https://www.faz.net/-gyl-7yyyc

Stressabbau : Wenn Manager meditieren

Bitte atmen Sie jetzt: Meditationsguru Jon Kabat-Zinn macht vor, wie’s richtig geht. Bild: World Economic Forum / Benedikt von Loebell

Meditations-Guru Jon Kabat-Zinn will unter Dauerstrom stehenden Führungskräften helfen, zur Ruhe zu kommen. Ausgerechnet in Davos. Ein Selbstversuch.

          4 Min.

          Wo sind die Yogamatten? Ich hatte fest damit gerechnet, dass wir es uns gemütlich machen würden. Aber als ich den Seminarraum zur „Mindfulness Meditation“ auf dem Weltwirtschaftsforum betrete, stehen dort nur 60 weiße Stühle, drei Flipcharts und dazwischen, still und unscheinbar, der Achtsamkeitstrainer Jon Kabat-Zinn.

          Bettina Weiguny
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Stressabbau durch Meditieren ist dieses Jahr ein großes Thema unter der versammelten Wirtschaftselite in Davos. Dass diese Kunst der Wahrnehmung nicht mehr als esoterischer Schabernack abgetan wird, sondern weltweit Einzug in die Chefetagen hält, verdankt sie vor allem diesem Wissenschaftler von der amerikanischen Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT).

          Kabat-Zinn hat die Achtsamkeitsbewegung einst in Amerika begründet. Seit 36 Jahren leitet der promovierte Molekularbiologe Meditationskurse, er hat eine Klinik und ein Achtsamkeitszentrum aufgebaut. Dort wird Kranken und Ausgebrannten geholfen, chronische Schmerzen zu ertragen, Krebs zu bekämpfen, Stress und Burnout zu vermeiden. Auf der ganzen Welt lernen Millionen von Menschen nach der von ihm entwickelten Methode, der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR).

          Plopp. Plopp. Plopp

          Nun will ich auch achtsam durchs Leben schreiten. Gelassenheit lernen. Deshalb bin ich in seinem Kurs. Genauso wie 80 andere Teilnehmer des Forums, die während der fünftägigen Konferenz einen klaren Kopf bewahren wollen, trotz des Trubels, der vielen Termine und der viel zu kurzen Nächte. Zunächst einmal halsen wir uns dadurch zusätzliche Termine auf. Denn wir treffen uns jeden Morgen, leider auch noch sehr früh.

          Später unter Tags laufen im Kongresszentrum etliche Veranstaltungen parallel, 2900 Besucher drängeln sich durch die fensterlosen Gänge und Hallen, haben die Qual der Wahl zwischen Diskussionen über China, Banken oder Erderwärmung, zwischen den Robotern der Zukunft oder Genomforschung. Früh morgens aber haben wir das Kongresszentrum für uns. Kabat-Zinn lobt uns zur Begrüßung, weil wir unseren Schweinehund überwunden haben. Wir sind nun „eine eingeschworene Gruppe“. Das klingt gut. Es entschädigt für den Wecker.

          Kabat-Zinn zieht seine Schuhe aus und setzt sich im Schneidersitz auf den Boden. Andere tun es ihm gleich, trotz Anzug oder engem Rock. Highheels und Winterstiefel wandern ordentlich neben die Laptop-Taschen. Wir schließen die Augen und suchen unseren Atem, versuchen ihn zu spüren. Sonst nichts. 20 Minuten lang. Irgendwo summt leise ein Handy, hier und da vernimmt man das dezente Ploppen, das ertönt, wenn eine Mail eingeht. Plopp. Plopp. Plopp. Wer soll sich da auf den Atem konzentrieren? Aber klar, alle hier sind vielbeschäftigte Manager, Unternehmer, Wissenschaftler oder Politiker. Wichtige Leute aus aller Herren Ländern, die normalerweise um jede Uhrzeit erreichbar sind. Nur jetzt nicht.

          „So halten wir unsere Beziehung in Gang“

          Jetzt zählen nur der Atem und der Augenblick. „Der Augenblick ist alles, was wir haben“, sagt Kabat-Zinn. „Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht da. Genießt das Hier und Jetzt.“ Während er spricht, spüren wir weiter unserem Atem nach. Sobald wir gedanklich abschweifen, sollen wir die Gedanken sanft einfangen und weiter atmen. Immer nur atmen. Achtsamkeit, so erläutert Kabat-Zinn leise, macht ruhig, gelassen und glücklich.

          Weitere Themen

          Das Netzwerk liest mit

          Peer Review : Das Netzwerk liest mit

          Ein neues studentisches Journal will das Peer-Review-Verfahren reformieren. Die Forschungsarbeiten sollen öffentlich diskutiert, statt von unbekannten Gutachtern ausgewählt werden.

          Der Türenmacher

          FAZ Plus Artikel: Handwerk an der Ostsee : Der Türenmacher

          René Roloff führt mit seinem Bruder die letzte Tischlerei, die noch Darßer Türen fertigt. Er macht sich Sorgen darum, wie es mit seinem Familienunternehmen weitergeht. Doch auch das seltene Handwerk selbst ist in Gefahr.

          Topmeldungen

          Schwieriger Besuch: Baerbock bei Lawrow im russischen Außenministerium

          Baerbock bei Lawrow : Frostige Begegnung in Moskau

          Annalena Baerbocks Treffen mit Russlands Außenminister verläuft höflich, aber angespannt. Die beiden tragen einander in erster Linie lange Listen an Differenzen vor. Und Lawrow ist gewohnt listig.
          Der britische Premierminister Boris Johnson und sein früherer Chefberater Dominic Cummings (rechts) verlassen Downing Street im September 2019

          Party in Downing Street : Wurde Johnson gewarnt?

          Boris Johnsons früherer Berater Dominic Cummings belastet den britischen Premierminister. Es werde noch weitere belastende Fotos geben, kündigt er an. Der Privatkrieg zwischen den beiden geht weiter.