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Stuttgarter Unternehmer : „Hochgejazzte Dinge liegen den Schwaben nicht“

Für Unternehmer Heinz Dürr sind die Schwaben eher Tüftler, als Erfinder. Bild: Dürr

Was unterscheidet Schwaben vom Silicon Valley? Auch wenn Google ein Auto baut, muss seine Firma es lackieren, sagt Unternehmerurgestein Heinz Dürr. Warum der Südwesten lieber auf dem Boden bleibt.

          3 Min.

          Wirklich kreative Firmen entstehen auf dem Land - dort gibt es nicht so viel Ablenkung wie in den Metropolen, behauptet der Stuttgarter Unternehmer Heinz Dürr. Ein Gespräch über den schwäbischen Erfindergeist und den Erfolg im Südwesten.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Dem „schwäbischen Tüftler“ verdankt der Südwesten ja angeblich seinen Wohlstand im Südwesten. Was hat es denn damit auf sich?

          Der Südwesten ist ein sehr ressourcenarmer Landstrich. Das heißt, die Leute mussten sich was einfallen lassen, um überleben zu können. Dazu kommt eine sehr diesseitsbezogene Religiosität: „Das Auge Gottes ist stets bei dir“, glaubt man hier. Dazu passt ja, dass es auch sehr viele Intellektuelle gab hier, Hegel, Hauff und Hölderlin. Alle haben auf ihre Weise versucht, aus dem engen Korsett des Pietismus auszubrechen. So ist die Prägung der Menschen hier.

          Die ganz großen Erfolge unserer Tage haben mit Tüfteln ja weniger zu tun als mit guten Geschäftsideen, mit Geschick für Marketing und Kommunikation. Nehmen wir als Beispiel den Taxidienstleister Uber: eine neuartige Idee, kombiniert mit einer einfachen App, bringt an der Börse Milliardenbewertung.

          So hochgejazzte Dinge liegen den Schwaben nicht. Die schwäbischen Tüftler wollen nicht die Welt verbessern wie Google oder so. Die lieben ihre Produkte. Ich selbst wollte auch raus in die Welt und den Leuten zeigen, dass wir die besten Lackieranlagen bauen. Hier ist man in der Realwirtschaft zu Hause, teils auf kleinste Nischen spezialisiert.

          Dann ist die Digitalisierung der Welt gefährlich für den Südwesten?

          Natürlich stellt das die Tüftler vor neue Herausforderungen: sie müssen sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen, sondern sich vernetzen mit anderen. Aber der Kern bleibt doch die Hardware - und insofern ist es eine große Chance für unsere Unternehmen hier, die Dinge produzieren. Auf Dürr bezogen: Auch wenn Google ein Auto baut, muss es am Ende lackiert werden.

          Oh, ist das so? Man könnte sich vorstellen, das Google-Auto wäre, wie einst der Trabi, aus Kunststoff.

          Man kann auch Kunststoff einfärben. Dann muss Dürr halt da dabei sein.

          Was ist denn das Schmiermittel für unternehmerischen Erfolg? Braucht man jemanden, dem man sich beweisen kann? Braucht man einen Sparringspartner? Oder reicht Eigenmotivation?

          Die Anerkennung ist das Schmiermittel; dass man im Markt akzeptiert wird. Zu sehen, dass eine Idee zum Durchbruch kommt, ist ja auch Anerkennung. Das allein reicht aber nicht. Man braucht ein Alter Ego, gerade in Aufbauphasen ist das wichtig, oder in Krisen, wenn es ums Überleben geht. Das dürfen keine Jasager sein.

          Unbestreitbar ist die Datenlage: mehr industriellen Mittelstand als im deutschen Südwesten gibt es nirgends. In drei, vier kurzen Thesen: woran liegt das?

          Das ist in der Tat eine spannende Frage. In Frankreich zum Beispiel gibt es eigentlich viel mehr Mittelstand nach der offiziellen EU-Definition, aber das sind alles relativ kleine Firmen. Bei uns hingegen sind es die großen Familienunternehmen, die das Land voranbringen. Denen ist nachhaltiges Wachstum wichtig, über Generationen hinweg, und sie haben auch die Kraft für Innovationen. Was dabei hilft, ist die universitäre Landschaft, Fachhochschulen und die Fraunhofer-Gesellschaft und deren Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Und hier hat man alle Zulieferer, die man braucht, in unmittelbarer Nähe. Das macht mehr aus, als man denkt, ich spreche da aus Erfahrung: Nach der Wende wollte ich ostdeutschen Unternehmern helfen, dass sie nach Baden-Württemberg liefern können. Aber das war schwierig, man braucht einfach die Nähe.

          Sie haben ja den Vergleich: Sie waren bei Daimler in Stuttgart und bei der Bahn in Frankfurt und Berlin, kennen auch Mainz und Jena aus Ihrer Arbeit in der Zeiss-Stiftung. Spielt es für die Firmenkultur und den Erfolg eine Rolle, wo ein Unternehmen seinen Sitz hat und seine Werke?

          Auf jeden Fall. In Ostdeutschland wurde das Unternehmertum 40 Jahre lang systematisch kaputtgemacht, da muss eine entsprechende Kultur erst wieder entstehen. Ansonsten ist meine These: wirklich kreative Firmen entstehen nicht in Großstädten, sondern auf dem Land, wo es nicht so viele Ablenkungsmöglichkeiten gibt.

          Diese These passt aber so gar nicht zu den lebendigen Start-up-Szenen in Berlin und München.

          Ja, das sind die Leute, die nur einen Laptop brauchen für ihre Geschäftsidee. Der Begriff „kreativ“ bezog sich auf die Welt der Produkte, auf die Arbeit der Ingenieure.

          Warum sind Sie eigentlich nicht selbst Unternehmer geblieben?

          Sowohl bei der AEG wie auch bei der Bahn habe ich mich durchaus als Unternehmer gefühlt, auch wenn ich angestellt war. Die Aufgabe bei der AEG, damals das zweitgrößte deutsche Unternehmen, war hoch interessant. Der Verkauf an Daimler barg viele Chancen. Unsere Idee war, dass immer mehr im Auto elektrisch wird und AEG viel davon hat: Halbleiter, Prozessoren, Radarsysteme, Elektromotoren, Stromrichter. Stellen Sie sich vor, Daimler hätte heute diese Kompetenz! Die Bahn danach war das Spannendste überhaupt: Führung, Technik und Politik, alles kam da zusammen. Meine Meinung ist ja, dass man eine Firma nicht besitzen muss, um Unternehmer zu sein. Bei Dürr versuchen wir zum Beispiel, Unternehmer im Unternehmen zu züchten.

          Zur Person

          Heinz Dürr, Jahrgang 1933, war nach Schlosserlehre und Maschinenbaustudium mehr als zwei Jahrzehnte im Familienunternehmen Dürr tätig, das er zu einem international tätigen Lackieranlagenspezialisten entwickelte. 1980 nahm er den Ruf als Vorstandsvorsitzender des AEG-Konzerns an, der in schwere Schieflage geraten war. Einer breiten Öffentlichkeit ist Heinz Dürr noch als Bahnchef in Erinnerung: er war der erste Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, die aus der Zusammenführung der Bahnen in Ost- und Westdeutschland entstand. Dürr gehört zu den Initiatoren von Stuttgart 21.

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