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Schwerbehinderte : Wie steht es um die Inklusion am Arbeitsplatz?

Auch ein behindertengerechter Arbeitsplatz muss für die betroffenen Mitarbeiter geschaffen werden. Bild: Picture-Alliance

Die Zahl der Menschen steigt, die eine schwere Behinderung haben und trotzdem arbeiten. Doch gerade kleinere Unternehmen tun sich oft schwer mit der Inklusion.

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          In Deutschland leben rund 7,8 Millionen Menschen mit schweren Behinderungen. Gut eine Million von ihnen arbeiten, das ergibt sich aus Zahlen der Arbeitsagentur. Die Dunkelziffer dürfte aber höher liegen, merkt etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) an. Der Grund: Viele Betroffene würden ihre Beeinträchtigung verschweigen oder wüssten gar nicht, dass ihr Leiden schon als Schwerbehinderung eingestuft werde. Eine repräsentative Befragung des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) zeigt zudem: Zwar steigt die Zahl derjenigen, die trotz einer schweren Behinderung einer Beschäftigung nachgehen. Aber: Vor allem kleine Unternehmen sind noch immer zurückhaltend, Menschen mit Behinderung einzustellen.

          Benjamin Fischer
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Umfrage aus dem Sommer diesen Jahres zufolge haben in den vergangenen fünf Jahren nur 53,7 Prozent der Unternehmen mit bis zu 49 Mitarbeitern einen Mitarbeiter mit Behinderung beschäftigt. Bei Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern lag Anteil dagegen bei 93,7 Prozent.

          Als schwerbehindert gilt eine Person dann, wenn der sogenannte Grad der Behinderung 50 oder mehr beträgt. Darunter können Geh-, Sprech-, geistige Beeinträchtigungen fallen, aber beispielsweise auch schwere Formen von Asthma oder Bluthochdruck. Viele der Betroffenen dürften dennoch gut ausgebildet sein. So erlitten 88,3 Prozent ihre Behinderung erst im Laufe des Lebens, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Lediglich 3,3 Prozent der Fälle sind angeboren oder traten im ersten Lebensjahr auf.

          Eine Auswertung des IW aus dem Jahr 2013 bekräftigt diese Annahme. Demnach haben lediglich 12 Prozent der Beschäftigten mit Schwerbehinderung Helfertätigkeiten ausgeführt, während 71 Prozent als in ihrer Stellung als Fachkräfte angesehen wurde und 17 Prozent sogar Führungsverantwortung inne hatten.

          Abgabe statt Einstellung?

          „Einer grundlegenden Bereitschaft, Menschen mit Behinderung einzustellen, steht eine weit verbreitete Unsicherheit gegenüber, wie man den besonderen Bedürfnissen der potentiellen Mitarbeitenden im betrieblichen Alltag gerecht werden kann“, sagt Christoph Metzler vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (Kofa) des IW. Gemeinsam mit der Aktion Mensch hat das Kofa einen Ratgeber erarbeitet, der Vorbehalte abbauen und Unternehmen Hilfestellungen an die Hand geben soll.

          Gerade kleine und mittlere Unternehmen zahlen dem Kofa zufolge vermehrt eine Ausgleichsabgabe, anstatt einen Menschen mit Schwerbehinderung einzustellen. Die Abgabe wird dann fällig, wenn ein Betrieb über mindestens 20 Arbeitsplätze verfügt und von diesen weniger als fünf Prozent mit schwerbehinderten Beschäftigten besetzt sind. Sie variiert zwischen 125 und 320 Euro je Monat und nicht entsprechend besetztem Arbeitsplatz. Ein Grund für die Zurückhaltung sei etwa die aufwendigere Personalarbeit, die viele kleinere Unternehmen vor deutlich größere Herausforderungen stelle als etwa Konzerne.

          Schwerbehinderten steht nicht nur ein entsprechend ihrer Bedürfnisse angepasster Arbeitsplatz zu, sondern sie bekommen beispielsweise auch fünf zusätzliche Tage bezahlten Urlaub und eine verkürzte Arbeitszeit, falls nötig. Zudem haben sie einen besonderen Kündigungsschutz und haben das Recht, Überstunden zu verweigern. Arbeitgeber können allerdings auch auf staatliche Fördermittel zurückgreifen. So sind 2017 von den Integrationsämtern insgesamt 198 Millionen Euro ausgezahlt worden.

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