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Stressiger Beruf : Paketbote für einen Tag

Beim Beladen des Lieferwagens ordnet Paketbote Elmar Baldia alle Pakete nach Lieferadressen. Bild: Stefanie Silber

Paketzusteller behindern den Verkehr, liefern unzuverlässig und sind auch noch unfreundlich. So klagen viele Kunden. Haben sie recht? Unser Autor hat sich einen Tag lang als DHL-Bote versucht.

          12 Min.

          Kurz nachdem ich mich wieder einmal über den Paketboten aufgeregt habe, weil er meine Bücher unpünktlich und bei einer fremden Person abgeliefert hat, geriet ich ins Grübeln: Sind die Zusteller alles solche Schlawiner, denen der Kunde völlig egal ist, Hauptsache, sie werden irgendwo ihre Pakete los? Oder sind die Paketboten doch irgendwie Alltagshelden, weil sie tagein, tagaus und in aller Hast ihren Job erledigen, obwohl sie von Leuten wie mir nicht immer freundlich empfangen werden? Ich beschloss, diese Fragen nicht länger mit mir herumzutragen, sondern tatkräftig nach Antworten zu suchen. Ich wollte Pakete ausliefern. Und zwar mitten im stressigen Weihnachtsgeschäft.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Deutsche Post fand die Idee gut. Und so durfte ich am ersten Mittwoch dieser Adventszeit erfahren, dass Pakete mehr als 30 Kilogramm schwer sein dürfen, dass ein Zusteller manchmal netter ist als ein Empfänger, dass im Straßenverkehr fast alles erlaubt ist, wenn man einen DHL-Lieferwagen fährt. Die größte Erkenntnis aber war: Die gesamte Paketzustellung in Deutschland würde zusammenbrechen, wenn es keine netten Nachbarn mehr gäbe. Es war eine harte Schule.

          Die zuständigen Herren von der Post wollten mir den Einstieg möglichst einfach machen und haben mich für die „zweite Welle“ eingeteilt. Das heißt, ich muss an diesem Morgen nicht um sechs Uhr in der Frankfurter Zustellbasis erscheinen, um bei minus sechs Grad Celsius die erste Tour zu fahren, sondern erst nach neun. Als ich in der Halle ankomme, ist mein Fahrer schon da.

          Er heißt Elmar Baldia, ist 37 Jahre alt und arbeitet seit eineinhalb Jahren als sogenannter Springer bei DHL: mal im Innendienst, meistens als Zusteller für verschiedene Bezirke in Frankfurt. Baldia hat sich angeboten, einen Anfänger wie mich mitzunehmen. Das Tolle an seinem Beruf sei es, sagt er nach der Begrüßung, dass es „niemanden gibt, der einem über die Schulter guckt“. Mit mir als einem Beifahrer, der jeden Handgriff erklärt haben will, ist Baldias Ruhe schnell dahin.

          Das Anlernen muss ruckzuck gehen

          Normalerweise wird ein Zusteller in wenigen Wochen angelernt, um den Wagen, die Arbeitsabläufe, die Fahrtrouten und die Bedienung des Paketscanners zu beherrschen. Das muss ruckzuck gehen, vor allem jetzt zur Weihnachtszeit, in der doppelt so viele Pakete an den Kunden gebracht werden müssen wie an normalen Tagen: Acht Millionen Pakete liefert allein DHL bis kurz vor Heiligabend aus, bei den Wettbewerbern sind es noch einmal fast genau so viele. Das macht insgesamt mehr als 15 Millionen Pakete am Tag - so viel wie nie zuvor. Um die Masse zu bewältigen, hat allein die Deutsche Post 10.000 Aushilfsboten fürs Weihnachtsgeschäft eingestellt und die Zahl der Zusteller damit auf 80 000 erhöht.

          Baldia fährt unseren Wagen rückwärts ans Hallentor 321, dann beginnt die Beladung. Die Pakete kommen eine Rutsche hinab, jedes einzelne wird eingescannt, bevor es in die Regale auf der Ladefläche gepackt wird. Wie jeder erfahrene Zusteller hat Baldia ein ausgeklügeltes Packsystem. Die Pakete sind nach Straßenzügen und Hausnummern geordnet. Was als Erstes ausgeliefert werden muss, liegt der Hintertür am nächsten.

