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Stellenabbau : Belegschaft unter Schock

Das große Zittern: Bei der Investmentbank Lehman Brothers stand die Belegschaft 2008 unter Schock. Bild: Reuters

Die Ankündigung eines Stellenabbaus wie gerade bei der Deutschen Bank lässt auf Unternehmensfluren die Gerüchteküche brodeln. Wen trifft es? Was passiert nun? Viele können gar nicht mehr richtig weiterarbeiten. Über die Psychologie von Umstrukturierungen.

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          Die Nachricht kam mit voller Wucht: Vor kurzem hat John Cryan, der neue Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, sein Konzept vorgestellt, mit dem er das krisengeplagte Geldhaus wieder zu früherer Größe führen will. Dabei wurde auch klar, dass dafür weitaus weniger als die heute noch mehr als 100.000 Mitarbeiter benötigt werden. Einige Unternehmensteile werden verkauft, dort ändert sich für die Beschäftigten im besten Fall schlicht der Name des Eigentümers. Vom Rest werden jedoch nicht mehr alle unter dem Dach der Deutschen Bank einen (Arbeits-)Platz finden. 9000 Stellen werden abgebaut, teilte Cryan in Frankfurt mit, davon entfallen rund 4000 auf Deutschland. Ein Teil wiederum wird auf die Zentrale in Frankfurt entfallen, ein anderer auf Filialen in der gesamten Republik.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Seitdem macht die Sorge vor Jobverlust und Arbeitslosigkeit die Runde unter den Beschäftigten. Einige in den Frankfurter Bankentürmen fühlen sich an das große Zittern nach der Jahrtausendwende erinnert, als eine ganze Branche lernen musste, dass auch für Akademiker und Fachkräfte aus der Finanzwelt die Karriereleiter nicht nur nach oben führt. Die Gerüchteküche brodelt, der Flurfunk läuft auf vollen Touren.

          Aus Sicht des Münchner Wirtschaftspsychologen Dieter Frey ist das eine ganz normale Entwicklung: „Kündigungen oder Androhung von Arbeitsplatzverlusten gehören zu den traumatischen Lebensereignissen, weil sie im Allgemeinen auch mit existentiellen Krisen verbunden sind.“ Sie seien problematisch sowohl für diejenigen, die gekündigt werden, als auch für diejenigen, die bleiben. „Wer gehen muss, fragt sich, wo seine Lebensleistung bleibt und ob es fair ist, dass gerade er gekündigt wird.“ Es werde zu Beginn eine Achterbahn der Gefühle geben, mit Verdrängung, Wut, Ärger, Enttäuschung, sagt Frey. Wer im Unternehmen bleibt, werde natürlich genau beobachten, wie mit den Betroffenen umgegangen wird. „Und sie werden sich natürlich sofort die Frage stellen: Kann mir das morgen auch passieren?“

          „Es gibt kein Patentrezept“

          Der Betriebsrat der Bank hat seiner Empörung über dieses „falsche Signal“ auch umgehend Ausdruck verliehen. Es dränge sich der Eindruck auf, „dass die Mitarbeiter nun die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen das Topmanagement früherer Jahre mit Schadenersatzzahlungen und Abschreibungen in schwindelerregender Höhe eingebrockt hat“, sagte Konzernbetriebsratschef Alfred Herling - der als stellvertretender Aufsichtsratschef seit Jahren das Management zu kontrollieren hat. Für die anstehenden Verhandlungen über den Stellenabbau fordert er ein Höchstmaß von sozialer Verträglichkeit. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat für einen Verzicht auf betriebsbedingten Kündigungen plädiert. Noch sind keine Details zu den Kürzungsplänen bekannt. Man könne und wolle den Gesprächen mit den Gremien der Mitbestimmung nicht vorgreifen, heißt es auf Anfrage. Cryan hatte zuvor schon angekündigt, die Verhandlungen in einer fairen Art und Weise und mit der gebotenen Sorgfalt führen zu wollen.

          Andreas Hofmann kennt solche Umstrukturierungsprozesse zu Genüge. Als Personalmanager hat er sie für die Telekom-Tochtergesellschaft T-Systems und für den Baudienstleister Bilfinger Berger begleitet. „Ehrlicherweise muss man sagen, dass es kein Patentrezept gibt, um das Entstehen von Unruhe in der Belegschaft zu verhindern“, räumt Hofmann ein. Man benötige diese Phase der Verunsicherung sogar, damit die Mitarbeiter den Ernst der Lage erkennen und sich ihre Gedanken machen können. Damit wird es für das Unternehmen aber nicht nur unangenehm, sondern auch teuer. Wirtschaftspsychologe Frey geht davon aus, dass in solchen Phasen 30 bis 50 Prozent der gesamten mentalen Ressourcen dafür verwendet werden, wie es wohl im Unternehmen und der eigenen Abteilung weitergeht und wen es als Nächstes treffen könnte.

          Wenn das Personal mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit der eigenen Arbeit, hat das natürlich auch Auswirkungen auf die Produktivität. „Sehr oft zeigt sich, dass nach Kündigungen die Produktivität sogar eher sinkt“, weiß Frey über Belegschaften in Schockstarre. Hinzu komme im Fall der Deutschen Bank, dass viele Mitarbeiter schon seit Jahren nicht mehr richtig stolz auf ihre Organisation sein könnten, weil sie in ihrem Privatleben permanent darauf angesprochen würden, wann der nächste Skandal komme, ob alle Mitarbeiter kriminelle Handlungen begingen, ob zur Philosophie des Hauses das Täuschen, Tricksen, Manipulieren und andere fast mafiöse Tätigkeiten gehörten. „Man kennt ja Mitarbeiter der Deutschen Bank und weiß, was sie sich in solchen Gesprächen täglich anhören müssen“, sagt der Wissenschaftler.

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