https://www.faz.net/-gyl-987kc

Serie „Anders Arbeiten“ : Der Tischkicker wird überschätzt

Beliebter Pausenfüller: Immer mehr Unternehmen stellen Tischkicker auf. Bild: AP

Ein Tischkicker im Büro macht alle Mitarbeiter froh: Das behaupten Firmenchefs. Wenn sie sich da mal nicht irren.

          5 Min.

          Plötzlich war er da, der Tischkicker. Etwas unglücklich plaziert, auf einem weitläufigen Flur in der Nähe zweier Büros. Nachdem sich sein Dasein herumgesprochen hatte, strömten die Mitarbeiter der Abteilung herbei und staunten wie Dschungelbewohner, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein Automobil sahen. Nach der anfänglichen Aufregung von „Ah“ bis „Oh“ sprach sich langsam herum, dass der Tischkicker von einem Kollegen gestiftet wurde, der ihn irgendwo gewonnen, aber zu Hause keinen Platz dafür hatte.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es dauerte nicht lange, dann herrschte am Kickertisch ein ständiges Geklacker und Gejohle, das die Spieler mitriss, alle anderen in der Abteilung aber störte. Beide Seiten entfremdeten sich zusehends. Irgendwann war der Ärger so groß, dass die Kickerkugel verschwand, vermutlich entwendet von einem pflichtvergessenen Kollegen, dem Spielverderber. Der Spaß oder Spuk, je nach Sichtweise, war vorbei, alle verbrachten die Pausen fortan wieder in gepflegter Langeweile.

          Zugegeben, ich gehörte zu den Lauten. Ich habe mitgespielt, und das nicht selten, sondern ganz eifrig bei jeder Gelegenheit. Eine halbe Stunde am Stück, jeweils mittags und abends, und das mehrmals in der Woche, das kam vor. Wir Vielspieler haben die Sache derart ernst genommen, dass unmittelbar nach dem Kickern an Arbeit erst mal nicht zu denken war. Die schlechten Verlierer schmollten in ihrer Büroecke und waren zunächst genauso wenig produktiv wie die Sieger, die vom ekstatischen Kurbeln an den Kickerstangen dermaßen geschafft waren, dass sie sich erst einmal von der Pause erholen mussten. Wer unbedingt gewinnen will, angespannt ist und schwitzt, der fällt nach Spielende eben erst einmal in ein kreatives Loch. Nur ganz langsam ging die Arbeit wieder von vorne los. Das konnte nicht wirklich im Sinne des Arbeitgebers sein.

          Längst kickert man auch gegen andere Firmen

          Trotzdem stellen Unternehmen ständig neue Tischkicker auf. Sie folgen damit Facebook, Google und Co., die aus einem Land kommen, das von Fußball keine Ahnung hat, aber das Handumdrehen am Tisch cool findet. Über die deutsche Startup-Szene hielt das Spielerische auch Einzug in Frankfurter Beratungsgesellschaften, Münchner Versicherungskonzerne, Darmstädter Pharmaunternehmen und Stuttgarter Automobilhersteller. Firmen richten in ihren Gebäuden nun Freizeiträume ein, in denen Yogakurse und Rückengymnastik für die Mitarbeiter angeboten werden und wo auch eine Tischtennisplatte und ein Kickertisch nicht fehlen dürfen. Das ständige Klackern des Plastikballes auf dem Glasspielfeld oder, noch besser, der resopalbeschichteten Spielfläche gehört inzwischen zum guten Ton in vielen Unternehmen.