          Nach einer Stunde ist unser Wagen voll. 174 Pakete befinden sich darin, dazu 24 Stücke Dialogpost, wie Versandkataloge im Branchenjargon heißen. Draußen ist es frostig, minus drei Grad Celsius. Baldia trägt winterfeste DHL-Uniform: Jacke in Gelb-Rot-Schwarz, schwarze Hose, rote Laufschuhe. Er sieht seriös aus und wird von jedermann erkannt. Ich habe meine dickste Winterjacke angezogen und eine olle Jeans. In dieser Montur werde ich heute einige Leute erschrecken. Denn ein Typ von fast 1,90 Meter, der sich unten an der Klingel als DHL-Bote ausgibt und oben vor der Wohnung in Jeans erscheint, erregt vor allem bei Frauen größtes Misstrauen.

          Baldia und ich sind heute zuständig für den Frankfurter Zustellbezirk 06. Es ist ein gemischter Bezirk, das heißt, wir durchkreuzen nicht nur ein Wohngebiet, sondern auch ein Gewerbegebiet. Firmen zu beliefern ist für jeden Zusteller der angenehmste Teil seines Jobs. Überall gibt es einen freien Parkplatz, immer ist jemand da, der ein Paket entgegennimmt, jedes Mal können wir die von DHL knapp kalkulierte Übergabezeit von drei Minuten je Paket in etwa einhalten. Für mich als Mitfahrer sind die Stationen Tankstelle, TÜV, Seniorenheim, Grundschule und Hotel eher eintönig.

          „Wir stehen hier im absoluten Halteverbot“

          Nach eineinhalb Stunden wird es zum ersten Mal heikel: Wir behindern den Verkehr! Wir müssen zwei schwere Pakete bei einem Autohändler abliefern, die Straße ist schmal, ein regulärer Parkplatz nicht in Sicht. Baldia fährt rechts ran, alle nachfolgenden Autofahrer müssen warten, bis der Gegenverkehr vorüber ist, erst dann können sie uns umkurven. Ich stelle meinen Fahrer zur Rede.

          Herr Baldia, wir stehen hier im absoluten Halteverbot.

          In Innenstädten gibt es keine legalen Parkplätze für uns. Wir stellen uns ins Halteverbot, parken auf Fahrradspuren, zwängen uns irgendwo hinein, wo wir möglichst niemanden blockieren. Ich finde, wenn die Autos an unserem Wagen vorbeikommen, ist das alles kein Problem. Einmal aber habe ich ein paar Minuten so geparkt, dass die Müllabfuhr nicht vorbeikam. Die hat gleich die Polizei angerufen.

          Und dann bekamen Sie einen Strafzettel wegen Falschparkens?

          Nee, die Polizisten waren viel verständnisvoller als die Müllfahrer. Polizei und das Ordnungsamt sind im Prinzip sehr nachsichtig mit uns. Nur Feuerwehrzufahrten und Behindertenparkplätze sind tabu. Wenn jemand von uns dort erwischt wird, bekommt er ein Ticket, und das muss er dann aus eigener Tasche bezahlen.

          Mich wundert, dass die anderen Verkehrsteilnehmer bisher so geduldig mit uns sind: Keiner gestikuliert, hupt oder schimpft, weil wir im Weg stehen. Da bin ich anderes gewohnt.

          Ehrlich gesagt: Hier in Frankfurt fahren besonders viele Idioten. In meiner Hamburger Heimat geht es viel ruhiger zu, da halten die Leute beispielsweise an, wenn ein Paketwagen rückwärts ausparkt. Aber in Frankfurt drängeln sich Autofahrer, Fahrradfahrer und sogar Mütter mit Kinderwagen noch hinten vorbei, wenn ich zurücksetze. Die sind echt alle suizidgefährdet.

          Ein wenig fühle mich ertappt. Muss ich doch zugeben, dass ich Paketboten selbst schon so manches Mal verflucht habe, wenn sie mit ihren Fahrzeugen die Innenstadt verstopften. Aus dem Fenster eines DHL-Lieferwagens sieht die Welt allerdings ganz anders aus. Denn so berechtigt die Kritik an wild parkenden Paketzustellern im Einzelnen sein mag, so wohlfeil ist sie im Allgemeinen. Denn wir erboste Radler und entnervte Autofahrer sind ja selbst Online-Kunden und damit unsererseits froh, wenn die Ware zügig an der eigenen Haustür abgegeben wird. Wer also das nächste Mal über die Gepflogenheiten der Zusteller wettert, sollte zunächst sein eigenes Kaufverhalten in Frage stellen. Ist jedes Päckchen wirklich nötig?

