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Sechs-Stunden-Tag : Kürzer, besser, glücklicher

  • -Aktualisiert am

Feierabendbier? Wer kürzer arbeitet, verbringt weniger Zeit mit den Kollegen. Bild: Hero Images/Hero Images/F1online

Sechs Stunden Arbeit am Tag statt acht – bei gleichem Gehalt: Kann das gutgehen? Oder ist das zwar gut gemeint, aber einfach nur stressig?

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          Nach der ersten Testphase mit sechs Arbeitsstunden pro Tag lagen die Nerven von Alexandra Quiring-Tegeder blank. „Ich war gestresster als je zuvor“, erinnert sich die Geschäftsführerin der Werbeagentur Agidium in Oranienburg. Mit ihrem dreiköpfigen Team hatte sie im Juli beschlossen, probeweise nur noch sechs statt acht Stunden zu arbeiten – bei gleichbleibendem Gehalt. Das Ziel: Arbeitszeit noch konzentrierter nutzen, um mehr Freizeit für sich und die Familie zu haben. Das verleitete die 48-Jährige jedoch, sich die freie Zeit bis oben hin vollzustopfen, mit all den Hobbys und Vorhaben, zu denen sie vorher nicht gekommen war. Ein Fehler, merkte sie.

          Flexibles Arbeiten wird in der Berufswelt heiß diskutiert. Erste Unternehmen wagen den Versuch und führen wie Agidium verkürzte Arbeitszeiten ein – doch das Modell hat seine Tücken. Nicht jeder fühlt sich dadurch entlastet, und nicht zu jeder Firma passt das Modell. Doch wenn es funktioniert, dann macht es die Mitarbeiter zufriedener und produktiver. Alexandra Quiring-Tegeder nahm sich deshalb ein Beispiel an ihrem Kollegen: Der nutzte die neugewonnene Zeit zur Entspannung, genoss es, mehr Stunden am Tag für sich zu haben. Daraufhin strich die Agenturchefin kurzerhand sämtliche To-dos von ihrer Freizeitliste – und es funktionierte.

          Aus dem sommerlichen Testlauf bei Agidium ist ein fest etabliertes Arbeitszeitmodell geworden. Zwar stehen im Arbeitsvertrag weiterhin acht Arbeitsstunden pro Tag. Tatsächlich aber sitzen die drei Mitarbeiter meist nur noch sechs Stunden am Schreibtisch. Ist ein Kundenauftrag besonders dringend, können es auch mal mehr werden. Aber das ist die Ausnahme. Und: „Selbst bei einem großen Auftrag schaffen wir es, nicht mehr als acht Stunden pro Tag zu arbeiten – wo wir früher vielleicht zehn Stunden im Büro saßen“, sagt Quiring-Tegeder.

          Weniger Ausfälle und geringere Fehlerquoten

          Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht lohnt sich das Modell, weiß Maike Andresen. Die Professorin ist Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Bamberg und beschäftigt sich in ihrer Forschung mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. „Durch verkürzte Arbeitszeiten gibt es weniger krankheitsbedingte Ausfälle und geringere Fehlerquoten, was zur Steigerung des Umsatzes beiträgt“, sagt sie. Auch könnten sich Beschäftigte häufiger weiterbilden. Laut einer aktuellen Befragung der Henley Business School unter mehr als 2000 britischen Erwerbstätigen gehen 23 Prozent sogar einer Nebenbeschäftigung nach, wenn sie eine Vier-Tage-Woche haben.

          Der Nachteil: Beschäftigte müssen nun die gleiche Arbeit in weniger Zeit schaffen. „Es besteht die Gefahr einer zunehmenden Intensivierung der Arbeit“, sagt Andresen. Um gegenzusteuern, machen sich die Teammitglieder bei Agidium jeden Tag einen genauen Plan, was sie schaffen wollen. „Ich schreibe mir immer dazu, wie viel Zeit ich für eine bestimmte Aufgabe einplane“, sagt Agenturchefin Quiring-Tegeder. Auch legt sie fest, wann sie in ihre Mails schaut: einmal morgens und einmal mittags. Da die Mitarbeiter nicht zusammen im Büro sitzen, sondern von jeher Homeoffice machen, fallen gemeinsame Kaffeepausen ohnehin weg.

          Doch durch den Zwang, früher mit der Arbeit fertig zu werden, kann das soziale Miteinander auf der Strecke bleiben, warnt Wissenschaftlerin Andresen. „Arbeit ist nicht nur ein Ort der wirtschaftlichen Transaktion, sie ist Teil unserer Identität und ein Ort für soziale Interaktion.“ Bleibe diese aus, weil alle im Arbeitstunnel stecken, schwäche das die Bindung der Mitarbeiter zum Unternehmen. Auch die Bielefelder IT-Agentur Rheingans stand vor dieser Herausforderung. Die Mitarbeiter arbeiten seit Ende 2017 täglich nur noch fünf Stunden. „Dadurch entsteht zunächst ein Druck, mit dem man umgehen muss“, sagt Geschäftsführer Lasse Rheingans. Die Agentur reduzierte Zeitfresser auf ein Minimum: Besprechungen drehen sich rein um Berufliches, Handys landen in der Schublade.

          Wechselnde Schreibtische und E-Mail-freier Tag

          Schnell begriff Rheingans: Damit das soziale Miteinander nicht verloren geht, brauchte es Regeln. Seitdem holt er von seinen Angestellten täglich Rückmeldungen zu dem Arbeitsmodell ein und veranstaltet wöchentlich einen Kochabend. Hilfreich ist laut Expertin Andresen die Arbeit an wechselnden Schreibtischen, um mit allen Kollegen in Kontakt zu bleiben. „Denkbar ist auch ein E-Mail-freier Tag, an dem die Kommunikation zwischen den Beschäftigten ausschließlich über Telefon und – bevorzugt – persönlichen Austausch erfolgt.“

          Doch das Modell der verkürzten Arbeitszeit geht nicht immer auf. In einem Altenheim im schwedischen Göteborg etwa sollten die Pflegekräfte nur noch sechs Stunden am Tag arbeiten, bei vollem Gehalt. Das motivierte die Mitarbeiter, machte sie fitter und glücklicher – was auch den Patienten zugutekam. Doch der Preis war zu hoch. Denn das Altenheim musste neue Mitarbeiter einstellen, um die kürzere Arbeitszeit der anderen Angestellten auszugleichen. Das Projekt war einfach zu teuer geworden.

          Für Agenturchefin Quiring-Tegeder überwiegen trotz der Startschwierigkeiten die Vorteile der verkürzten Arbeitszeit. „Nur weil etwas nicht sofort funktioniert, heißt das nicht, dass es nicht das Richtige für ein Unternehmen ist“, sagt sie. Ausprobieren lohne sich: Sie und ihre Kollegen verbringen nun weniger Zeit mit der Arbeit, schaffen mindestens genauso viel wie vorher - und sind insgesamt zufriedener.

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