genommen und oftmals geträumt, er habe die erforderlichen Scheine nicht eingereicht oder sämtliches erlerntes Wissen über Nacht vergessen. Am schlimmsten hat es Nils erwischt: Leitender Angestellter einer biochemischen Abteilung, vom direkten Vorgesetzten ungeliebt und trotz guter Ergebnisse entsprechend unter Druck gesetzt, berichtet er von ständigen Albträumen, bis er schließlich entnervt die Arbeitsstelle gewechselt hat.

          Das Ourobouros, ein altes alchimistisches Symbol
          Das Ourobouros, ein altes alchimistisches Symbol : Bild: Archiv

          Halt, sagt der Wiesbadener Neuropsychologe Ralf Erkens, hier gerät einiges durcheinander. Nicht der Traum ist schlecht, ganz im Gegenteil. Träume, an die man sich ohnehin nur erinnere, wenn man kurz danach wach werde, seien ein wesentliches Mittel des Körpers, um „im Gehirn aufzuräumen“, um die Erlebnisse des Tages zu strukturieren. Sie dienten dem Erholungsprozess, dazu, am nächsten Tag ausgeschlafen zu sein. Wer „wie gerädert“ aufwache, „hat in der Regel kein Traumproblem, sondern ein Schlafproblem“, sagt Erkens. Der Mensch habe vermutlich Wachphasen während der Nacht, der Schlafrhythmus sei gestört, ein stabiler Schlaf nicht mehr gewährleistet. Komme dies öfter oder gar regelmäßig vor, gelte es zunächst abzuklären, ob eine medizinische Indikation vorliege, etwa eine Schlafapnoe.

          „Hab-Acht-Schlaf“

          Ist dies nicht der Fall, empfiehlt der Psychologe je nach Situation mehrere Schritte. Sei jemand vor Prüfungen aufgeregt, so durchlebe er die Nacht in einer Art „Hab-Acht-Schlaf“. Hier helfe ein Vorgehen wie das eines geübten Fallschirmspringers – der erprobt zuvor jeden Handgriff und ist dann im Flugzeug dank der guten Vorbereitung relativ ruhig. „Zur Entspannung ist es wichtig, dass man in den Tiefschlaf kommt“, mahnt Erkens. Wer unter Stress – auch unter Bürostress – leidet, der müsse lernen, „seinen Alltag so zu planen, dass er nachts nicht alles nacharbeiten muss“. Erkens empfiehlt zum Beispiel, einen großen Block und einen Stift neben das Bett zu legen, damit man beim Aufwachen gleich alle unerledigten Dinge aufschreiben und somit nicht mehr vergessen kann.

          Andrea, ehemals im Hotelfach tätig und heute in der Industrie derlei Druck immer wieder ausgesetzt, kennt das Phänomen. „Ich habe mir ein Diktiergerät neben das Bett gelegt. Denn wenn man nachts was aufschreiben will, muss man Licht anmachen. Und das weckt den neben einem schlafenden Partner“, berichtet sie. Allerdings hat sie mittlerweile diese Form der Gedankenerfassung aufgegeben, spricht vom „Stress durch ständige Bereitschaft und Erreichbarkeit“ und sucht Entspannung durch aktivere Freizeitgestaltung. Wer den Druck nicht mindern kann, unter Unerledigtem leidet und Schlafstörungen zur Regelmäßigkeit werden lässt, der befinde sich schon in der Vorstufe zum Burn-out, warnt der Psychologe.

          Dass in den Träumen allerlei durcheinandergeht, ist hingegen weniger beunruhigend. „Der Verstand kontrolliert die Nacht nicht“, sagt Psychologe Erkens. Soll heißen: Zeit- und Ortsgrenzen, die den Tag bestimmen, verschwimmen. Personen und Situationen, die im Alltag nichts miteinander zu tun haben, vermischen sich. Verliert ein Journalist im Traum seine Buchstaben oder ein Maurer seine Steine, so sei das schon der Überprüfung wert, mahnt der Psychologe. Doch überbewerten sollte man dies nicht. „Vielleicht fehlt da schlicht mal ein lobendes Wort des Chefs. Der Versuch, Symbole im Traum eins zu eins ins Leben zu übersetzen, läuft in eine Falle“, sagt Erkens. Es könne sein, dass jemand daraus Ängste entwickele, es könne aber auch schlicht gar nichts bedeuten. Oftmals sei das so Erträumte nur eine „Spielart des Geistes“. Es sei denn, man heißt Friedrich August Kekulé.

          Die Wissenschaft der Traumdeutung

          Die schon von den Völkern der klassischen Antike versuchte Traumdeutung ist bis heute eine hohe Kunst. Als wichtigste Begründer der Tiefenpsychologie gelten Sigmund Freud, Alfred Adler und Carl Gustav Jung. Die Aufklärung verwies die Traumdeutung in den Bereich des Aberglaubens, von dem sie erst Freud (1856-1939) wieder befreite, indem er sie wissenschaftlich begründete und alten Auffassungen wieder Geltung verschaffte. Als Mediziner erkannte er, dass Träume einen lebenswichtigen Sinn haben, die unser Inneres widerspiegeln und wichtige Rückschlüsse auf den seelischen Zustand zulassen. Von ihm und seinen begründeten Theorien aus beschritt die psychologische Traumforschung neue Wege. Durch Freuds Bücher „Die Traumdeutung“ und „Über den Traum“ erfolgte die entscheidende Wandlung, die den Traum wieder als sinnvolle psychische Leistung anerkannte. In diesen Lehrbüchern wurde die für die damalige Zeit revolutionäre These aufgestellt, dass der Traum ein sinnvolles Werk nächtlicher Seelentätigkeit ist.

          (Quelle: Institut für Traumanalysen)

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