          Längst kickert man nicht nur im Kreis der eigenen Kollegen, sondern auch gegen die Spielwütigen aus anderen Firmen. Es gibt Meisterschaften, beispielsweise ein Turnier, das sich „2-5-3 Business Kick“ nennt und jedes Jahr ausgetragen wird. Jede Firmenmannschaft besteht aus Männern und Frauen, als Hauptpreis zu gewinnen gibt es – Überraschung! – einen Profi-Kickertisch im Wert von 1000 Euro. Sogar im deutschen Betriebssportverband ist die Tischfußball-Lobby offenbar stark vertreten. Deren Propagandisten sprechen ständig von „Recreation“ und davon, dass Mitarbeiter „motivierter und effizienter“ arbeiten und sich besser mit dem Unternehmen identifizieren, wenn sie gemeinsam an Stangen drehen, Tore bejubeln und sich dabei „vom stressigen Arbeitsalltag erholen“.

          Gegen den Tischfußball-Hype etwas einzuwenden kommt nicht gut an. Der Kickertisch ist nämlich längst mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Er gehört, frei nach dem französischen Philosophen Roland Barthes, inzwischen zu den Mythen des modernen Büroalltags. Als solchen muss man ihn auch deuten. Der Tischkicker ist „zugleich Sinn und Form“, wie laut Barthes jeder Mythos. Rein formal besteht ein Tischkicker aus 22 Figuren, die alle von gleicher Form und gleicher Größe sind. Die Figuren sind, nach Mannschaftsteilen geordnet, jeweils mit einer Stange verbunden. Das ganze Gefüge ist starr, mehr noch als die Bande einer Bürogemeinschaft.

          Sinngemäß ist der Tischkicker in einem Unternehmen weniger eine Einladung zum Spiel als vielmehr eine Aufforderung zur Zerstreuung. Man muss den appellativen Charakter des Gerätes verstehen: Wer den Tischkicker aufgestellt hat, sendet eine Botschaft an alle Mitarbeiter, auch diejenigen, die gar nicht spielen. Die Botschaft lautet: Wir sind jung, wir sind agil, hier herrscht eine Lockerheit, die unsere Kreativität steigert!

          Wer diesen ideologischen Anspruch sehr ernst nimmt, wird bald feststellen, dass der Tischkicker seinen Zweck mitunter nicht nur verfehlt, sondern sogar konterkariert. Die vermeintliche Erholung gerät oft zum Konkurrenzkampf mit anderen Mitteln. Der einzige Gedanke, den man beim Handumdrehen im Kopf hat, ist, den Ball möglichst oft ins Tor des Gegenübers zu bugsieren. Gut möglich allerdings, dass wir in unserer Abteilung den Appell, gefälligst locker zu sein, allzu ernst genommen und uns damals viel zu sehr ins Spiel hineingesteigert haben.

          Fragen wir also einen, der um die Risiken und Nebenwirkungen des Tischkickers wissen sollte. Er heißt Denis Geb und leitet hauptberuflich beim Online-Vergleichsportal Check24 die Kundenberatung für Berufsunfähigkeitsversicherungen. Bis zu seiner Studienzeit hat er Tischkicker professionell gespielt, ist mit dem Tischfußballclub München zu Turnieren in ganz Deutschland gereist. Heute ist Geb Spieler, Trainer und Manager der „Checkitos“, der Münchner Tischkickermannschaft des Vergleichsportals. Die „Checkitos“ haben im vergangenen Jahr den „Business Kick“ gewonnen, im Endspiel die „Blue Sox“ der Allianz besiegt. Die neue Versicherungswelt hat die alte geschlagen, eine nette Pointe.

          Mal ehrlich, Herr Geb: Kickern ist doch keine Erholung, sondern furchtbar anstrengend!

          Ganz und gar nicht. Stundenlang sitzt man im Büro und arbeitet seine Sachen ab. Wenn man dann mal eine halbe Stunde Zeit hat, um die Luft rauszulassen, ist das ideal. Danach kommt man wieder viel konzentrierter in die Arbeit rein.

          Ich habe erlebt, dass man sich am Kickertisch verausgaben kann.

          Man zeigt halt Emotionen. Beim Kickern ist man sich so nahe wie selten. Man steht einen halben Meter auseinander und liefert sich eine Schlacht mit einem Kollegen, mit dem man normalerweise nichts zu tun hat. Wenn man ihn beim nächsten Mal auf den Fluren trifft, hat man gleich ein Gesprächsthema. Tischkickern ist großartig zum Netzwerken.