          2,3 Milliarden Pakete  im vergangenen Jahr

          Sage und schreibe 2,3 Milliarden Pakete haben wir Deutsche im vergangenen Jahr verschickt. Das sind mehr als doppelt so viele wie 1995. In diesem Jahr werden es noch viel mehr Pakete werden, weil wir alles Mögliche im Internet bestellen und uns nach Hause liefern lassen. Bis 2025, so hat die Unternehmensberatung McKinsey berechnet, wird sich das Volumen auf rund fünf Milliarden Pakete jährlich mehr als verdoppeln. Doch nicht nur die Masse macht’s, sondern auch die Art der Zustellung wird zur Herausforderung für die Paketdienste. Denn die Ansprüche der Kunden wachsen: Wer morgens online bestellt, möchte am liebsten abends seine Ware erhalten - und zwar an der Haustür. Für Boten heißt das, dass sie sich auch mit immer mehr Rücksendungen rumschlagen müssen.

          Als Herr Baldia und ich vor einem Paketshop anhalten, um einige solcher Retouren abzuholen, nähert sich eine ältere Frau unserem Wagen. „Entschuldigung, haben Sie was Kleines für mich?“ Herr Baldia antwortet sofort: „Wer sind Sie denn?“ Die Frau nennt ihren Namen und ihre Adresse, wir durchforsten die Ladefläche, finden aber nichts Kleines für sie. Ein paar weitere Male werden wir noch angesprochen, ob wir ein Paket für Herrn X oder Frau Y haben. Baldia ist etwas argwöhnisch. In dieser Gegend, sagt er, habe es schon häufiger Lug und Trug gegeben. Einige Leute hätten sich etwas an die Adresse einer anderen Person schicken lassen und dann versucht, das Paket beim Boten abzufangen.

          In Berlin geht es noch heißer her. So heiß, dass sich Kuriere von DHL Express neulich aus lauter Angst weigerten, Pakete in den Bezirk Wedding zu liefern. Sie seien mit Messern bedroht und aufgefordert worden, noch nicht zugestellte Pakete herauszurücken. DHL bestätigte, dass es in dem Kiez zu Übergriffen auf Kurierfahrer gekommen sei.

          Baldia und ich erreichen nach fünf Minuten Fahrt eine bessere Wohngegend. Die Straßen tragen hochtrabende Namen wie „Leonardo-da-Vinci-Allee“. Besorgniserregend wirkt auf einen Jungboten wie mich allerdings die Stille, die am frühen Nachmittag hier herrscht. Ob hier und jetzt jemand zu Hause ist, damit wir unseren Paketberg hinten im Wagen allmählich loswerden? Baldia zeigt auf die Kinderwagen, die in Hausfluren zu sehen sind. Ich lerne: Wo es Hinweise auf Familien mit Säuglingen gibt, stirbt die Hoffnung zuletzt. Denn eine junge Mutter ist in der Regel tagsüber zu Hause und auch oft willens, die Pakete anderer Leute anzunehmen. Auch Rentner sind oft die letzte Rettung für Boten.

          Nichts, nichts und noch mal nichts

          Wir drücken eine Klingel nach der anderen. Nichts, nichts und noch mal nichts. Als wir schon die Benachrichtigungszettel ausfüllen und in den Briefkasten werfen wollen, rauscht es plötzlich in der Gegensprechanlage. Es folgt Baldias übliche Durchsage: „Hallo, DHL, ein Paket für Sie!“ Die Haustür öffnet sich, ich bin erleichtert, Baldia ist zerknirscht. Die Frau hat nämlich kein Stockwerk genannt, unsere Nachfrage hat sie schon nicht mehr gehört. Wir tippen auf die fünfte Etage und nehmen den Fahrstuhl. Auf dem Flur wartet - niemand. Wir laufen die Treppen ein Geschoss höher. Auch keiner da. Wir rennen wieder zwei Geschosse runter, schauen nervös auf lauter Türschilder ohne Namen. Irgendwo öffnet sich dann doch eine Tür. Nix wie hin! Als wir der Frau das Paket übergeben - „bitte hier unterschreiben, vielen Dank, schönen Tag noch“ - verbergen wir unsere Anstrengung ebenso wie unsere Erleichterung.

