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Stress im Beruf : Achtung, Achtsamkeit!

  • -Aktualisiert am

„Keine Wunderpille“

Zweifelnde Manager und Trainingsteilnehmer versucht Ludwig mit seiner eigenen Biographie zu überzeugen. „Wenn die Leute merken, da steht einer, der einen Anzug trägt und der weiß, wie das ist, wenn man am Tag 300 Mails kriegt, dann nehmen sie einem das ab.“ Er will vermitteln, dass es möglich ist, mit kleinen Interventionen im Arbeitsalltag Stress abzubauen. Ludwig warnt jedoch auch vor überzogenen Erwartungen: „Achtsamkeit ist keine Wunderpille oder ein Allheilmittel, sondern erfordert persönliches Engagement.“ Schnell merkten die Teilnehmer der Trainings, dass diese keine Wellnessveranstaltung seien.

„Wenn man es ernsthaft betreibt, geht es ans Eingemachte, weil man wieder lernt, sich auf sich selbst zu konzentrieren und die Selbstwahrnehmung zu trainieren.“ Weil dabei auch schwerwiegende, unterdrückte Konflikte nach oben gespült werden können, warnen Mediziner psychisch labile Personen vor unbetreuten Einzeltrainings. Auch mit einem Tages- oder Wochenkurs ist es in der Regel nicht getan.

Konzipiert wurde das TAA-Training, nach dem Wenisch und Ludwig arbeiten, von Cornelia Löhmer und Rüdiger Standard vom Bildungsinstitut Giessener Forum. Sie gehörten vor rund 15 Jahren zu den ersten, die Achtsamkeit im Beruf in Deutschland zum Thema machten. Die Grundlagen ihrer Methode erlernten sie unter anderem am Center for Mindfulness von Jon Kabat-Zinn. Löhmer erklärt den aktuellen Hype damit, dass die Hirnforschung mittlerweile die durch Achtsamkeitsübungen bewirkten Veränderungen im Gehirn mittels technischer Verfahren empirisch nachweisen konnte. Das habe auch viele Skeptiker überzeugt. Das erfreut Löhmer einerseits, andererseits tummelten sich nun auch viele unseriöse Anbieter am Markt, die etwa Erfolge durch Schnellkurse versprächen.

Achtsamkeitsübung im Firmenwagen

Heike Bordin-Knappmann hat die Methode überzeugt. Die Personalentwicklerin von Ista aus Essen bot Mitarbeitern aus dem Vertriebsaußendienst ein freiwilliges Achtsamkeitstraining bei Ludwig an. Die überwiegend männlichen Mitarbeiter, die hauptsächlich Neukunden für das Energie- und Messtechnikunternehmen gewinnen sollen, waren im Vorfeld allerdings skeptisch. Der Trainer konnte aber den Großteil überzeugen, sagt Bordin-Knappmann. „Dass er selbst im Vertrieb gearbeitet hat, war entscheidend.“ Letztlich machten fast alle mit.

Um das Training für die Vertriebsmitarbeiter zu gestalten, ließ sich Ludwig erst einmal den Arbeitsalltag und die Bedingungen erklären. Die Außendienstler verbringen ihre Arbeitszeit im Auto, beim Kunden und im Homeoffice - ein Büro im klassischen Sinn haben sie nicht. Neben drei halbtägigen Präsenzmodulen bot Ludwig deshalb auch begleitend über einen Zeitraum von etwa zwölf Wochen ein regelmäßiges Telefoncoaching außerhalb der Kernarbeitszeit an, zu dem sich die Mitarbeiter eines Teams gleichzeitig einwählen können. „Das Angebot nehmen so gut wie alle wahr und empfinden es als sehr hilfreich“, berichtet Bordin-Knappmann.

Auf die Ista-Mitarbeiter individuell zugeschnitten ist auch eine Übung, die im Firmenwagen stattfindet. Die Mitarbeiter sollten herausfinden, wo im Auto sie diese am liebsten durchführen wollen - auf dem Fahrersitz, auf der Rückbank, auf dem Auto oder außerhalb des Autos. „Ein Mitarbeiter sitzt am liebsten im Kofferraum und lässt die Beine baumeln“, sagt Bordin-Knappmann.

Erfolg lässt sich nicht an Zahlen festmachen

Mit der vorläufigen Bilanz zeigt sich die Personalentwicklerin sehr zufrieden: „Es kam bereits zu positiven Veränderungen, sagen die Teilnehmer.“ An steigenden Verkaufszahlen sei das schwer festzumachen. Aber für sie sei es schon ein Erfolg, wenn die Mitarbeiter selbst merkten, wenn sie gestresst seien und sich dann selbst regulierten: „Eine Teilnehmerin berichtete mir, sie mache jetzt vor jedem Kundengespräch eine Achtsamkeitsübung.“

Heike Bordin-Knappmann wählte die Außendienstler als erste Coaching-Teilnehmer aus, weil diese bei den regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen die schlechtesten Erholungswerte aufwiesen. Bislang nahmen 35 Ista-Mitarbeiter an vier Standorten an dem Training teil. Bordin-Knappmann würde das Coaching gern auf weitere Abteilungen und auf Führungskräfte ausweiten. Sie weiß aber, dass sie gerade im Management noch einige Überzeugungsarbeit leisten muss.

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