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Schrille Personalwerbung : Liebe Bewerber, uns ist nichts zu peinlich!

Dicke Hupen, lange Schläuche, polarisierende Werbung: Die Feuerwehr Dormagen Bild: Feuerwehr Dormagen

Macho-Sprüche von der Feuerwehr und rappende Polizisten: Wer verzweifelt Personal sucht, verfährt mittlerweile gern nach dem Motto: Aufmerksamkeit um jeden Preis.

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          Die Kampagne sollte vor allem eines sein: ganz anders als alle Kampagnen zuvor. Und so staunten die Einwohner der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Dormagen nicht schlecht, als sie folgenden Flyer in ihren Briefkästen vorfanden: „Wir haben die dicksten Hupen, die längsten Schläuche und wollen mehr als nur ein kurzes Abenteuer.“ Absender: die örtliche Feuerwehr. Die sucht händeringend nach Nachwuchs für ihre Löschtrupps. Personal fehlt überall, vor allem bei der Freiwilligen Feuerwehr, aber auch immer wieder bei den festangestellten Kräften. Deshalb ließen sich die Dormagener nicht lumpen und schickten auch in den Folgewochen noch drei weitere Anzeigen hinterher, unter anderem: „Du magst es heiß? Du steigst anderen gerne aufs Dach? Du willst schöne Mädels retten? We need you!“ Das saß. Die Sprüche verbreiteten sich in Windeseile. Die Lokalpresse witterte einen Skandal, im Internet äußerten sich Personalblogger aus ganz Deutschland mit einer Mischung aus Anerkennung und Abscheu. Sogar aus den eigenen Reihen hagelte es Kritik. Die Feuerwehr, nicht nur in Dormagen, werde „in einen zweideutigen Zusammenhang gebracht“, beklagte der Kreisbrandmeister. „Nicht so geglückt“ fand auch die Dormagener Gleichstellungsbeauftragte die Anzeigen. „Frauenfeindlich und sexistisch“, soll sie sie den Verantwortlichen gegenüber genannt haben.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Den Werbeflyern ist anzusehen, dass sie eine interne Arbeitsgruppe in einem anderthalbstündigen Brainstorming entwickelt hat, wie die Dormagener Feuerwehrchefin Sabine Voss freimütig zugibt. Sie hat damit kein Problem, schließlich folgt ihre Kampagne einem Trend: Schrill, oft komplett selbstgemacht oder mit Hilfe von Low-Budget-Werbeagenturen und mit hohem Verbreitungspotential im Internet - so versuchen immer mehr Arbeitgeber junges Personal für sich zu gewinnen. Niveau spielt dabei kaum eine Rolle; mancher riskiert gar bewusst, sich im Internet der Lächerlichkeit preiszugeben, nach der Devise: Aufmerksamkeit um jeden Preis.

          Die einen finden es sexistisch, die anderen bewerben sich zum Probetraining: über die Anzeigen sind die Meinungen höchst gespalten.
          Die einen finden es sexistisch, die anderen bewerben sich zum Probetraining: über die Anzeigen sind die Meinungen höchst gespalten. : Bild: Feuerwehr Dormagen

          So geschah es vergangenen Herbst auch bei der Polizei Nordrhein-Westfalen: Zur Melodie des Kinderliedes „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ besangen in einem Personalwerbungsvideo in Polizeiuniform gekleidete Schauspieler einen erfolgreichen Bewerber. Ein anderer Clip zeigte zwei rappende Polizisten, die einem weiteren erfolgreichen Jungbewerber mit Schüttelreimen zum neuen Job gratulierten. Verteidigte damals der zuständige Polizeisprecher die Aktion noch als bewusste Selbstironie, winkt er heute ab, wenn man ihn anspricht auf die als „Polizeirap“ deutschlandweit bekannt gewordene Peinlichkeit: Man habe sich „aktuellen Aspekten der Polizeiwerbung“ zugewandt und die Videoclips „mit Ende der Werbekampagne planmäßig aus dem Youtube-Kanal der Polizei NRW entfernt.“

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