          Nachdem Herr Baldia und ich im Laufe des Tages auch noch in anderen Wohnblocks rauf und runter gerannt oder gefahren sind, um die richtige Wohnungstür ausfindig zu machen, habe ich meine nächste Lektion gelernt: Gleich morgen, wenn ich nicht mehr Aushilfsbote, sondern wieder Stammkunde bin, werde ich jedem Zusteller beim ersten Klingeln öffnen und rufen: „Vierter Stock!“ Im Übrigen sei dies dringend zur Nachahmung empfohlen. Jeder Bote wird sehr, sehr dankbar sein. Und glückliche Zusteller bringen die Pakete am verlässlichsten.

          Herr Baldia und ich bilden heute ein vorbildliches Paar. Wir erfüllen unsere Pflichten, warten scheinbar geduldig vor einigen Dutzend Haustüren in der Kälte, statt mal eben eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten zu werfen und dann weiterzufahren. Wenn DHL für einen Werbefilm Deutschlands Superboten sucht: So wie Elmar Baldia heute arbeitet, ist er unbedingt zu empfehlen.

          Aber da gibt es ja auch die anderen, die weniger verlässlichen. Jeder, der in seinem Leben schon ein paar Pakete verschickt hat, kennt Geschichten über überforderte, faule Zusteller, die nichts anders wollen als die Pakete so schnell wie möglich loswerden, und die, wenn man sie darauf anspricht, manchmal Deutsch weniger sprechen als radebrechen. Wer sich als Kunde nicht direkt bei DHL beschwert, der macht seinem Ärger über ausbleibende Pakete, fehlende Benachrichtigungen oder allerlei andere Misslichkeiten im Internet Luft. Allein das Portal mit dem sprechenden Namen Paket-Ärger.de, das die Verbraucherzentrale NRW entwickelt hat und das vom Justizministerium gefördert wird, meldet rund 570 Beschwerden monatlich. Am häufigsten bemängeln Kunden, dass eine Sendung nicht ausgeliefert wurde, obwohl sie den ganzen Tag daheim waren. Zweitgrößtes Problem ist eine zu lange Lieferzeit, gefolgt von der Kritik, dass ein Paket nicht ordentlich abgelegt, sondern vor die Haustür oder hinter Mülltonnen gestellt wurde.

          Das Paket ist bei „Frau Kiosk“

          In den sozialen Netzwerken verbreiten genervte Kunden auch ihre skurrilsten Lieferscheine, die von der Eile der Boten zeugen. So veröffentlichte am vergangenen Mittwoch ein Kunde über Twitter einen Benachrichtigungszettel, auf dem sich der handschriftliche Hinweis fand „Zwei Pakete in der Papiertonne“. Ich selbst bekam vor einiger Zeit die Benachrichtigung, dass mein Paket bei „Frau Kiosk“ abzuholen sei. Was ich schließlich herausfand: Das Paket wurde bei der Verkäuferin („Frau“) in der Bäckerei („Kiosk“) hinterlegt.

          Herr Baldia, ständig beschweren sich die Leute, dass Sie und Ihre Kollegen Lieferscheine draußen an die Haustür kleben, wo sie jeder sehen und klauen kann. Das dürfen Sie doch gar nicht, oder?

          Also, korrekt wäre es, die Karte mit zurück ins Depot zu nehmen, sie dort in einen Umschlag zu stecken und sie per Post zuzustellen. Aber dann erfährt der Kunde frühestens am nächsten, vielleicht sogar erst am übernächsten Tag, dass ein Paket auf ihn wartet. Ich finde es viel hilfreicher, wenn er noch am selben Abend einen Zettel an der Haustür sieht und sofort Bescheid weiß.

          In unserem Mehrfamilienhaus hängen ständig Zettel an der Haustür. Ich befürchte immer, dass sie jemand abreißt und mein Paket vom Shop abholt.

          Das kann eigentlich nicht passieren, weil die Paketshops ja die Adressdaten mit dem Personalausweis abgleichen sollten.

          Manche Leute veröffentlichen im Internet DHL-Benachrichtigungsscheine mit Hinweisen wie „auf den Balkon geworfen“.

          Das muss gar nicht so grotesk sein, wie es klingt. Vielleicht hat der Empfänger es ja so gewollt. Wenn jemand den eigenen Balkon als Wunschort für seine Zustellung angibt, dann werfen wir das Paket eben hoch in den ersten Stock. Ich würde es auch so machen. Aber klar, es gibt auch Kollegen, die vieles nicht so genau nehmen. Allgemein gilt: Zusteller, die viel benachrichtigen, sind schlechte Zusteller.

