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Sparsamkeit im Arbeitsleben : Geiz zahlt sich nicht aus

Geizigen Kollegen sollte man den Wind aus den Segeln nehmen. Bloß wie genau? Bild: Rüchel, Dieter

Was tun, wenn es Kollegen oder Geschäftspartner mit der Sparsamkeit übertreiben? 

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          Die Geschäftsleitung möchte sparen und schafft neue Dienstwagen an. Die Leasingverträge sind günstig, denn diesmal wurde bei der Klimaanlage geknausert. Im Vertrieb des Unternehmens führt das zu erheblicher Unruhe. „Für Außendienstler ist das Auto ein erster Arbeitsplatz. Ich finde den Ärger darüber ausgesprochen nachvollziehbar“, skizziert Alexandra Miethner einen Fall aus ihrer Coachingpraxis, bei der übertriebene Sparsamkeit für Ärger sorgte. Natürlich gebe es Berufe, wo sehr genaues Hingucken gefragt sei, Einkäufer müssten auf ein optimales Verhältnis von Qualität und Preis achten. „Geiz ist aber falsch verstandene Sparsamkeit. Es kann die Produktivität beeinflussen, wenn den Mitarbeitern vermittelt wird, dass sie mit etwas qualitativ Minderwertigem arbeiten müssen.“ Das zeige sich häufig im IT-Bereich, erläutert die Bonner Psychologin. Da wird ein festes Budget nicht ausgeschöpft und sicherheitsrelevante Software nicht eingekauft. Nach einiger Zeit zeigt sich, dass diese dringend notwendig wäre. Zu spät stellen die Abteilungsleiter fest, dass es erhebliche Mehrarbeit kostet, die Fehler auszugleichen. „Die Entscheidung erzielt das Gegenteil, die Kosten sind höher als vorher“, sagt Miethner. „Geiz ist kontraproduktiv, weil er einen Mangel an Wertschätzung ausdrücken kann“, erklärt die Psychologin.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Das Thema handelt von Kontrolle, Angst und falschem Sicherheitsdenken. Und es ist hoch kommunikativ, denn jeder kann mitreden und steuert etwas aus seinem Anekdotenschatz bei: Natürlich kennt man geizige Kollegen. Der Büroklassiker zur Pfennigfuchserei ist eine festliche Situation, die durch Geiz dann nicht mehr festlich ist, nämlich ein Geburtstag, ein Jubiläum, der Ausstand - seltener der Einstand, da reißen sich knickrige Kollegen meist noch zusammen. Falls geizige Zeitgenossen denn überhaupt an einem Spendiertag erscheinen und nicht freinehmen oder einen 24-Stunden-Infekt vortäuschen, dann ist das Festmahl mit Fusel und Knabberzeugs überschaubar. Hauptsache, es kostet wenig. Überflüssig, zu erwähnen, dass ebendiese Sparbrötchen oft die ersten sind, die sich den Teller überfrachten, wenn die anderen ein Buffett liefern lassen. Lachs-Tartar mundet auch ihnen besser als Billig-Chips. Diese Diskrepanz blenden Geizige großzügig aus, denn sie sind versierte Verdränger. Kollegialität entsteht so nicht oder wird torpediert.

          Ausgenommen vom Catering-Bashing sind selbstverständlich Praktikanten. Viele müssen jeden Cent umdrehen. Dann noch bei wechselnden Stationen Sekt und Petits Fours aufzufahren treibt das junge Konto schnell in die Verlustzone.

          Was, wenn der Chef Verschrobenheit vorlebt?

          Ausflüge in die Gastronomie bieten Geizigen Steilvorlagen. So wie die Düsseldorfer Junganwälte, durchweg Töchter und Söhne aus betuchtem Haus, die abends in der Altstadt Cocktails vernichten. Ein Kollege stößt, kurz bevor sich die Runde auflöst, dazu. Er ordert für sich und seine Freundin zwei Mineralwasser, weil er morgen früh rausmuss und sich einen Kater nicht leisten kann. Nach einer halben Stunde ist Aufbruch. Die Rechnung teilen wir, hat einer der Juristen dem Kellner zugerufen, noch bevor das Wasserduo die Ungerechtigkeit der Situation erfasst. Der Gruppendruck ist groß, die anderen sind erfreut, dass der Zuspätkömmling ihre Bloody Marys mitfinanziert. Sie sind nicht gedankenlos, sie sind berechnend. Der Vorfall ist zehn Jahre her. Heute, so betont der gereifte Münchener Wirtschaftsanwalt, würde er sich so etwas nicht mehr bieten lassen. „Damals war ich einfach überfordert und habe mich nicht getraut, das abzulehnen.“ Zu seinen Düsseldorfer Kollegen hat er keinen Kontakt mehr.

