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Standpunkt : Wo sind die Gründer?

  • -Aktualisiert am

Fertig mit der Uni - und jetzt? Warum bloß wollen nur so wenige ein Unternehmen gründen? Bild: dpa

Die deutsche Start-up Szene ist hip, kreativ, digital. Doch die Zahl der Vollerwerbsgründungen hat ein historisches Tief erreicht. Junge Menschen wollen lieber Beamte werden als Unternehmer. Was ist da los? Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Deutschland geht es gut. Wir können dieses Jahr mit einem gewaltigen Überschuss rechnen. Wie sollte das Geld sinnvoll eingesetzt werden? Vielleicht eine weitere Rentenerhöhung? Nein. Damit muss Schluss sein. Wir zehren stark von den Reformen der Agenda 2010. Wir zehren aber auch von einem starken Mittelstand und den oft zitierten geheimen Champions und großen Unternehmerdynastien. Doch wir brauchen auch eine neue Generation an Unternehmern und Gründern, damit die Wirtschaft dynamisch bleibt und die „old Economy“ den digitalen Anschluss nicht verpasst. Wo sind die Gründer?

          Die deutsche Start-up Szene ist hip, kreativ, digital. Start-ups und Gründungen sind in aller Munde. Doch die Zahl der Vollerwerbsgründungen geht zurück: Im vergangenen Jahr hat sie laut KfW-Gründermonitor mit 284.000 sogar ein historisches Tief erreicht.

          Gerade die 20- bis 30-Jährigen tun sich schwer mit dem Gedanken, ein Unternehmen zu gründen: Ein Drittel der deutschen Studenten wollen nach ihrem Abschluss als Beamte in den Staatsdienst einsteigen. Die meisten wünschen sich vor allem einen langfristig und finanziell sicheren Arbeitsplatz mit einer guten Balance zwischen Arbeit und Leben. Die Herausforderung, aber auch die Chance, sich als Unternehmer zu versuchen, ist für diese Generation offenbar wenig verlockend.

          Drei Gründe für die Zurückhaltung

          Warum tut man sich in Deutschland so schwer damit, ein eigenes Unternehmen zu gründen? Eine alles erklärende Antwort gibt es nicht. Aus meiner Sicht spielen drei Faktoren eine Rolle.

          Erstens: Jeder Fünfte, der ein Unternehmen gründen will, fürchtet den bürokratischen Aufwand so sehr, dass er von der Gründung absieht. Zwei Drittel der Unternehmensgründer müssen sich pro Woche mindestens fünf bis 15 Stunden mit bürokratischen Pflichtaufgaben herumschlagen.

          Die Vorfälligkeit der Sozialbeiträge ist eine dieser unnötigen Mehrbelastungen. Die Vorfälligkeit - de facto die zweifache Abrechnung im Monat - kostet die deutsche Wirtschaft Jahr um Jahr rund 1,5 Milliarden Euro. Genauso bei der Umsatzsteuer: Gründer sollten die Umsatzsteuer höchstens halbjährlich erklären müssen. Die geltende monatliche Praxis ist auch insofern absurd, als dass viele Gründer in ihrem ersten Jahr noch gar keine Umsätze erzielen.

          Zweitens: Im Gegensatz zu Ländern wie den Vereinigten Staaten mit einer ausgeprägten Gründungs- und Risikokapitalkultur steht in Deutschland nur relativ wenig Kapital zur Finanzierung von jungen Unternehmen bereit. Wichtig ist deshalb, die Rahmenbedingungen für Risikokapital zu verbessern.

          Ein wichtiger Schritt ist dafür, dass die Bundesregierung die Bedingungen für die steuerliche Berücksichtigung von Verlusten bei dem Verkauf von Start-ups verbessert. Gerade High-Tech-Start-ups brauchen am Anfang oft hohe Investitionen und machen damit erst mal hohe Verluste. Wenn diese nach einem Verkauf steuerlich nicht mehr berücksichtigt werden, sinkt der Firmenwert rapide.

          In den Vereinigten Staaten sehen wir zudem, dass Versicherungen und Pensionsfonds in Start-ups Kapital anlegen. Als junge Unternehmer wünschen wir uns, dass institutionelle Investoren auch in Deutschland bis zu zwei Prozent ihres Investments in Start-ups investieren.

          Drittens: Wir brauchen ein Umdenken in den Köpfen, um eine echte Gründerkultur zu entwickeln. Entscheidend ist, dass wir die Angst vor dem Scheitern verlieren. In Amerika fällt man auf die Nase und steht wieder auf. In Deutschland wird man als Verlierer abgestempelt. Scheitern gehört dazu, es macht stärker. Wichtig ist, aus Fehlern zu lernen und weiterzumachen oder die nächste Idee in Angriff zu nehmen.

          Das sollten Kinder schon in der Schule lernen. Sie sollten zu mehr Kreativität und mutigen Entscheidungen motiviert werden und unternehmerische Kompetenzen erlernen. Die Fähigkeit, Visionen zu entwickeln, ist ein gutes Beispiel dafür. Nur mit einer klaren Vision können auch die häufig zitierten disruptiven Innovationen geschaffen werden.

          Deutsche Angsthasen?

          Das sind viele kleine und größere Bausteine, die zu einem besseren Gründungsklima beitragen. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass die Deutschen über Nacht zu einer Nation von Gründern werden. Bis es so weit ist, ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Denn im internationalen Vergleich haben die Deutschen mehr Angst, ein Unternehmen zu gründen, als zum Beispiel die Norweger, Österreicher oder die Amerikaner.

          Sind die Deutschen also ein Volk von Angsthasen? Nein. Und Gründer sind es erst recht nicht, sie sind Macher. Risiko, Selbstverwirklichung und Erfolg bedeuten immer auch, dass man mal stürzen kann. Im sicheren Hafen des Beamtentums lassen sich große Ziele jedoch selten verwirklichen. Lasst uns uns mit Tatkraft dafür einsetzen, dass das Unternehmertum in Deutschland ein besseres Image bekommt, dass Hürden abgebaut werden und unsere Kinder verstehen, wie Wirtschaft funktioniert. Dann haben wir auch die Chance auf mehr Innovationen und Gründer und Menschen, die Verantwortung tragen.

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