          Die Zustelldienste halten ihre Fahrer dazu an, alle Pakete beim ersten Versuch zuzustellen: sei es beim vorgesehenen Empfänger oder bei einem Nachbarn. Für jedes Versäumnis muss DHL zahlen. Ein Paketshop bekommt Geld, wenn der Bote eine Sendung dort abgibt, ebenso eine Postbank-Filiale, die Pakete annimmt.

          Bringt bald ein Roboter die Pakete?

          Die Zustelldienste testen seit Jahren allerlei Dinge, um eine reibungslose Zustellung möglich und die Kunden glücklich zu machen. Vor Mehrfamilienhäusern wurden Paketkästen angebracht, aus denen die Hausbewohner ihre Kartons holen können wie Briefe aus ihrem Briefkasten. Auch eine faltbare Stoffbox, die „Paketbutler“ heißt, in den Hausflur gestellt und per Chip geöffnet werden kann, gibt es schon. Ein mögliches Zukunftsmodell ist die Kofferraumzustellung, die DHL in Zusammenarbeit mit Smart und Audi getestet hat. Dabei wird das Paket vom Boten in den Kofferraum des parkenden Autos hinterlegt.

          Und dann gibt es ja noch die technischen Lösungen: Einräder, die eigenständig zum Empfänger fahren; Roboter, die Pakete an der Haustür abliefern; Drohnen, die Waren durch die Lüfte transportieren. So eine Drohne ist hilfreich, wenn ein Paket in abgelegenen Gegenden wie eine Nordseeinsel oder eine bayerische Alm geliefert werden muss. Aber zur Massenabfertigung in Ballungsgebieten taugt sie nicht. Das Flugobjekt ist teuer in der Anschaffung und befördert nur kleine Mengen. McKinsey geht gleichwohl davon aus, dass im Jahr 2025 rund 80 Prozent der Pakete automatisiert ausgeliefert werden können. „Dass Drohnen eines Tages auf Balkons landen, glaube ich nicht“, sagt Baldia.

          Solange das Fluggerät „Paketkopter 3.0“, für das DHL kürzlich den Mobilitätspreis des Bundesverkehrsministeriums bekommen hat, nicht serienreif ist, heißt es: weiter schleppen. Und klingeln. Und warten. Und dann, weil der Empfänger nicht zu Hause ist, die Pakete beim Nachbarn abgeben. Zum Beispiel die sechs Heizlüfter, die ein Mann bestellt hat, der gerade nicht da ist. Seine Nachbarin erwartet Herrn Baldia und mich dankenswerterweise im Flur, erschrickt aber, als wir um die Ecke kommen. Nein, in ihrer Wohnung mag sie die sechs riesigen Pakete nun wirklich nicht aufbewahren. Aber in den Hausflur dürfen wir sie stellen. Sie unterschreibt, und das ist das Wichtigste für uns.

          „Die Familie tut mir so leid, die ist wie eine Paketabholstation“

          Nächster Wohnblock, ähnliches Spiel. In kurzer Zeit auf acht verschiedene Klingelknöpfe gedrückt, das habe ich das letzte mal als Zehnjähriger, bei den alterstypischen Klingelstreichen. Herr Baldia ist gelassener als ich. Er weiß: Ganz oben, im siebten Stock, wohnt eine britische Familie, bei der immer jemand zu Hause ist. Er hat recht. Unser letztes Klingeln wird erhört. Der Brite nimmt Päckchen für Bewohner aller Etagen entgegen. Ein Traumnachbar! „Die Familie tut mir so leid, die ist wie eine Paketabholstation“, sagt Baldia.

          DHL-Kunden haben die Möglichkeit, sich ihre Pakete in eine der 3000 Packstationen liefern zu lassen. Sie können im Internet auch einen sogenannten Wunschnachbarn angeben. Also einen, der die Pakete entgegennimmt. Aber allzu viele Leute, die sich dafür zur Verfügung stellen, können es nicht sein. Auf unserer heutigen Tour ist es jedenfalls kein einziger.

