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Gut bezahlt, schlecht gebunden : Generation Praktikum war gestern

Relikt aus der Vergangenheit: Demonstration der „Generation Praktikum“ im Jahr 2006 Bild: ddp

Akademische Praktikanten sind heute oft gut bezahlt und dürfen flexibel arbeiten. Aber viele Chefs scheitern daran, sie längerfristig ans Unternehmen zu binden.

          2 Min.

          „Generation Praktikum“ – der Begriff stand im vergangenen Jahrzehnt für ausgebeutete junge Menschen, die sich auf einem engen Arbeitsmarkt von Übergangslösung zu Übergangslösung hangelten. Praktikanten heute dagegen sind umworben: Fachkräfte sind knapp; die Babyboomer in den Belegschaften bereiten sich auf die Rente vor.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Wie begehrt die jungen Menschen tatsächlich sind, zeigen beispielsweise die Gehälter. Ein studentischer Praktikant verdient heute im Schnitt monatlich etwas mehr als 1000 Euro brutto. Praktikanten genießen flexible Arbeitszeiten, mehr als ein Viertel von ihnen darf manchmal ins Home Office. Nur etwa 6 Prozent klagen über schlechte Arbeitsbedingungen und die meisten sind mit ihren direkten Vorgesetzten zufrieden. In der jungen Generation gibt es mit Blick auf die Arbeitszufriedenheit zudem eine Art „Greta-Effekt“: 93 Prozent der Praktikanten, die in Unternehmen arbeiten, die auf Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit achten, äußern sich zufrieden. In Unternehmen mit gegenteiliger Ausrichtung sind es gerade mal 48 Prozent.

          All das sind Ergebnisse einer groß angelegten Praktikantenstudie, die an diesem Donnerstag der Öffentlichkeit vorgestellt wird und die der F.A.Z. vorab vorlag. Für die Untersuchung hat die Unternehmensberatung Clevis 4624 Nachwuchskräfte befragt, die im vergangenen Jahr Berufserfahrung in einem Praktikum gesammelt haben. Allerdings: Untersucht wurden nur akademische Praktikanten; 45 Prozent der Befragten hatten schon einen Bachelorabschluss in der Tasche, 43 Prozent immerhin das Abitur. Zudem waren unter den Befragten überdurchschnittlich viele Informatiker, Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler; jeder dritte Befragte studierte BWL.

          Kein lückenloses Bild

          Ein lückenloses Bild über alle Praktikanten in Deutschland ergibt das nicht. Denn nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) findet die große Mehrzahl der jährlich 600.000 in Deutschland absolvierten Praktika im Bereich der Gesundheits- und Sozialberufe statt. Ein Viertel der Praktika wird demnach im Öffentlichen Dienst absolviert; auch dieser war an der aktuellen Untersuchung unterdurchschnittlich beteiligt.

          Trotz dieser Einschränkungen offenbart die Befragung, woran es selbst der eher privilegierten Praktikantenklientel noch immer mangelt: Allen Fachkräfteengpass-Klagen der Arbeitgeber zum Trotz gelingt nur wenigen eine längerfristigen Bindung der jungen Talente; mehr als die Hälfte (53 Prozent) verliert nach dem Praktikumsende den Kontakt zum Unternehmen. „Noch zu viele Arbeitgeber denken, eine Weihnachtskarte einmal im Jahr reiche aus“, sagt Studienautorin Kristina Bierer. „Kontakte wirklich qualitativ zu halten kostet Ressourcen, lohnt sich aber.“ Auch muten die Unternehmen ihren Praktikanten oft eine hohe Arbeitsdichte zu: 44 Prozent der Befragten berichten davon, regelmäßig Überstunden zu schieben; deutlich mehr als in der Vorjahresbefragung, wo nur ein Drittel davon berichtete.

          Die Studie gibt auch – innerhalb der befragten Klientel – Hinweise auf die Auswirkungen des Mindestlohns auf Praktika: Seit 2015 ist die durchschnittliche Vergütung demnach kontinuierlich gestiegen – von damals im Schnitt rund 950 Euro brutto je Monat auf heute etwas mehr als 1050 Euro.

          Auf hohem Niveau gesunken ist dagegen der Anteil der Praktika, die überhaupt bezahlt werden: Vor dem Jahreswechsel 2014/2015 lag dieser bei rund 96 Prozent, heute dagegen bei rund 90 Prozent. Früheren Berechnungen des Stifterverbandes und des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft zufolge hat der Mindestlohn die Anzahl der überhaupt angebotenen Praktika um bis zu 53.000 verringert. Vor allem größere Unternehmen und Konzerne hätten ihre längeren und mindestlohnpflichtigen freiwilligen Praktika gestrichen, hieß es damals. Die kürzeren Pflichtpraktika, für die der Mindestlohn nicht greift, seien erhalten geblieben.

          Auch die aktuelle Studie deutet darauf hin, dass es heute mehr Pflichtpraktika gibt: 2015 waren es noch 48 Prozent, heute sind es 57 Prozent. Allerdings hat sich die durchschnittliche Dauer der Praktika nicht verändert. Sie liegt recht konstant bei 5 Monaten.

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