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Stressiger Beruf : Paketbote für einen Tag

Ein wenig fühle mich ertappt. Muss ich doch zugeben, dass ich Paketboten selbst schon so manches Mal verflucht habe, wenn sie mit ihren Fahrzeugen die Innenstadt verstopften. Aus dem Fenster eines DHL-Lieferwagens sieht die Welt allerdings ganz anders aus. Denn so berechtigt die Kritik an wild parkenden Paketzustellern im Einzelnen sein mag, so wohlfeil ist sie im Allgemeinen. Denn wir erboste Radler und entnervte Autofahrer sind ja selbst Online-Kunden und damit unsererseits froh, wenn die Ware zügig an der eigenen Haustür abgegeben wird. Wer also das nächste Mal über die Gepflogenheiten der Zusteller wettert, sollte zunächst sein eigenes Kaufverhalten in Frage stellen. Ist jedes Päckchen wirklich nötig?

2,3 Milliarden Pakete  im vergangenen Jahr

Sage und schreibe 2,3 Milliarden Pakete haben wir Deutsche im vergangenen Jahr verschickt. Das sind mehr als doppelt so viele wie 1995. In diesem Jahr werden es noch viel mehr Pakete werden, weil wir alles Mögliche im Internet bestellen und uns nach Hause liefern lassen. Bis 2025, so hat die Unternehmensberatung McKinsey berechnet, wird sich das Volumen auf rund fünf Milliarden Pakete jährlich mehr als verdoppeln. Doch nicht nur die Masse macht’s, sondern auch die Art der Zustellung wird zur Herausforderung für die Paketdienste. Denn die Ansprüche der Kunden wachsen: Wer morgens online bestellt, möchte am liebsten abends seine Ware erhalten - und zwar an der Haustür. Für Boten heißt das, dass sie sich auch mit immer mehr Rücksendungen rumschlagen müssen.

Als Herr Baldia und ich vor einem Paketshop anhalten, um einige solcher Retouren abzuholen, nähert sich eine ältere Frau unserem Wagen. „Entschuldigung, haben Sie was Kleines für mich?“ Herr Baldia antwortet sofort: „Wer sind Sie denn?“ Die Frau nennt ihren Namen und ihre Adresse, wir durchforsten die Ladefläche, finden aber nichts Kleines für sie. Ein paar weitere Male werden wir noch angesprochen, ob wir ein Paket für Herrn X oder Frau Y haben. Baldia ist etwas argwöhnisch. In dieser Gegend, sagt er, habe es schon häufiger Lug und Trug gegeben. Einige Leute hätten sich etwas an die Adresse einer anderen Person schicken lassen und dann versucht, das Paket beim Boten abzufangen.

In Berlin geht es noch heißer her. So heiß, dass sich Kuriere von DHL Express neulich aus lauter Angst weigerten, Pakete in den Bezirk Wedding zu liefern. Sie seien mit Messern bedroht und aufgefordert worden, noch nicht zugestellte Pakete herauszurücken. DHL bestätigte, dass es in dem Kiez zu Übergriffen auf Kurierfahrer gekommen sei.

Baldia und ich erreichen nach fünf Minuten Fahrt eine bessere Wohngegend. Die Straßen tragen hochtrabende Namen wie „Leonardo-da-Vinci-Allee“. Besorgniserregend wirkt auf einen Jungboten wie mich allerdings die Stille, die am frühen Nachmittag hier herrscht. Ob hier und jetzt jemand zu Hause ist, damit wir unseren Paketberg hinten im Wagen allmählich loswerden? Baldia zeigt auf die Kinderwagen, die in Hausfluren zu sehen sind. Ich lerne: Wo es Hinweise auf Familien mit Säuglingen gibt, stirbt die Hoffnung zuletzt. Denn eine junge Mutter ist in der Regel tagsüber zu Hause und auch oft willens, die Pakete anderer Leute anzunehmen. Auch Rentner sind oft die letzte Rettung für Boten.

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