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Stressiger Beruf : Paketbote für einen Tag

Nach einer Stunde ist unser Wagen voll. 174 Pakete befinden sich darin, dazu 24 Stücke Dialogpost, wie Versandkataloge im Branchenjargon heißen. Draußen ist es frostig, minus drei Grad Celsius. Baldia trägt winterfeste DHL-Uniform: Jacke in Gelb-Rot-Schwarz, schwarze Hose, rote Laufschuhe. Er sieht seriös aus und wird von jedermann erkannt. Ich habe meine dickste Winterjacke angezogen und eine olle Jeans. In dieser Montur werde ich heute einige Leute erschrecken. Denn ein Typ von fast 1,90 Meter, der sich unten an der Klingel als DHL-Bote ausgibt und oben vor der Wohnung in Jeans erscheint, erregt vor allem bei Frauen größtes Misstrauen.

Baldia und ich sind heute zuständig für den Frankfurter Zustellbezirk 06. Es ist ein gemischter Bezirk, das heißt, wir durchkreuzen nicht nur ein Wohngebiet, sondern auch ein Gewerbegebiet. Firmen zu beliefern ist für jeden Zusteller der angenehmste Teil seines Jobs. Überall gibt es einen freien Parkplatz, immer ist jemand da, der ein Paket entgegennimmt, jedes Mal können wir die von DHL knapp kalkulierte Übergabezeit von drei Minuten je Paket in etwa einhalten. Für mich als Mitfahrer sind die Stationen Tankstelle, TÜV, Seniorenheim, Grundschule und Hotel eher eintönig.

„Wir stehen hier im absoluten Halteverbot“

Nach eineinhalb Stunden wird es zum ersten Mal heikel: Wir behindern den Verkehr! Wir müssen zwei schwere Pakete bei einem Autohändler abliefern, die Straße ist schmal, ein regulärer Parkplatz nicht in Sicht. Baldia fährt rechts ran, alle nachfolgenden Autofahrer müssen warten, bis der Gegenverkehr vorüber ist, erst dann können sie uns umkurven. Ich stelle meinen Fahrer zur Rede.

Herr Baldia, wir stehen hier im absoluten Halteverbot.

In Innenstädten gibt es keine legalen Parkplätze für uns. Wir stellen uns ins Halteverbot, parken auf Fahrradspuren, zwängen uns irgendwo hinein, wo wir möglichst niemanden blockieren. Ich finde, wenn die Autos an unserem Wagen vorbeikommen, ist das alles kein Problem. Einmal aber habe ich ein paar Minuten so geparkt, dass die Müllabfuhr nicht vorbeikam. Die hat gleich die Polizei angerufen.

Und dann bekamen Sie einen Strafzettel wegen Falschparkens?

Nee, die Polizisten waren viel verständnisvoller als die Müllfahrer. Polizei und das Ordnungsamt sind im Prinzip sehr nachsichtig mit uns. Nur Feuerwehrzufahrten und Behindertenparkplätze sind tabu. Wenn jemand von uns dort erwischt wird, bekommt er ein Ticket, und das muss er dann aus eigener Tasche bezahlen.

Mich wundert, dass die anderen Verkehrsteilnehmer bisher so geduldig mit uns sind: Keiner gestikuliert, hupt oder schimpft, weil wir im Weg stehen. Da bin ich anderes gewohnt.

Ehrlich gesagt: Hier in Frankfurt fahren besonders viele Idioten. In meiner Hamburger Heimat geht es viel ruhiger zu, da halten die Leute beispielsweise an, wenn ein Paketwagen rückwärts ausparkt. Aber in Frankfurt drängeln sich Autofahrer, Fahrradfahrer und sogar Mütter mit Kinderwagen noch hinten vorbei, wenn ich zurücksetze. Die sind echt alle suizidgefährdet.

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