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Sportreporterin Jessica Kastrop : „Frauen verzeiht man weniger Fehler“

  • Aktualisiert am

Mit Hund zum Interview: Jessica Kastrop Bild: Müller, Andreas

Das DFB-Pokalfinale wird an diesem Wochenende erstmals nur von Frauen moderiert. Unter ihnen Sportreporterin Jessica Kastrop, für die ein Fernschuss an den Hinterkopf zum Karriereturbo wurde. Wir haben sie getroffen.

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          Frau Kastrop, Sie gelten neben Monica Lierhaus als Vorkämpferin für Sportjournalistinnen in einer Männerbastion. Ist das für Sie ein Thema?

          Vorkämpferin, das ist ein zu großes Wort und zu viel der Ehre. Ich selbst habe mich nie als Exotin wahrgenommen. Ich war ein Papakind, mein Vater kommt aus dem Ruhrgebiet, da hat man keine Wahl, da ist man Fußballfan. Schon meine Großmutter war Schalke-Fan. Ich bin damit aufgewachsen. Mein Vater hat im Fußball immer zum Underdog gehalten. Das fand ich etwas frustrierend. Ich bin übrigens Sympathisantin vom 1. FC Kaiserslautern.

          Es ist ein offenes Geheimnis, dass Spieler lieber in der Mixedzone stehen bleiben, wenn eine attraktive Frau dort Fragen stellt.

          Na ja, ich habe zweieinhalb Jahre in Mailand gewohnt, da spielte das La-Bella-Bionda schon eine Rolle. Da könnte Michelle Hunziker Fußball moderieren, das wäre okay. In Deutschland ist das anders. Auf manchen Rängen im Stadion hält sich archaisches Denken. Noch immer müssen Frauen Chauvisprüche ertragen, wenn auch weniger als früher. Deshalb bin ich für eine Frauenquote, weil sie das jeweilige Milieu verändert. Bei Sky erfüllen wir die Frauenquote, da arbeiten 40 Prozent Frauen in der Redaktion, und das schafft eine andere Form der Wahrnehmung. Mit den Vorurteilen ist das immer ein schmaler Grat.

          Die Moderatorin jongliert sich tagtäglich durch eine Männerdomäne.
          Die Moderatorin jongliert sich tagtäglich durch eine Männerdomäne. : Bild: Müller, Andreas

          Also haben Sie doch eine Vorbildfunktion und zeigen, was alles möglich ist.

          So gesehen ja. Das Ergebnis ist das, was zählt. Wenn wir mehr Akzeptanz und Anerkennung finden, ist das wunderbar. Ich sehe schon, dass man Frauen generell weniger Fehler verzeiht. Es ist ja kein Zufall, dass Angela Merkel ihre scheinbare Passivität zur Taktik gemacht hat. 

          Ihre Arbeit beurteilen 40 Millionen meinungsfreudiger Bundestrainer. Wie gehen Sie mit Kritik um?

          Ich nehme mir ein Beispiel an den Fußballern und daran, wie sie mit Rückschlägen und Niederlagen umgehen. Mario Gomez, zum Beispiel, habe ich in seiner Zeit beim VfB Stuttgart dafür bewundert, wie er sich in einer Zeit ohne Torerfolge immer wieder der Kritik gestellt und sich von Spiel zu Spiel neu motiviert hat. Es geht darum, wieder aufzustehen, sich einen Abend zu grämen, dann aber nicht so sehr im Negativen zu verweilen - denn das richtet nur Flurschäden in der Psychohygiene an. Natürlich nehme ich konstruktive Kritik an. Die klassische Rückmeldung ist mir wichtig.

          Berühmt geworden sind Sie durch einen harten Kopfschuss, einen Querschläger von Khalid Boulahrouz aus vierzig Meter Entfernung. Das Youtube-Video ist zigfach hochgeladen worden. Geschadet hat Ihnen das keineswegs.

          Im Gegenteil. Die Sache mit dem Kopfball war in gewisser Weise Glück, weil ich bekannt wurde als jemand, der hart im Nehmen ist (lacht). Ich mache meine Arbeit mit Herzblut, suche aber nicht um jeden Preis die öffentliche Aufmerksamkeit.

          Nicht immer stehen Sie bei den großen Fußballspielen im Stadion, so wie jetzt das DFB-Pokal-Finale in Berlin. Häufig mussten Sie durch die Niederungen der zweiten Liga.

          Ich habe fünf Jahre zweite Liga moderiert, das ist definitiv anspruchsvoller, es ist schwierig, an Zusatzinfos über die Vereine und Spieler zu kommen. Man muss mehr recherchieren, hat weniger Quellen. Unser Publikum bei Sky hat zum Glück ein Fachwissen, weiß, was ein Sechser oder ein Relegationsplatz ist, kennt die Unterschiede zwischen Spielsystem und Taktik. Ich sehe mich als verlängerter Arm des Zuschauers, mein Job ist es, als Dolmetscher die Fragen zu stellen, die das Publikum interessierten. Dafür habe ich nur ein kurzes Zeitfenster. Da sind gute Vorbereitung und Empathie gefragt.

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