          Mit Geiz konfrontiert zu werden erfordert starke Nerven. Kann ich das überhaupt ansprechen? Monika Müller lacht. Sie leitet die Fachgruppe Finanzpsychologie des Bundes Deutscher Psychologen: „Die Betonung liegt auf ,ich‘. Wenn ich eine gute Beziehung zu dieser Person habe, dann ja.“ Alexandra Miethner meint: „Es ist die ganz hohe Kunst, sich selbst zu schützen und das von der persönlichen Ebene auf die Sachebene zu bringen und zu überlegen, wie es zu den Abläufen kommt. Das erfordert hohe Bereitschaft zur Selbstreflexion.“ Man könne versuchen, das „auf witzige Weise bei Kollegen anzusprechen“, müsse aber damit rechnen, damit Unverständnis oder Streit zu erzeugen. „Ich bin als Psychologin immer dafür, Dinge klar zu benennen. Aber das ist ein heikles Feld. Geiz ist tiefverankert. Man sollte nicht die Erwartung haben, dass sich ein Veränderungsprozess ergibt.“ Noch schwieriger wird das, wenn der Chef Verschrobenheit vorlebt. Zum Beispiel eine abstruse Zettelwirtschaft einfordert und Mitarbeiter dazu anhält, die Rückseite beschriebener Blätter zu Notizzetteln zu schneiden. „Das macht betriebswirtschaftlich gesehen überhaupt keinen Sinn und hat eine kränkende Komponente. Meine Empfehlung lautet, sich davon zu distanzieren“, sagt die Arbeitspsychologin Miethner.

          Frech die anderen über den Tisch ziehen kann von einem stabilen Selbstbewusstsein zeugen. Recht geschäftstüchtig ist der Mediziner, der privat in der Hauptstadt weilt und mit seiner Frau zweimal bei einem befreundeten Ehepaar übernachtet hat. Morgens erbittet der Gastgeber medizinischen Rat - ihn zwickt es seit geraumer Zeit in der Schulter. Der Arzt tippt aufs Gelenk, holt seinen Rezeptblock hervor und schreibt eine Salbe auf. Einen Monat nach der Abreise reibt sich der Gastgeber erstaunt die Augen: Im Briefkasten liegt eine saftige Rechnung über eine Untersuchung. Der Mann zahlt und erträgt die Scherze seiner Frau, dem geizigen Gast Übernachtung und Frühstück in Rechnung zu stellen. Die Freundschaft ist seither auf Eis gelegt. Diese Dagobert-Duck-Nummer war nicht sozialverträglich. Geiz gilt nicht ohne Grund als sogenannter Halo-Effekt: Es geht um ein Merkmal, mit dem auf den Rest der Persönlichkeit geschlossen wird.

          Eine der sieben Todsünden

          „Wer von seiner Grundtendenz sparsam ist, der ist meist in dieser sparsamen Haltung erzogen worden. Das ist dann seine Komfortzone, in der er sich angstfrei bewegt“, sagt Monika Müller. Spannend wird es, wenn ein Geschäftsführer, der das Sparen übertreibt, auf einen Kollegen trifft, der von Haus aus großzügig bis zur Verschwendungssucht ist. „Dann fangen beide unter Umständen an, extremer zu werden. Das System ändert sich. Eigentlich haben beide einen wertvollen Anteil, wenn sie sich das bewusst machen.“ Die Finanzpsychologin aus Wiesbaden setzt die Dinge in Relation. „Bei einem geizigen Teamleiter würde ich überlegen: Was verbindet dieser Mensch mit Geld? Was ist so wichtig daran, dass er nicht loslassen kann? Das Kontaktthema Geld ist ein Transportmittel unserer Beziehungsgestaltung. Das hat viel mit meinen Eigenmustern im Umgang mit Geld zu tun.“

          Geiz ist eine tiefsitzende Charaktereigenschaft und gilt nicht umsonst als eine der sieben Todsünden. Sigmund Freud hat das Modell der analen Trias entwickelt. Der Begründer der Psychoanalyse nennt drei Eigenschaften, die sich in früher Kindheit entwickeln: Eigensinn, der zur Sturheit werden kann, Ordnungssinn, der in Pedanterie enden kann, und Sparsamkeit, die in Geiz münden kann. Bei der Sparsamkeit geht es darum, festzuhalten, nicht loslassen zu können, den Drang zu haben, alles muss ich retten. Keine Frage, dass dieses Persönlichkeitsmerkmal latente Konflikte provoziert. Dieses Nicht-teilen-Wollen entsteht früh. Wenn zum Beispiel ein Kind seine Kekse großzügig verteilt, die Mutter einschreitet und mahnt: Dann hast du keine mehr! Dieser Lernprozess ist fest verankert. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt das Modellverhalten der Eltern - Kinder spüren, ob Besuchern gutes oder schlechtes Essen vorgesetzt wird. Wurde daheim Fusel serviert, dann guckt dieser Mensch später ebenso verkrampft aufs Geld, trocknet seine Teebeutel zweimal und reaktiviert sie, wenn sich Besuch angemeldet hat. Der Kriegsgeneration, deren Sparsamkeit überlebensnotwendig war, verzeiht man das. Anderen dagegen eher nicht. Oft lassen sich die Knausrigen aber austricksen. Also vorher fragen: „Wie organisieren wir das gemeinsame Geschenk?“ Dann die Kassenbox unter den Augen aller kreisen lassen. Und soll die Rechnung beim Betriebsausflug geteilt werden, freundlich auf die Sachebene gehen: „Dazu haben wir zu ungleich bestellt.“

          Noch eine verstörende Information: Ist der Partner geizig, dann geizt er konsequenterweise auch mit Gefühlen und Zeichen der Zuwendung. Wo der Wille des anderen zur Änderung besteht, ist oft kein Weg. Also akzeptieren oder gehen, ernüchtern Therapeuten. Das dürfte im Arbeitsleben nicht anders sein. Gesund ist Geiz keinesfalls. „Wer sich geizig verhält, der erhöht seinen Stresslevel. Dazu gibt es Studien“, erklärt Alexandra Miethner. „Geiz lohnt sich nicht.“

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