          Ein Tischkicker verbindet also Menschen, schweißt Gruppen zusammen. Zudem werden angeblich Hierarchien nivelliert, sodass am Kickertisch alle gleich sind: der Herr Abteilungsleiter und die junge Praktikantin, der Informationstechniker und die Leiterin des Marketings. Das mag die Tischfußball-Lobby so sehen. Wahr ist aber auch: Chefs stehen in der Mittagspause oder nach Dienstschluss eher selten mit empor gekrempelten Hemdsärmeln und hochrotem Kopf am Kickertisch. Und selbst unter den Mitarbeitern, die länger im Büro bleiben und bis in die Abendstunden kickern, sind manche gleicher als andere. Die spielerisch versierten Kollegen sind als Trainingspartner gefragter als die anderen. Ungefähr so wie im Sportunterricht, wenn bei der Zusammenstellung zweier Fußballmannschaften erst die Sportskanonen ausgewählt werden und als Letztes die Pummeligen mit den zwei linken Füßen.

          Herr Geb, haben die Schwächeren überhaupt eine Chance?

          Die Stange drehen kann jeder. Wenn man ein bisschen Hand-Auge-Koordination hat, das Handgelenk einzusetzen lernt und sich ein paar Tricks aneignet, wird man schnell viel besser.

          Aber wenn man verliert, ist man oft frustriert.

          50 Prozent der Leute, die an einem Tisch stehen, gewinnen. Und wenn man den Chef besiegt, hinterlässt man Eindruck. Das behält er im Kopf.

          Individuelles Geschick beweisen, sich ablenken und ohne Holterdiepolter mit anderen spielen, das kann man auch auf andere Art. Beim Billard zum Beispiel. Dort geht man nicht gleichzeitig und hektisch aufeinander los, sondern spielt in aller Ruhe und konzentriert nacheinander, kann auch zwischendrin schwatzen und kehrt nicht ausgepowert zum Schreibtisch zurück.

          Obendrein schont Billard den Körper. Tischkickern dagegen kann üble Folgen haben, wie ich am eigenen Leib erfahren musste: Mein Orthopäde diagnostizierte Epicondylitis humeri radialis, eine Erkrankung am Sehnenansatz des Ellenbogens, gemeinhin „Tennisarm“ genannt. Ständig mit der Computermaus zu arbeiten, in den Pausen oft Tischkicker und in der Freizeit Tennis zu spielen, das sei „eine gefährliche Kombination“, erklärte der Arzt. Seitdem habe ich mein Verletzungsrisiko um ein Drittel reduziert. Die anderen können getrost weiter kickern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Geht’s nicht voran? Ein Mann wartet unterwegs auf das Internet.

          Mobilfunkausbau : So soll das Handy schneller werden

          Die Bundesregierung will im Mobilfunkausbau verängstigte Bürger besser informieren. Denn die bremsen zuweilen den Antennenausbau wegen möglicher Strahlenbelastung. Doch das ist nicht der einzige Grund für den lahmenden Ausbau des Netzes.
          Verfasste laut Dokumenten aus der Stasi-Unterlagenbehörde über zwölf Berichte zu Kameraden: der neue Verleger der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich

          „Berliner Zeitung“ : Was ist das für ein Verleger?

          Der Einstieg von Silke und Holger Friedrich beim Berliner Verlag war furios. Sie veröffentlichten ein Manifest, alles sah nach Aufbruch aus. Und was ist jetzt, nach den Stasi-Enthüllungen?

          Nach Veto gegen Nordbalkan : Eine Stufe vor, eine Stufe zurück

          Nachdem Frankreich die EU-Beitrittsverhandlungen mit Albanien und Nordmazedonien blockiert hat, schlägt es nun eine Reformierung des Prozesses vor. Der Vorstoß wird auch kritisiert – und könnte die Gespräche abermals herauszögern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.