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Selbstständigkeit : Unternehmer verzweifelt gesucht

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Die Deutschen lieben das Gründen nicht. In die Selbständigkeit treibt sie weniger die Sehnsucht nach der Verwirklichung eines Traums als die Angst vor Arbeitslosigkeit. Profis arbeiten daran, dass der Wind sich dreht.

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          Wenn Heinrich Traublinger erklären will, warum der Unternehmergeist nur als laues Lüftchen durch Deutschland weht, dann hält er sich an Winston Churchill. Der hat einmal gesagt: "Manche halten den Unternehmer für einen räudigen Wolf, den man totschlagen müsse; andere meinen, er sei eine Kuh, die man ununterbrochen melken könne; nur wenige sehen in ihm ein Pferd, das den Karren zieht." Gerade in Deutschland seien das viel zu wenige, findet Traublinger. Deshalb sieht der 63 Jahre alte Präsident der Handwerkskammer München und Oberbayern es als seine Mission, vor allem der Jugend das Unternehmertum schmackhaft zu machen. Traublinger sitzt seit 1986 für die CSU im Bayerischen Landtag. Er ist schon lange Jahre eher Funktionär als Unternehmer. Was es heißt, einen Betrieb zu führen und auszubauen, weiß er trotzdem. Der Bäcker- und Konditormeister trat Ende der sechziger Jahre in die elterliche Bäckerei in München ein. Wenige Jahre später baute er den Betrieb neu auf und expandierte, 1999 verlagerte er das Familienunternehmen aus Kapazitätsgründen ein weiteres Mal. "Ein handwerklicher Unternehmer tritt in der Regel als haftender Unternehmer auf", sagt Traublinger. "Und wer mit seinem Vermögen dabei ist, ist auch mit dem Herzen dabei."

          Ein Herzenswunsch ist es aber nur wenigen Deutschen, Unternehmer zu werden. Obwohl im Web-2.0-Rausch viel von erfolgreichen Hightech-Gründungen die Rede ist, manche eine neue Gründungswelle ausrufen und Risikokapitalgeber sich aus der Deckung trauen - in der breiten Masse bleiben die Deutschen Gründungsmuffel. Der Global Entrepreneurship Monitor zeichnet ein jämmerliches Bild: Mitte 2006 haben nur knapp 3 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren versucht, ein Unternehmen zu gründen. Das bedeutet Rang 34 unter 42 Ländern. Und: Drei von zehn dieser werdenden Unternehmer nennen als stärkstes Motiv für den Schritt in die Selbständigkeit die Angst vor Arbeitslosigkeit. In anderen ähnlich entwickelten Staaten spielt dieses Motiv nur für jeden zehnten Gründer eine Rolle. Weitere Ergebnisse: Die Deutschen fürchten sich besonders heftig vor dem Scheitern und sind besonders pessimistisch, was die Erfolgsaussichten einer Gründung angeht.

          Es überwiegt die Angst

          Michael Frese, Arbeits- und Organisationspsychologe an der Universität Gießen und der London School of Economics, hat schnell ein Beispiel parat, um zu belegen, dass Deutschland kein unternehmerisches Land ist. "Wenn ich hier eine Lehrveranstaltung über das Unternehmertum anbiete, kommen ein paar Studenten. Wenn ich das irgendwo anders auf der Welt tue, kommen Hunderte." Unternehmer zu werden, das sei kein Thema, für das sich die Menschen hierzulande richtig interessierten. Es überwiege die Angst, dass Unternehmersein ziemlich gefährlich ist. "Die Deutschen haben aber noch nicht verstanden, dass angestellt zu sein auch Risiken beinhaltet", sagt Frese und spricht von Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzverlust oder unerwünschten Versetzungen. "Sie sehen das zwar alles", fügt er hinzu, "betrachten die Selbständigkeit aber nicht als Alternative." Das war nicht immer so. Nach dem Krieg sei jeder Dritte Unternehmer oder selbständig gewesen, aus der Not heraus. Unternehmertum tut einer Volkswirtschaft gut. "Eine nicht unternehmerische Gesellschaft", sagt Frese, "nimmt Chancen nicht wahr und trottet bloß hinterher."

          Für das vergangene Jahr rechnete die Creditreform Wirtschaftsforschung mit 905 600 Unternehmensgründungen, etwas weniger als 2005. Gleichzeitig wurden 700 500 Betriebe wieder abgemeldet. Die Zahl der neu angemeldeten Unternehmen, die wirklich wirtschaftlich aktiv sind, gab die Creditreform mit 152 700 an. Die KfW Bankengruppe rechnet etwas anders, kommt aber zu einem in der Tendenz ähnlichen Ergebnis. Aus dem Gründungsmonitor 2006 geht hervor, dass sich 2005 knapp 1,4 Millionen Menschen im Voll- oder Nebenerwerb selbständig gemacht haben, rund 40 000 weniger als im Jahr zuvor. Auch nach neuesten Zahlen des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung sank die Zahl der Existenzgründungen 2006 um fünf Prozent auf den niedrigsten Stand seit der Jahrtausendwende. Das wird wohl zunächst so bleiben, denn der Aufschwung führt nicht dazu, dass unternehmenslustige Gründer ihre Stunde gekommen sehen. Er sorgt vielmehr für jede Menge begehrte Angestelltenjobs.

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