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Stressiger Beruf : Paketbote für einen Tag

Von einem Mann, der das Paket der Nachbarin nicht entgegennehmen will, aber fragt: „Was ist denn da drin?“

Von einer Frau, die sich über ein eigenes Päckchen freuen darf, aber stattdessen den Boten anherrscht: „Sie haben mein Kind geweckt!“

Von einer Katzenliebhaberin, die in einer oberen Etage eines Altbaus ohne Fahrstuhl wohnt und die 31,5-Kilogramm-Pakete Katzenstreu am liebsten online bestellt.

Nur ab und zu ein Schluck Mineralwasser

Mein Lieblingsempfänger des Tages ist der Mann, der wie viele Männer in Jogginghose und Sweatshirt in der Tür erscheint. Er nimmt sein Paket entgegen und reicht uns im Gegenzug eine Packung Doppelkekse. „Das Mittagessen ist gesichert“, sagt Herr Baldia. Prima, denke ich, mein Frühstück liegt ja auch schon sechs Stunden zurück. Leider erklärt mir Herr Baldia umgehend, dass er seine Pause möglichst weit aufschiebt. Von Zeit zu Zeit nippt er zwar an seinem mitgebrachten Mineralwasser, aber gegessen wird in der Arbeitszeit von 10 Stunden (plus 45 Minuten vorgeschriebener Pause) nicht. „In meinen ersten Wochen als Bote habe ich zwölf Kilogramm abgenommen“, sagt Baldia.

Mir geht die Kekspackung nicht aus dem Kopf. Ob er denn häufig Trinkgeld bekommt, zumal jetzt in der Weihnachtszeit, frage ich meinen Fahrer beim Warten vor irgendeiner weiteren Haustüre. Am freigiebigsten sind „ältere Herrschaften mit offensichtlich eher schmaler Rente“, sagt Baldia: Sie verschenken Schokolade oder reichen ihm im Sommer Getränke. Einmal hat Baldia zwei Flaschen Bier in die Hand gedrückt bekommen. Zu Weihnachten gibt es auch Geld, aber meistens nur für jene Zusteller, die in ihrem Bezirk bekannt sind.

Prämien für unfallfreies Fahren

Über ein wenig Trinkgeld freut sich jeder Zusteller, nicht nur wegen der netten Geste. Das Gehalt ist eher knapp, liegt für manche Frankfurter DHL-Boten bei weniger als 2000 Euro brutto. Andere Lieferdienste zahlen deutlich weniger. Ein Teil der Beschäftigten hat nur einen befristeten Vertrag, viele wollen auch gar nicht länger. Immerhin gibt es bei DHL auch noch Prämien, beispielsweise für ein Jahr unfallfreies Fahren. Auch für die Zustellung von Versandkatalogen (43 Cent je Stück) und das Abholen von Retouren (5 oder 35 Cent je Stück) gibt es Extrageld. Ich bekomme am Ende meiner Tour nichts. Noch nicht einmal einen Keks.

Kurz bevor ich mich verabschiede, klingelt Baldias Handy. Sein Chef ist dran. Er weiß, dass Baldia an diesem Abend erst gegen 22 Uhr zu Hause sein werde, doch müsse er trotzdem am nächsten Morgen um sieben Uhr einspringen. „Dann muss ich wohl mein Feldbett im Paketzentrum aufklappen“, erwidert Baldia. Überhaupt nimmt er den ganzen Stress mit Humor. Erst recht in der Weihnachtszeit, in der er es nicht nur mit den üblichen verärgerten Autofahrern und genervten Nachbarn zu tun bekommt, sondern mehr schleppen muss als je zuvor. „Für uns Zusteller gilt dasselbe wie für Weihnachtsgänse“, sagt Elmar Baldia. „Es gibt kein Leben nach Weihnachten.“

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