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Karriere in der Pflege : Die Spätstarter

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In der Pflege kann man auch nach längerer Familien- und Teilzeitarbeit in reiferen Jahren noch mal durchstarten. Bild: Hartmut Schwarzbach_argus

Mit 40 oder 50 beruflich noch mal Gas geben? Kaum möglich, heißt es oft – gerade für Frauen. In der Pflege aber sieht das anders aus.

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          Die „späte Karriere“ zur Regel statt zur Ausnahme machen? Davon träumten auch Susanne Garsoffky und Britta Sembach, als sie sich vor längerem mit ihrem Buch „Die Alles ist möglich-Lüge“ zu „Spaßverderberinnen“ machten, weil sie die These vertraten: Familie und Beruf sind nicht vereinbar, der Stress in der mittleren Lebensphase ist zu hoch. Damit eckten sie bei einigen ziemlich an. Das Autorenduo stritt allerdings nicht für eine Rückkehr zum alten Hausfrauenmodell, sondern plädierte für ein Nacheinander von Familie und Karriere. Die Frage ist nur: Wo geht das? In welchem Betrieb, in welcher Branche kann man auch nach längerer Familien- und Teilzeitarbeit in reiferen Jahren noch mal durchstarten?

          Großunternehmen scheiden eher aus. Dort entscheide sich ein Aufstieg schon sehr früh, nämlich nach den ersten drei Berufsjahren, haben die Soziologen Hermann Kotthoff und Alexandra Wagner schon vor einigen Jahren herausgefunden. „Späte Karriere fast ausgeschlossen“, titelte daraufhin die Hans-Böckler- Stiftung. Und doch gibt es eine Branche, in der so gut wie alles auch in späteren Jahren noch möglich ist: die Pflege.

          „Ein Benefit“ der Pflege

          „Der Aufstieg in der Pflege kommt oft erst viel später, so gegen Ende vierzig“, sagt Andrea Köhn, Gründerin und Chefin der auf Karrieren im Gesundheitswesen spezialisierten Münchner Personalberatung Köhn & Kollegen. Viele weibliche Pflegekräfte bekämen erst in späteren Lebensjahren richtig Lust auf Karriere, wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus oder aus dem Haus seien und sie Zeit hätten, sich etwa durch ein Studium weiterzuqualifizieren. Der Altersdurchschnitt von Teilnehmerinnen berufsbegleitender Studiengänge im Bereich Pflege- oder Gesundheitsmanagement sei entsprechend hoch, schätzt sie.

          Betrachtet man die Lebensläufe von Menschen, die ursprünglich in einem Pflegeberuf gestartet sind, dann fällt auf, dass das Potential vielfältig ist. So wird aus der Krankenschwester nicht selten eine Wohnbereichs-, Pflegedienst- oder Heimleiterin, eine Qualitätsbeauftragte, Schulleiterin oder Pflegedirektorin. Und der Krankenpfleger steigt zum Pflegewissenschaftler, Schulleiter, Geschäftsführer, Dozent, Coach oder Mediator auf. Eine Altenpflegerin wird Businesscoach oder Heimleiterin, und dass ein Krankenpfleger zum Staatssekretär avancieren kann, hat Andreas Westerfellhaus vorgemacht, der Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege.

          Es sei „ein Benefit“ der Pflege, sagt Andrea Köhn, dass man dort auch in reiferem Alter noch Karriere machen könne – auch und gerade als Frau. Es sei nur wichtig, in der Familienphase immer „am Ball“ zu bleiben und mindestens Teilzeit zu arbeiten. Viele starteten in den Vierzigern mit einem berufsbegleitenden Studium. Das gebe „Aufwind und Selbstbewusstsein“ und ermögliche Karriereschritte, die in anderen Berufen in diesem Alter kaum gelängen.

          Wobei Karriere auch der Wechsel in eine andere Tätigkeit bedeuten kann, die als anspruchsvoller und erfüllender empfunden wird. Silke Antemann etwa, heute 53 Jahre alt, hat als gelernte Friseurin erst mit 35 ihr Altenpflegeexamen gemacht. Es folgte eine längere Familienphase mit drei Kindern und Berufstätigkeit. „Aber immer nur in Teilzeit“, sagt sie. Zu ihrem 50. Geburtstag habe sie sich mit dem Bachelor-Abschluss in Pflegemanagement „selbst beschenkt“.

          Seit drei Jahren arbeitet sie wieder Vollzeit. Nicht nur ihre Kinder sind inzwischen erwachsen, auch ihr Berufsumfeld hat sich mit dem Studienabschluss verändert: Antemann ist heute als Hospizkoordinatorin für die Ausbildung und Koordination der ehrenamtlichen Sterbebegleiter im Kreis Höxter zuständig. Ihr Arbeitgeber ist die Katholische Hospitalvereinigung Weser-Egge.

          „Es ist ein großer Pluspunkt der Pflege, dass mit ihr eine späte Karriere nach der Familienphase möglich ist“, sagt sie. „Ich selbst bin ganz langsam hochgeklettert.“ Ihren neuen Job schätzt Antemann auch, weil er für sie im Alter ideal sei: „Ich brauche hier nichts mehr schwer zu heben oder zu tragen.“ Insofern habe sich ihr Studium an der Apollon Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen „voll gelohnt“. Das dort belegte zweite Wahlfach Palliativ Care sei ihr Türöffner für den jetzigen Beruf gewesen. Das Fach Personalmanagement habe ihr Führungskompetenz vermittelt, die Kenntnisse in Kostenrechnungen, Betriebswirtschaftslehre und Marketing hätten sich ebenfalls als hilfreich erwiesen.

          „Ich war die Älteste, aber das war mir egal“

          Die Hochschulleiterin des Studiengangs Pflegemanagement, Barbara Mayerhofer, ist selbst ein Beispiel für eine späte Karriere. Nach der mittleren Reife lernte die heute 69-Jährige den Beruf der Krankenschwester und arbeitete mehrere Jahre im OP. Nach einer Weiterbildung zur Pflegepädagogin verabschiedete sie sich vom Patientenbett, wechselte als Lehrkraft in eine Krankenpflegeschule, deren Leitung sie bald übernahm, machte den Fachwirt Gesundheitswesen, gründete einen Hospizverein und begann mit 52 Jahren ein Bachelor-Studium an der privaten Steinbeis-Hochschule. „Ich war damals die Älteste, aber das war mir egal“, sagt sie. Einen MBA setzte sie noch obendrauf. Nach dem Wechsel in die Diakonie war sie bald verantwortlich für die gesamte stationäre und ambulante Altenhilfe in einem großen Bezirk.

          Als Mayerhofer nach dem MBA „in ein Loch“ zu fallen drohte, weil ein Leben ohne Lernen für sie nicht mehr in Frage kam, entschloss sie sich zur Promotion. Mit 62 Jahren legte sie am Institut für Gerontologie der Uni Vechta ihre Dissertation „Führungskräfte in der Altenpflege“ vor. „Oft habe ich am Wochenende um halb fünf morgens am Schreibtisch gesessen“, sagt sie. Ein konkretes Ziel habe sie sich aber nie gesteckt. „Ich hatte nur meine Neugier und den Drang, Neues zu lernen.“ Und den Rückhalt ihres Partners. Und da sie bei der Geburt ihrer Tochter erst 20 Jahre jung war, konnte es dann umso früher mit der späten Karriere losgehen.

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