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Speed Reading : Den Blick rasen lassen

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Wer soll das bloß alles lesen? Beim „Super Speed Reading“ lernt man, in der täglichen Flut von E-Mails, Briefen und Texten nicht unterzugehen. Ein Selbstversuch.

          4 Min.

          Nach zwei Stunden setzt Panik ein. Die E-Mails vom Chef? Perfekt! Aber Romane, Biographien, Kurzgeschichten, Gedichte gar? Künftig nur noch im Eiltempo überfliegen? Marc Studer gibt Entwarnung: „Wir betreiben hier keine Gehirnwäsche.“ Soll heißen: Auch wer bei Studer ein Seminar im „Super Speed Reading“ absolviert, soll im Anschluss noch Literarisches genussvoll und langsam lesen können. Aber eben auch E-Mails, Protokolle und Fachliteratur im Eiltempo. „Man kann umschalten“, sagt Studer, Trainer an der Sprachschule Berlitz in Frankfurt, die auch Managementseminare anbietet. Schon zu Beginn des vierstündigen Seminars gibt er sich zuversichtlich. Langsamer geht hier keiner raus, lautet Studers Motto. Wollen wir doch mal sehen. Oder vielmehr lesen.

          Der Einstiegstest fördert Ernüchterndes zu Tage. Eben noch outet man sich in der Vorstellungsrunde als schneller, aber oberflächlicher Leser, da stellt die Stoppuhr gnadenlos fest: 6,5 Minuten für 1203 Wörter. 185 Wörter pro Minute: das ist langsam. Die übrigen drei Teilnehmer sind noch langsamer, ein schwacher Trost. Und es wird noch schlimmer: Der Weltrekord betrage 3850 Wörter pro Minute, sagt Studer. Seine Bestmarke will er zunächst nicht verraten. Wir ahnen: unterhalb unserer wird sie wohl kaum liegen.

          „Sie füttern ihr Hirn mit Datenmüll“

          Die erste Tempobremse ist schnell ausgemacht: Regression. Das Auge springt zurück, sobald ein schwieriges Wort auftaucht, das nicht auf Anhieb erkannt oder verarbeitet werden kann. Zumindest nimmt man das an. Oftmals ist es durchaus erkannt, nur die Verarbeitung hängt zurück. Wir haben es schon immer geahnt: Unser Gehirn arbeitet schlichtweg zu langsam. „Pro Zeile springt man im Schnitt ein bis zwei Mal zu einem bereits gelesenen Wort zurück“, sagt Studer. „Das kostet bei einem normalen Buch anderthalb Stunden. Sie füttern ihr Hirn mit Datenmüll.“ Gegen die schlechte Angewohnheit aus der Schulzeit, als das Lesen noch schwerfiel und die Wörter unbekannt waren, hilft nur eines: die Augen zwingen, nicht anzuhalten. „Konstanten Drang nach vorne“, fordert Studer. „Loslassen vom Text, Fehler zulassen, ein bisschen hinterherhinken vom Verständnis.“

          Tempoverschärfung: Alle Kursteilnehmer haben sich vom Einstiegs- (rote Punkte) zum Ausgangstest (grüne Punkte) deutlich verbessert
          Tempoverschärfung: Alle Kursteilnehmer haben sich vom Einstiegs- (rote Punkte) zum Ausgangstest (grüne Punkte) deutlich verbessert : Bild: Marc Studer

          Er lässt seinen Schülern gar keine andere Wahl. Er projiziert Wörter an die Wand, die rasend schnell umspringen. 350 Wörter pro Minute, dann hinauf auf 400. Zwischen 10 und 30 Prozent Textverständnis reichten beim Training, beruhigt er, der berühmte rote Faden. Es geht gerade um den Schweizer an sich, wie er grüßt und gegrüßt werden will, was man zu einer Einladung zum Abendessen mitbringt und was lieber nicht. „Der rote Faden ist nicht sehr dick“, bemerkt eine Teilnehmerin. Aber es funktioniert. Das Auge geht die aufgezwungene Tempoverschärfung mit. Wörter, die wir schon so oft gehört oder gelesen haben, oder Artikel wie „der, die, das“, werden überlesen und vom Gehirn einfach ergänzt.

          Schaschlikspieß als Lesehilfe

          Shlcßeiiclh kenönn Sie acuh deisen Staz leesn, oowbhl nur die Afnnags- und Edenbcushtabn simmetn? Od_r w_e erkl_r_n Si_ s_ch d_es_s Ph_n_m_n? Auch ganze Wörter, die nicht erfasst werden, werden automatisch ergänzt. Auf diese Idee muss man erst mal _____! Sie glauben es immer noch ______? Dann probieren wir es mit ganzen Satzteilen: Der Apfel fällt nicht ____ ___ _____! Was du heute kannst besorgen, das verschiebe _____ ___ _____!

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