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Wortwahl in Stellenanzeigen : Freundliche Frauen und mächtige Männer

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Wer bewirbt sich auf welche Stellenanzeige? Das hat wohl auch mit Formulierungen zu tun. Bild: dapd

Stellenausschreibungen haben versteckte Botschaften, zeigt eine neue Studie. Wer die besten Talente will, sollte auf seine Wortwahl achten.

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          „Handwerker gesucht“ so konnte man es noch vor zwanzig Jahren an der Tür des einen oder anderen Betriebs lesen. Heute steht da in der Regel „Handwerker/in“ oder „Handwerker m/w/d“. Hinter dem Gendern, das aus juristischen Gründen Pflicht ist, stecken Forschungsergebnisse wie das der Sozialpsychologinnen Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny: Die meisten Menschen beziehen Frauen gedanklich nicht ein, wenn sie sich Gruppen wie „Handwerker“ oder „Lehrer“ vorstellen.

          Die tatsächliche Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt ändert sich trotz der inkludierenden Stellenbezeichnungen nur langsam. Dabei sind immer noch viele Unternehmen verzweifelt auf der Suche nach guten Fachkräften und würden gern viel mehr talentierte Frauen für sich gewinnen. Auch deshalb hat das soziale Onlinenetzwerk Linkedin in diesem Jahr eine umfassende Analyse der Kommunikation von Frauen und Männern im Arbeitsumfeld unternommen. Dem Bericht zufolge entscheidet die bloße Wortwahl von Arbeitgebern in veröffentlichten Stellenbeschreibungen, ihrem Werbematerial oder auf der Firmenwebsite unabhängig vom Inhalt darüber, wer sich bei ihnen bewirbt.

          „Frauen priorisieren bei Bewerbungen eher Begriffe, die mit ihrem Charakter in Verbindung stehen.“ heißt es in dem Papier. Nicht nur die reinen Fachkenntnisse sind wichtig, sondern auch Sozialkompetenz, so lautet auch die Devise von 92 Prozent der befragten Personalmanager. Trotz dieses Trends sehen Männer der Untersuchung zufolge nur geringen Bedarf, über ihren Charakter zu berichten oder ihre potentielle Rolle im neuen Arbeitsumfeld zu besprechen. Wird dieses Arbeitsumfeld als „aggressiv“ oder „fordernd“ beschrieben, schrecken dagegen Frauen schneller als Männer zurück. Der Umfrage zufolge ist eine von vier Frauen entmutigt, sich auf eine „fordernde“ Stelle zu bewerben. Auf der anderen Seite geben aber mehr als die Hälfe der  Frauen, die sich schon in einem Arbeitsverhältnis befinden, an, hart zu arbeiten und gut in ihrem Job zu sein. Männer hingegen trauen sich das in geringeren Anteilen zu. Wieso also die Zurückhaltung von Frauen bei der Bewerbung für fordernde Stellen? Linkedin führt das darauf zurück, dass es „männliche Sprache“ gebe, auf die Frauen nur zögernd reagieren und die somit einen großen Teil des Talentpools ausschließe.

          Wie der Einfluss der Wortwahl genau ist, darüber spalten sich die Meinungen, selbst in der Linguistik. „Sprache beinhaltet und prägt sprachliche Denkmuster.“ schreibt die feministische Sprachforscherin Kristina Reiss über Geschlechterbilder. In einer von Männern geführten Wirtschaft spiegele sich die Normalität von Männlichkeit demnach auch in der Betriebskommunikation wider.

          „Tatsächlich ist die deutsche Sprache maskulin dominiert.“ sagt auch Peter Rosenberg, Dozent für Linguistik an der Europa-Universität in Frankfurt Oder. „Die Ebene von Wörter ist aber zu oberflächlich, um das zu beschreiben.“ Statt die Reaktion auf einzelne Wörter zu testen solle man sich auf dahinter liegende Denkmuster fokussieren. Die Frage sollte also lauten: Warum trauen sich Frauen weniger häufig zu, fordernde Arbeit zu bewältigen?

          Rosenberg sieht besonders soziale Normen als Grund. „Stereotype sind praktisch, aber wenn ich ein Idealbild von Frauen im Kopf habe, bewerte und beschreibe ich jede Frau nach diesem Maßstab.“ So käme es auch, dass das Bild weiblicher Politikerinnen wie Führungskräfte häufig durch ihr Aussehen und ihren Charakter bestimmt werde. Angela Merkels Mundwinkel hängen und Oprah Winfrey hat ein fröhliches Lachen. Einflussreiche Männer werden hingegen in Verbindung mit sehr viel entschiedeneren Adjektive genannt. Mark Zuckerberg wurde, der Linkedin-Studie zufolge, im medialen Kontext sechsmal häufiger als „mächtig“ beschrieben als Sheryl Sandberg, die immerhin, neben Zuckerberg, die zweitmächtigste Frau im Facebook-Konzern ist.

          „Jedes Gespräch über vermeintliche Verhaltensmuster von Frauen trägt dazu bei, dass Frauen sich tatsächlich nach diesen Mustern verhalten“, sagt Rosenberg. Frauen trauen sich nicht zu, eine fordernde Stelle zu besetzten, wenn ihre weiblichen Vorbilder nicht als fordernd gelten, so der Gedanke.

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