https://www.faz.net/-gyl-83ma1

Sinnsuche im Büro : Es lebe der Zweifel!

  • -Aktualisiert am

Im Zweifel für den Zweifel: Auch am Arbeitsplatz gehört das kritische Hinterfragen dazu. Bild: dpa

Ist das sinnvoll, was ich da mache? Diese Frage zu stellen, kann lähmen. Aber wenn sie niemand stellt, dann ändert sich nichts im Büro. Ein Plädoyer für den gesunden Zweifel.

          6 Min.

          Die „Karriere-Bibel“, ein Standardwerk für den Opportunisten in der Arbeitswelt, stellt eine erstaunliche Behauptung über den Zweifel auf. Die Zweifel seien „hinterhältig“, behauptet die „Karriere-Bibel“ und verspricht der Leserin und dem Leser: „Heute lesen Sie, wie Sie diese überwinden. Wer immerzu pessimistisch denkt, hat meist eine verzerrte Wahrnehmung.“ Die „Karriere-Bibel“ kann eine solche Behauptung sinnvollerweise nur aufstellen aufgrund der Annahme, dass im Großen und Ganzen alles in Ordnung sei in der Arbeitswelt. Der persönliche Zweifel daran wird pathologisiert. Er entspringe, legt die „Karriere-Bibel“ nahe, einem schiefen Blick auf die Dinge.

          Zweifel am Sinn der Arbeit können ganz schön im Weg stehen und sollten demnach mit Hilfe gesteigerter Fröhlichkeit überwunden werden. Das Zitat aus der „Karriere-Bibel“, Deutscher Taschenbuch Verlag, ist ein Beispiel für erfolgversprechende, latent esoterische Managementratgeber, die auf der Annahme aufbauen: Die Umwelt lässt sich durch unsere Wahrnehmung substantiell beeinflussen. Tut die Welt weh, ist das Denken verkehrt. Man muss sich nur konstruktiv darauf einstellen. Wenn man das so sähe, wäre der Zweifel total entwertet. Aber ist er nicht wertvoll?

          Bild: Cyprian Koscielniak

          Es ist öfter die Rede davon, eine „Organisation“ müsse „lernen“ (die „lernende Organisation“ ist ein Begriff aus der Managementtheorie), von Korrekturfähigkeit oder dem Wert von Kritik oder Selbstkritik im Unternehmen. „Sie müssen in Führungspositionen Widerspruch stimulieren“, sagt Niels Bergemann, ein Psychiater und Betriebswirt, der lange Jahre auch Chefs coachte und heute Direktor des Sächsischen Krankenhauses für Psychiatrie Rodewisch ist. Ihm ist aber auch nicht entgangen, dass diese Forderung in der Theorie zwar sehr geläufig ist, aber in der Praxis oft fernab der Realität. Zweifel als Zustand der Unentschiedenheit werde oft als Unsicherheit interpretiert. „Der zweifelnde Chef kann durchaus an Attraktivität und Ansehen bei seinen Mitarbeitern verlieren“, erklärt Niels Bergemann, „und tatsächlich kommen in Unternehmen nicht selten narzisstisch akzentuierte Menschen, die weniger abwägend und kritikfähig und vordergründig über jeden Zweifel erhaben sind, nach oben.“

          Der Zweifel ist also nicht praxistauglich. Der Vorgesetzte will und kann sich nicht die Blöße geben. Der narzisstische Chef, hat Bergemann beobachtet, „züchtet sich kleine Klone als Unterchefs heran, die ihm nicht widersprechen.“ Dieses Vorgehen kann eine zwar beachtlich leistungsstarke, jedoch wenig bewegliche Organisation schaffen. In der wenig beweglichen Organisation kann sich der bewegliche Mitarbeiter gefangen fühlen.

          Zweifel? Oder eher konstruktiver Widerspruch?

          Für Niels Bergemann ist das Wort Zweifel leicht negativ konnotiert, er mag lieber über konstruktiven Widerspruch sprechen. Die Geringschätzung unterschiedlicher Sichtweisen im Unternehmen sei für alle von Nachteil, für die stummen Zweifelnden und die polternden Chefs. Bergemann kennt sie nicht nur vom Coaching, sondern auch aus seinen Jahren als Chefarzt in einer Burnoutklinik. Das Risikoprofil für den Burnout ist ihm daher ganz gut bekannt: starke Normenorientierung, Perfektionismus, unerreichbar hohe Ansprüche. Bis sie umkippen, laufen sie. Und gewinnen in einem Maß an Arroganz wie Mastputen an Gewicht. Zum Beispiel die IT-Manager, etwa der Gründer des Videodiensts Netflix, Reed Hastings, für den die Abwertung derjenigen, die nicht zur technischen Avantgarde zählen, zum Selbstbild gehört (die alten Fernsehsender brauche kein Mensch), oder andere, die sagen, in Zukunft brauche die Menschheit nur noch Informatiker und Ingenieure. Der verstorbene Steve Jobs sagte einmal über sein Unternehmen Apple, dass er dort „zweitklassige Spieler nicht tolerieren“ könne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, verfolgt die Rede Boris Palmers beim digitalen Landesparteitag der Grünen.

          Ausschlussverfahren der Grünen : Belastet der Fall Palmer Baerbocks Wahlkampf?

          Die Grünen wollen den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ausschließen. Der sieht dem Verfahren optimistisch entgegen. „Es ist gut und reinigend, wenn jetzt die ganze Palette an Vorwürfen einmal aufgearbeitet wird“, sagt er der F.A.Z.
          Israelische Sicherheitskräfte während einer Demonstration gegen den geplanten Räumungsprozess im Stadtteil Scheich Jarrah am 8. Mai

          Unruhen in Ostjerusalem : Die Angst vor der Vertreibung

          In Jerusalem gärt es seit Wochen. Die mögliche Enteignung von Palästinensern hat jetzt zu den schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren beigetragen. Selbst Washington ermahnt die Netanjahu-Regierung.
          FDP-Chef Christian Lindner im Mai 2021

          „Investitionspakt“ : FDP plant massive Steuersenkungen für die Wirtschaft

          In einem Positionspapier plant der Vorstand der FDP-Fraktion, innerhalb von fünf Jahren 600 Milliarden Euro in der Privatwirtschaft zu mobilisieren. Parteichef Lindner betont den Modernisierungsschub, der mit den Entlastungen einhergehen soll.
          Bezahlbare Elektroautos: Sinkende Materialkosten und die zunehmende Nachfrage erklären die fallenden Preise. (Symbolbild)

          Neue Schätzungen : Elektroautos werden günstiger

          Vor allem der Preis ist eine große Hürde beim Kauf eines Elektroautos. Neue Berechnungen zeigen aber, dass der Aufschlag gegenüber Verbrennern in wenigen Jahren verschwinden könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.