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Selbstdarstellung : Als ich mit Merkel essen war . . .

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Alle Wichtigen waren natürlich dabei Bild: klikk

Namedropping ist eine Kunst. Ob in der Kaffeeküche oder in der Konferenz - wer auf einen bekannten Kopf verweist, kann sich Respekt verschaffen. Oder sich blamieren.

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          Stöhnend schiebt der Münchner Banker beim Glockenbacher Italiener seinen Espresso von sich weg. Sein Arzt sei gut, aber jedes Mal kommentiere dieser, wie er die eine oder andere Berühmtheit behandelt hätte: "Ständig lässt er so Sachen fallen: Na, als ich dem Ribery letztens eine Spritze gegeben habe, als ich den Ballack während des Endspiels genäht habe", erzählt der Bayer. Ihn interessiere aber nicht, was sein Doktor bei irgendwelchen Fußballspielern getan habe, sondern dass er seine Arbeit gut mache, schimpft der Patient. "Das geht einem wirklich auf die Nerven." Ein typischer Fall von Namedropping. Er selbst mache so etwas natürlich nicht, meint der Banker.

          Selbstverständlich nicht. Wer gibt auch schon gerne zu, dass er es nötig hat, sich als besonders wichtig darzustellen? Tatsächlich tun wir es aber alle, immer wieder und in den unterschiedlichsten Momenten: das Nennen eines Namen, einer Beziehung oder eines Unternehmens. Meist mit dem bewussten oder unbewussten Ziel, die eigene Position zu verbessern oder zu festigen. Oft ist dies notwendig und wird zum Beispiel in einer fachlichen Diskussion oder einem Vortrag sogar erwartet. "Wenn man argumentiert, braucht man Fakten und für die Fakten eine Quelle", sagt Peter H. Ditko, Gründer und Geschäftsführer der Deutschen Rednerschule. Dafür könne man eine Untersuchung, ein Medium oder eben einen Namen angeben. Je bekannter der Name sei, desto wichtiger und akzeptabler dann auch das Argument. "Das zeigt Sachkompetenz", sagt Ditko. Der Rhetorikberater kennt jedoch auch den Mechanismus der reinen Selbstdarstellung, für den Namedropping ebenso benutzt wird: Man beziehe sich auf einen anderen Menschen und hoffe, dass etwas von dessen Glanz auf einen abfalle. Im Positionierungsspiel um sozialen Status und Prestige eine altbekannte Strategie.

          Logik kommt gegen Gefühl nicht an

          Oft falle sie nicht auf, vorausgesetzt, der Anwender geht geschickt vor. Dahinter steckt, dass das Gefühl am Ende den Verstand schlägt. Kein logisches Argument komme gegen ein gefühltes Argument an, sagt Ditko. Durch die Nennung einer dritten Referenzperson und deren assoziierte Eigenschaften bediene man sich einer sehr sinnvollen, in der Rhetorik oft effektvoll genutzten Verstärkungstechnik.

          Warum dies funktioniert, weiß Carmen Lebherz, Assistentin am Psychologischen Institut der Universität Zürich, Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftspsychologie. Sie forscht zu Namedropping. "Studien zeigen, dass nicht nur das zählt, was ich sage und tue, sondern dass die Taten der anderen auch an mir hängen bleiben", sagt Lebherz. Das gehe so weit, dass man die Eigenschaften der Referenzperson in den Augen des Publikums übernehme. Eine Möglichkeit, sich elegant darzustellen. "Man sagt nicht direkt: Ich bin ein ganz Toller, sondern man macht es über eine Referenz", erklärt sie.

          Dabei sei es allerdings wichtig, für das Namedropping nicht eine Person auszuwählen, die als zu weit von einem weg empfunden werden könne. Die Kategorie müsse stimmen, betont die Wissenschaftlerin. Professor und Nobelpreisträger passe zum Beispiel. Erzähle ein Berufseinsteiger aber von seinen regelmäßigen Kaffeegesprächen mit dem Vorstandschef, könne nicht nur Misstrauen zum Wahrheitsgehalt der Aussage aufkommen. Namedropping könne bei zu großen sozialen Unterschieden an sich unliebsame Folgen haben. Denn unser Gehirn würde leicht einen Kontrast zwischen der genannten Person und einem selbst darstellen. Und dann wird deutlich, wie weit der Jungspund doch vom Unternehmensoberhaupt entfernt ist. Der Bezug auf andere sei deshalb immer eine Gratwanderung, warnt Lebherz. Man müsse sich bewusst sein, dass die Technik kippen könne.

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