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Serie „Die Karriere googeln“ : Was die Deutschen zum Umgang mit Kollegen wissen wollen

Wann flirtet der Kollege wirklich?

Tja, das ist eine sagenhafte Frage, wer die seriös für sich beantworten kann, der hätte das fragile Wesen der Liebe durchdrungen. Dabei ist nichts so kompliziert wie die Sache mit den Gefühlen. Sich am Arbeitsplatz zu verlieben, das ist relativ einfach und statistisch gesehen schon jedem Fünften widerfahren: Schließlich verbringen die meisten Menschen dort den Großteil ihres Lebens im Wachzustand und begreifen in der Regel rasch, wie es um Temperament und den wahren Charakter (ist er ein Schleimer, ist sie unkollegial?) des anderen bestellt ist. Und sich besser, sprich nachhaltiger und unauffälliger, also prächtig getarnt, umschauen als in „freier Wildbahn“ lässt sich auch nirgends. Ganz abgesehen davon, dass so ein bisschen freundliches Anflirten den Arbeitstag erhellt.

Was aber ist nun ernst gemeint, und was ist einfach nur entspannte Höflichkeit, extravertierte Herzlichkeit, halt nur Ausdruck eines verbindlich-diplomatischen Charakterzugs, fern jeder ernsthaften Absicht? Verhaltenswissenschaftler messen dazu Puls und Pupillenweite und machen Laborversuche. Solche Studien lesen sich immer wieder schön, helfen im Büro aber herzlich wenig weiter. Was hilft, sind zwei Kriterien: Erstens: Sucht derjenige am Arbeitsplatz oft meine Nähe und biegt auch mit unwichtigen Anfragen an meinem Schreibtisch vorbei? Zweitens: Fragt er oder sie nach privaten Treffen außerhalb des Unternehmens?

Einen halbwegs zuverlässigen Indikator, wie ernst die vermeintlichen Annäherungsversuche tatsächlich sind, liefert überdies ein kritischer Blick auf die Branche und die dort gängigen Umgangsrituale: Ist es in der Abteilung üblich, dem anderen Komplimente zum neuen Haarschnitt, den schönen neuen Stiefeln, dem gut gebräuntem Teint zu machen? Oder tut das dort niemand? Sind Äußerlichkeiten nie, wirklich nie ein Thema, dann ist das Lob der zurückhaltenden Kollegin über den stylishen Bartschnitt natürlich bemerkenswert und kann Max Müller beglücken. Werden gelegentlich Erscheinungsbild und Garderobe der anderen interessiert kommentiert, dann ist das Lob über das neue Kleid, „das so klasse zu deinen blauen Augen aussieht“, nur eine Unter-ferner-liefen-Floskel. Vulgo: Hat der, hat die, nicht längst die halbe Abteilung durch? Mag ich mich da einreihen? Wirklich? Und wie sieht es überhaupt mit dem Familienstand aus? Vorsichtiges Flirten ist okay, freche Anmache bei frischgebacken Papis oder lang gebundenen Kolleginnen – geht alles gar nicht. Fragen über Fragen. Die Antworten lassen sich nur selbst herausfinden. Viel Spaß bei der Recherche.

Übrigens: Obacht bei Küssen am Kopierer. War es tatsächlich ein Flirt und ist daraus mehr geworden, dann sollten Verliebte mit ihren Gefühlen diskret umgehen. Wird tatsächlich etwas Ernstes draus, dann kann die bittere Konsequenz heißen, dass sich einer einen neuen Arbeitsplatz, eine neue Abteilung, möglicherweise einen neuen Arbeitgeber sucht. Sonst sind Konflikte programmiert, und das bitterböse Wort vom Hochschlafen macht die Runde. Denn den Spruch „Wir trennen Berufliches und Privates“, den zitieren in der Regel gerade diejenigen gern, die das eben überhaupt nicht können. Die Liebelei mag noch gutgehen, solange der Eitel-Freude-Sonnenschein-Hormonrausch regiert und die rosa Brillen noch fest sitzen. Was aber, wenn es zwischen dem Paar nicht knistert, sondern es in der ersten Krise auch mal tüchtig kracht? Mag man dann im Büro unter Beobachtung stehen oder sich lieber in seinem Liebeskummer vergraben? Eben.

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