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Arbeit der Zukunft : Das Nerd-Klischee schreckt Frauen ab

Gerade im Dienstleistungsbereich sind Frauen stark vertreten. Bild: Getty

Nur wenige Frauen arbeiten in der IT-Branche. Das bedeutet nicht, dass sie in der digitalen Arbeitswelt abgehängt werden. Oft trauen sie sich aber zu wenig zu.

          3 Min.

          Die Digitalisierung hinterlässt in allen Lebensbereichen ihre Spuren und verändert auch die Arbeitswelt – so weit, so bekannt. Doch wie stark sich der Alltag eines Beschäftigten tatsächlich wandelt, hängt stark von der Branche und teilweise vom einzelnen Betrieb ab. Das „Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung“ (Kofa) am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln hat in einer neuen Studie noch einen anderen Aspekt in den Blick genommen: Wie unterschiedlich sind eigentlich Frauen und Männer in ihrer Arbeit von der Digitalisierung betroffen und wie steht es um die Chancengleichheit?

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Branchenblick offenbart auf den ersten Blick ein recht ernüchterndes Bild. In der laut dem im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums entstandenen „Wirtschaftsindex DIGITAL“  am stärksten digitalisierten Branche, der Informations- und Kommunikationstechnologie, liegt der Frauenanteil bei gerade einmal 29 Prozent. Ähnlich sieht es im Maschinenbau oder der Chemie-/Pharma-Branche aus.

          Im Dienstleistungsbereich und im Handel – die Plätze zwei bis vier – sind Frauen hingegen knapp in der Mehrheit. Am höchsten (80 Prozent) ist der Frauenanteil indes im Gesundheitswesen, dem Schlusslicht der Rangliste. Die Autorinnen verweisen allerdings darauf, dass der Index-Wert daraus resultiere, dass die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche weniger stark in die Unternehmensstrategien eingebunden sei und einen geringeren Einfluss auf den Unternehmenserfolg habe. Digitale Geräte gehörten dennoch auch hier in 70 Prozent der Unternehmen schon zum Arbeitsalltag.

          Großer Fachkräftebedarf

          Trotz der nach wie vor geringen Frauenquote im IT-Bereich ist das Geschlechterverhältnis in Bezug auf die fünf Branchen mit dem höchsten Index-Wert absolut gesehen sehr ausgeglichen: Neben vier Millionen Frauen seien hier rund 3,9 Millionen Männer tätig. Zudem leisteten IT-Fachkräfte zwar einen „zentralen Beitrag“ für die Digitalisierung, doch werde sie nicht nur von ihnen getragen. Dies zeige sich auch daran, dass lediglich 2,4 Prozent aller Beschäftigten in IT-Berufen tätig seien, schreiben die Autorinnen.

          Der Bedarf allerdings ist groß, viele Unternehmen suchen händeringend nach IT-Fachkräften. Im Umkehrschluss ergeben sich so exzellente Karriereperspektiven für Absolventen. Dass unter diesen deutlich weniger Frauen als Männer sind, sehen die Studien-Autorinnen unter anderem im Mangel an weiblichen Vorbildern begründet. Auch das Klischee des IT-Nerds schrecke viele junge Frauen an.

          Soft Skills werden wichtiger

          Für die Unternehmen stehen profunde Programmierkenntnisse allerdings bei weitem nicht an erster Stelle, wenn es um die wichtigen Kompetenzen für die Zukunft geht. Priorität hat für 83 Prozent, dass ihre Beschäftigten die neuen Techniken und Verfahren anwenden können. Professionelle IT-Kenntnisse seien nur für eine kleine Gruppe im Unternehmen wichtig, so die Autorinnen. Die Bereitstellung, Wartung und Entwicklung der IT-Infrastruktur hat da schon eine wesentlich größere Bedeutung – nicht zuletzt damit die übrigen Beschäftigten reibungslos arbeiten können.

          Wichtiger werden nach Ansicht der Unternehmen derweil vor allem Soft-Skills: Selbstständigkeit, Kooperations- sowie Kommunikationsfähigkeit und auch Führungskompetenz stehen ganz weit oben auf der Liste. Überraschend kommt dieser Befund kaum: Will eine Führungskraft den Mitarbeitern ermöglichen, vermehrt von zu Hause aus zu arbeiten oder künftig agile Methoden anwenden, sind solche Tugenden Grundvoraussetzung.

          Sind Frauen zu bescheiden?

          Auffällig ist der Studie zufolge zudem, wie unterschiedlich Frauen und Männer ihre eigenen Kompetenzen im Umgang mit digitalen Arbeitsmitteln einschätzen. Während 62 Prozent der Frauen im Rahmen einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes angeben, ihre Kompetenzen entsprächen ihren Aufgaben, stimmen dieser Aussage nur 52 Prozent der Männer zu.

          Gleichwohl geben 39 Prozent der Männer an, dass sie aufgrund ihrer Kompetenzen auch mit anspruchsvolleren Aufgaben zurechtkämen – unter den Frauen sind es nur 29 Prozent. Diese Diskrepanz könne einerseits auf geringere Digitalkompetenzen hinweisen, schreiben die Autorinnen, andererseits aber auch ein weiterer Beleg dafür sein, dass Frauen ihre Fähigkeiten im Vergleich zu Männern häufiger unterschätzten.

          Eine Erkenntnis, die sich auch an anderen Punkten festmachen lasse: So würden schon Schülerinnen ihre Mathe-Kenntnisse schlechter einschätzen als Jungen, obwohl sie in Tests gleich gut abschnitten. Und einer Kofa-Studie aus dem Sommer zufolge bewerben sich Frauen häufiger für Berufe, die unter ihrer beruflichen Qualifikation liegen – bei Männern dagegen verhält es sich oft genau anders herum.

          Problematisch in Hinblick auf die Digitalisierung sei vor diesem Hintergrund vor allem, dass Frauen in Unternehmen bei der Einführung digitaler Technologien seltener einbezogen würden als männliche Kollegen.

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