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Serie „Anders Arbeiten“ : Der Tischkicker wird überschätzt

Wer diesen ideologischen Anspruch sehr ernst nimmt, wird bald feststellen, dass der Tischkicker seinen Zweck mitunter nicht nur verfehlt, sondern sogar konterkariert. Die vermeintliche Erholung gerät oft zum Konkurrenzkampf mit anderen Mitteln. Der einzige Gedanke, den man beim Handumdrehen im Kopf hat, ist, den Ball möglichst oft ins Tor des Gegenübers zu bugsieren. Gut möglich allerdings, dass wir in unserer Abteilung den Appell, gefälligst locker zu sein, allzu ernst genommen und uns damals viel zu sehr ins Spiel hineingesteigert haben.

Fragen wir also einen, der um die Risiken und Nebenwirkungen des Tischkickers wissen sollte. Er heißt Denis Geb und leitet hauptberuflich beim Online-Vergleichsportal Check24 die Kundenberatung für Berufsunfähigkeitsversicherungen. Bis zu seiner Studienzeit hat er Tischkicker professionell gespielt, ist mit dem Tischfußballclub München zu Turnieren in ganz Deutschland gereist. Heute ist Geb Spieler, Trainer und Manager der „Checkitos“, der Münchner Tischkickermannschaft des Vergleichsportals. Die „Checkitos“ haben im vergangenen Jahr den „Business Kick“ gewonnen, im Endspiel die „Blue Sox“ der Allianz besiegt. Die neue Versicherungswelt hat die alte geschlagen, eine nette Pointe.

Mal ehrlich, Herr Geb: Kickern ist doch keine Erholung, sondern furchtbar anstrengend!

Ganz und gar nicht. Stundenlang sitzt man im Büro und arbeitet seine Sachen ab. Wenn man dann mal eine halbe Stunde Zeit hat, um die Luft rauszulassen, ist das ideal. Danach kommt man wieder viel konzentrierter in die Arbeit rein.

Ich habe erlebt, dass man sich am Kickertisch verausgaben kann.

Man zeigt halt Emotionen. Beim Kickern ist man sich so nahe wie selten. Man steht einen halben Meter auseinander und liefert sich eine Schlacht mit einem Kollegen, mit dem man normalerweise nichts zu tun hat. Wenn man ihn beim nächsten Mal auf den Fluren trifft, hat man gleich ein Gesprächsthema. Tischkickern ist großartig zum Netzwerken.

Ein Tischkicker verbindet also Menschen, schweißt Gruppen zusammen. Zudem werden angeblich Hierarchien nivelliert, sodass am Kickertisch alle gleich sind: der Herr Abteilungsleiter und die junge Praktikantin, der Informationstechniker und die Leiterin des Marketings. Das mag die Tischfußball-Lobby so sehen. Wahr ist aber auch: Chefs stehen in der Mittagspause oder nach Dienstschluss eher selten mit empor gekrempelten Hemdsärmeln und hochrotem Kopf am Kickertisch. Und selbst unter den Mitarbeitern, die länger im Büro bleiben und bis in die Abendstunden kickern, sind manche gleicher als andere. Die spielerisch versierten Kollegen sind als Trainingspartner gefragter als die anderen. Ungefähr so wie im Sportunterricht, wenn bei der Zusammenstellung zweier Fußballmannschaften erst die Sportskanonen ausgewählt werden und als Letztes die Pummeligen mit den zwei linken Füßen.

Herr Geb, haben die Schwächeren überhaupt eine Chance?

Die Stange drehen kann jeder. Wenn man ein bisschen Hand-Auge-Koordination hat, das Handgelenk einzusetzen lernt und sich ein paar Tricks aneignet, wird man schnell viel besser.

Aber wenn man verliert, ist man oft frustriert.

50 Prozent der Leute, die an einem Tisch stehen, gewinnen. Und wenn man den Chef besiegt, hinterlässt man Eindruck. Das behält er im Kopf.

Individuelles Geschick beweisen, sich ablenken und ohne Holterdiepolter mit anderen spielen, das kann man auch auf andere Art. Beim Billard zum Beispiel. Dort geht man nicht gleichzeitig und hektisch aufeinander los, sondern spielt in aller Ruhe und konzentriert nacheinander, kann auch zwischendrin schwatzen und kehrt nicht ausgepowert zum Schreibtisch zurück.

Obendrein schont Billard den Körper. Tischkickern dagegen kann üble Folgen haben, wie ich am eigenen Leib erfahren musste: Mein Orthopäde diagnostizierte Epicondylitis humeri radialis, eine Erkrankung am Sehnenansatz des Ellenbogens, gemeinhin „Tennisarm“ genannt. Ständig mit der Computermaus zu arbeiten, in den Pausen oft Tischkicker und in der Freizeit Tennis zu spielen, das sei „eine gefährliche Kombination“, erklärte der Arzt. Seitdem habe ich mein Verletzungsrisiko um ein Drittel reduziert. Die anderen können getrost weiter kickern.

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