          Das personifizierte Gegenteil einer Wunschnachbarin ist die Frau, die nicht auf unser Klingeln antwortet, uns aber drei Minuten später im Treppenhaus entgegenkommt. Sie fragt: „Haben Sie etwas für mich?“ Herr Baldia antwortet: „Leider nicht, aber könnten Sie die Pakete ihrer Nachbarn annehmen?“ Sie schüttelt den Kopf und antwortet: „Ich nehme keine Pakete, ich habe ein Kind.“ Während ich noch über die Logik hinter dieser Aussage grübele, winkt Herr Baldia ab. Die Frau ist DHL-bekannt, sie will einfach nichts für andere annehmen. „Man weiß mit der Zeit, welcher Nachbar freundlich ist und welcher einen anmault“, sagt Baldia. Und dann erzählt er ein paar Anekdoten aus seinem Botenleben:

          Von einem Mann, der das Paket der Nachbarin nicht entgegennehmen will, aber fragt: „Was ist denn da drin?“

          Von einer Frau, die sich über ein eigenes Päckchen freuen darf, aber stattdessen den Boten anherrscht: „Sie haben mein Kind geweckt!“

          Von einer Katzenliebhaberin, die in einer oberen Etage eines Altbaus ohne Fahrstuhl wohnt und die 31,5-Kilogramm-Pakete Katzenstreu am liebsten online bestellt.

          Nur ab und zu ein Schluck Mineralwasser

          Mein Lieblingsempfänger des Tages ist der Mann, der wie viele Männer in Jogginghose und Sweatshirt in der Tür erscheint. Er nimmt sein Paket entgegen und reicht uns im Gegenzug eine Packung Doppelkekse. „Das Mittagessen ist gesichert“, sagt Herr Baldia. Prima, denke ich, mein Frühstück liegt ja auch schon sechs Stunden zurück. Leider erklärt mir Herr Baldia umgehend, dass er seine Pause möglichst weit aufschiebt. Von Zeit zu Zeit nippt er zwar an seinem mitgebrachten Mineralwasser, aber gegessen wird in der Arbeitszeit von 10 Stunden (plus 45 Minuten vorgeschriebener Pause) nicht. „In meinen ersten Wochen als Bote habe ich zwölf Kilogramm abgenommen“, sagt Baldia.

          Mir geht die Kekspackung nicht aus dem Kopf. Ob er denn häufig Trinkgeld bekommt, zumal jetzt in der Weihnachtszeit, frage ich meinen Fahrer beim Warten vor irgendeiner weiteren Haustüre. Am freigiebigsten sind „ältere Herrschaften mit offensichtlich eher schmaler Rente“, sagt Baldia: Sie verschenken Schokolade oder reichen ihm im Sommer Getränke. Einmal hat Baldia zwei Flaschen Bier in die Hand gedrückt bekommen. Zu Weihnachten gibt es auch Geld, aber meistens nur für jene Zusteller, die in ihrem Bezirk bekannt sind.

          Prämien für unfallfreies Fahren

          Über ein wenig Trinkgeld freut sich jeder Zusteller, nicht nur wegen der netten Geste. Das Gehalt ist eher knapp, liegt für manche Frankfurter DHL-Boten bei weniger als 2000 Euro brutto. Andere Lieferdienste zahlen deutlich weniger. Ein Teil der Beschäftigten hat nur einen befristeten Vertrag, viele wollen auch gar nicht länger. Immerhin gibt es bei DHL auch noch Prämien, beispielsweise für ein Jahr unfallfreies Fahren. Auch für die Zustellung von Versandkatalogen (43 Cent je Stück) und das Abholen von Retouren (5 oder 35 Cent je Stück) gibt es Extrageld. Ich bekomme am Ende meiner Tour nichts. Noch nicht einmal einen Keks.

          Kurz bevor ich mich verabschiede, klingelt Baldias Handy. Sein Chef ist dran. Er weiß, dass Baldia an diesem Abend erst gegen 22 Uhr zu Hause sein werde, doch müsse er trotzdem am nächsten Morgen um sieben Uhr einspringen. „Dann muss ich wohl mein Feldbett im Paketzentrum aufklappen“, erwidert Baldia. Überhaupt nimmt er den ganzen Stress mit Humor. Erst recht in der Weihnachtszeit, in der er es nicht nur mit den üblichen verärgerten Autofahrern und genervten Nachbarn zu tun bekommt, sondern mehr schleppen muss als je zuvor. „Für uns Zusteller gilt dasselbe wie für Weihnachtsgänse“, sagt Elmar Baldia. „Es gibt kein Leben nach Weihnachten.“

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