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Schon Oma und Opa prägen : Sozialer Aufstieg aus eigener Kraft ist schwerer als vermutet

Einfluss von vier Generationen: Die Sozialdaten der neuen Studie gehen zurück bis in das späte 19. Jahrhundert. Bild: Michael Braunschädel

Was aus Kindern später einmal wird, hängt nicht zuletzt von ihrer Herkunft ab. Nicht nur das Elternhaus spielt dabei eine große Rolle – selbst die Großeltern und Urgroßeltern sind bedeutsam.

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          Das Leben ist keine Lotterie – was aus Kindern später einmal wird, hängt nicht zuletzt von ihrer Herkunft ab. Eine neue Studie aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) legt nun sogar nahe, dass der Zusammenhang zwischen Herkunft und eigener gesellschaftlicher Stellung noch stärker ist als gedacht: Neben dem Elternhaus und dem Lebensumfeld wirkt sich auch noch die soziale Stellung der Großeltern und sogar der Urgroßeltern statistisch messbar auf den Erfolg der Kinder aus. Der soziale Aufstieg ist demnach schwerer als angenommen.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          „Selbst nach vier Generationen konnten wir immer noch einen Zusammenhang zwischen dem eigenen sozialen Status und dem der Vorfahren messen“, fasst IfW-Forscher Sebastian Braun die Ergebnisse der Studie zusammen, die er gemeinsam mit Jan Stuhler von der Universität Madrid in der angesehenen Wissenschaftszeitschrift „Economic Journal“ veröffentlicht hat. „Dies bedeutet, dass sich die soziale Ungleichheit in Deutschland nur sehr langsam abbaut.“ Ein niedriger Status der Vorfahren wirke wie eine Last auf dem Weg nach oben, ein hoher Status der Vorfahren hingegen wie eine Stütze.

          Die Studie zeichnet damit ein skeptischeres Bild als andere Untersuchungen der jüngeren Zeit. So legte die Bundesregierung in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht 2017 dar, dass knapp 60 Prozent der Kinder aus Haushalten der unteren Bildungsschicht selbst in die mittlere Bildungsschicht aufsteigen. Eine Analyse des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigte kürzlich eine ähnliche Aufstiegswahrscheinlichkeit im Hinblick auf das Einkommen der Kinder auf.

          Über Generationen hinweg

          Während diese Untersuchungen nur Kinder- und Elterngenerationen vergleichen, haben die Autoren der neuen Studie weiter zurückgeblickt und Sozialdaten ausgewertet, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen. Anhand ihrer Berechnungen kommen sie zu dem statistischen Ergebnis, dass Einflussfaktoren wie Lebensumstände, gesellschaftliche Netzwerke und Begabungen zu durchschnittlich 60 Prozent von einer Generation an die nächste weitergegeben werden – womit selbst von den Urgroßeltern noch messbare Einflüsse auf die heutige Generation ausgehen. Ein offener Widerspruch zu den Ergebnissen der anderen Studien ist dies indes nicht.

          Da sich die neue Studie auf deutsche Sozialdaten stützt, führt sie dennoch zu dem Schluss, sozialer Aufstieg sei „in Deutschland schwerer als angenommen,“ wie es in einer IfW-Mitteilung hieß. Diese Aussage lässt sich aber wohl auf andere Länder übertragen – die zentrale wissenschaftliche Erkenntnis der Forscher besteht darin, dass sich auch über den Horizont von mehr als zwei Generationen hinaus ein Einfluss der Herkunft auf die soziale Stellung von Menschen nachweisen lässt.

          Konkrete Hinweise darauf, welche politischen Maßnahmen besonders geeignet sind, um Aufstiege zu fördern, liefert die neue Studie indes nicht. Der lange Zeithorizont über Weltkriege und andere Umbrüche hinweg legt sogar nahe, dass politische Rahmenbedingungen nur begrenzten Einfluss auf die soziale Mobilität haben.

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