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Freie Lehrstelle, kein Vertrag : Das Problem mit den Azubis

Auch das Ernährungshandwerk hat es nicht gerade leicht. Bild: Frank Röth

2018 konnten knapp 58.000 Lehrstellen nicht besetzt werden und das obwohl 78.600 Personen erfolglos einen Ausbildungsplatz suchten. Woran liegt das?

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          Wer sich für eine Berufsausbildung entschieden hat, sollte mittlerweile einen guten ersten Eindruck davon haben, was ihn in seiner Lehrzeit erwartet. Zwar ist ein Ausbildungsstart grundsätzlich jederzeit möglich, in den meisten Branchen beginnen neue Azubis aber zum 1. August oder 1. September ihre Lehre. Nachdem die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zwischen 2011 und 2016 kontinuierlich gesunken war, ist seit einiger Zeit wieder ein leichter Anstieg zu beobachten. Waren es 2016 noch rund 520.000 Ausbildungsverträge, wurden 2018 bereits 531.400 unterzeichnet.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gleichwohl blieben auch im vergangenen Jahr bis zum 30. September 57.700 Lehrstellen unbesetzt – und das obwohl 78.600 Personen erfolglos eine Stelle suchten, wie es im „Ländermonitor berufliche Bildung“ heißt. Die Studie der Abteilung Wirtschaftspädagogik der Universität Göttingen und des Soziologischen Forschungsinstituts in Göttingen untersucht die Situation der beruflichen Bildung in den 16 Bundesländern und erscheint nach 2015 und 2017 zum dritten Mal. Gefördert wurde sie durch die Bertelsmann Stiftung.

          Auf 100 Bewerber kamen 2018 demnach im bundesweiten Durchschnitt annähernd 97 offene Lehrstellen. Insgesamt wurde jedoch jeder zehnte angebotene Ausbildungsplatz nicht besetzt. Regional offenbaren sich allerdings auch erhebliche Unterschiede: Mehr Stellen als Bewerber finden sich vor allem im Osten und Süden Deutschlands. Genau anders herum verhält es sich dagegen im Westen und Nordwesten.

          Hauptschulabsolventen haben das Nachsehen

          Während im nordrhein-westfälischen Hagen knapp 80 Angebote 100 Bewerbern gegenüber standen, waren es im thüringischen Altenburg-Gera 112 und in Passau sogar 129. Der Blick auf die Branchen zeigt, dass vor allem das Ernährungshandwerk (118 Stellen kommen hier auf 100 Bewerber), sowie die Reinigungs- (127 auf 100) und Hotel-/Gaststättenbranche (121 auf 100) erheblich zu wenige Auszubildende finden. In Informatikberufen kommen dagegen 100 Bewerber auf 91,5 Stellen, bei der Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten sind es 93 Stellen je 100 Bewerber.

          In Regionen mit einem Mangel an Lehrstellen schwinden derweil insbesondere die Chancen von Hauptschulabsolventen. Insgesamt begannen 2017 lediglich 37 Prozent von ihnen direkt nach Verlassen der Schule eine duale Ausbildung. Auffällig schlechte Karten bei der Ausbildungsplatzsuche haben zudem Bewerber mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Nur 44 Prozent von ihnen nahmen direkt nach der Schule eine Ausbildung auf.

          Unter deutschen Jugendlichen waren es 77 Prozent. Dies hänge mit „einer Kumulation von Nachteilseffekten zusammen“, die den Zugang zu einer Berufsausbildung erschweren könnten, schreiben die Autoren. Darunter fassen sie etwa mangelnde Sprachkenntnisse, fehlende Unterstützung von Seiten der Eltern, aber auch Diskriminierungen am Ausbildungsmarkt.

          Passungsprobleme nehmen zu

          Eine Besonderheit stellen Regionen da, in denen es sowohl viele unbesetzte Lehrstellen als auch nicht fündig gewordene Jugendliche gibt. Dieses als „Passungsproblem“ bezeichnete Phänomen habe sich seit 2009 verdreifacht und betreffe derzeit bundesweit 10 Prozent aller angebotenen Lehrstellen, heißt es in der Studie. Die Autoren unterscheiden drei verschiedene Typen von Passungsproblemen: berufsfachlich, eigenschaftsbezogen und regional.

          Von berufsfachlichen Gründen für das Nichtzustandekommens eines Ausbildungsvertrages ist dann die Rede, wenn die offenen Stellen sich nicht mit den Berufswünschen der Bewerber decken. Regionale Gründe liegen vor, wenn ein Bewerber eine Stelle ablehnt, weil das Unternehmen schlicht zu weit von seinem Wohnort entfernt liegt. Diese betreffen allerdings nur 23 Prozent der Fälle und sind vor allem in Flächenländern relevant.

          Deutlich bedeutender und bedenklicher sind die eigenschaftsbezogenen Passungsprobleme, die 44 Prozent aller Fälle ausmachen: Hier finden Unternehmen und Bewerber nicht zusammen, weil entweder der Arbeitgeber Eigenschaften wie einen bestimmten Schulabschluss vermisst oder der potentielle Azubi den Betrieb für zu unattraktiv erachtet. Dies ist auffällig oft in Stadtstaaten der Fall. Berlin kommt auf einen Wert von 69 Prozent, in Hamburg sind es sogar 74 Prozent.

          Mehr Berufsorientierung nötig

          Um gegen Passungsprobleme vorzugehen, plädieren die Studienautoren unter anderem für eine bessere Berufsorientierung. Viele Jugendliche würden nur eine geringe Zahl an Berufen überhaupt kennen oder Vorurteile gegen manche hegen. Hier könnten bessere Einblicke etwa durch Praktika helfen, sodass sich Unternehmen und potentielle Azubis besser kennen lernen.

          Branchen, die wie das Ernährungshandwerk oder der Hotel- und Gaststättenbereich unter akutem Nachwuchsmangel leiden, müssten hingegen die Rahmenbedingungen verbessern, um für Bewerber wieder attraktiver zu werden. Um Lehrlingen die Fahrt zum Ausbildungsplatz zu erleichtern, würden sich indes Angebote wie ein in Nordrhein-Westfalen eingeführtes Azubi-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr anbieten. Je nach Region und Ausbau des Nahverkehrs müssen Arbeitgeber freilich eher Lösungen wie Wohnheime oder vergünstigte Mietwohnungen in Betracht ziehen.

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