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Schönfarbereien : „Er war stets bemüht“

Euphemismen: das laute Großraumbüro wird zur Teamfläche.

Herrlich verherrlichend auch die Welt der Finanzen. Allein das Wort Gewinnwarnung. Das klingt schon wie Sturmwarnung – warnen wir vor Gewinn oder vor weniger Gewinn? Auch niedlich: Nullwachstum, also Stagnation. Negativzinsen, also dumm gelaufen, das Ersparte wird immer weniger. Das ist aber noch besser als negative Zuwachsraten, hier ist der Verlust nämlich noch größer. Vertuscht werden diese deprimierenden Zahlen durch kreative Buchführung, was letztendlich einer Bilanzfälschung gleicht. Die Entzerrung des Preisgefüges hört sich fast charmant an, etwas entzerren ist irgendwie vielversprechend, entspricht aber einer Verteuerung.

„Sie waren stets bemüht“

Locker hält die Personalwirtschaft mit. Human Capital, Human Resources – Begriffe für Mitarbeiter, Bezeichnungen, in denen nichts Menschliches mehr steckt. Man spricht dort gerne von freisetzen statt entlassen. Die geplante Betriebsoptimierung umschreibt Kündigungen. Das laute Großraumbüro wird zur Teamfläche deklariert. Dort gilt es, interessante Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen, also unangenehme Dinge zu erledigen, bei denen man sich nur Ärger einhandeln kann. Die Kollegen seien in den besten Jahren, will heißen: kurz vor der Rente. Die anderen sind förderungswürdig, also unfähig und brauchen dringend Nachhilfe. Schon allein, damit später im Zeugnis nicht steht: Sie waren stets bemüht, übersetzt, zu nichts zu gebrauchen.

Euphemisten trauen sich nicht, Dinge beim Namen zu nennen, sie könnten sich sonst die Zunge verbrennen an den heißen Eisen der Wahrheit. Sie nehmen uns nicht an der Hand, sondern auf den Arm, das heißt, sie verspotten uns. Aber bekommen das reflektierte Menschen tatsächlich immer mit?

Manchmal wird es gar zu bunt mit der sprachlichen Schönfärberei. Dinge müssen wieder schwarz auf weiß wahrgenommen werden. Zum Beispiel, wenn es um Berufe geht. Klare, klassische Berufsbezeichnungen scheinen auszusterben. Es gleicht einer Majestätsbeleidigung, wenn man von Putzfrau statt Raumpflegerin redet oder den hilfsbereiten Hausmeister im Elternabendprotokoll nicht Facility Manager nennt.

Die Akademiker sind keinen Deut besser. Ganz im Gegenteil, Stichwort Anglizismen. Jeder Jurist, der mal einen englischsprachigen Mandanten hatte, muss mindestens einmal irgendwas mit „law“ auf seiner Karte erwähnen. Die ist ohnehin sagenhaft, die Titellyrik der Visitenkarten. Unglaublich, welche blutjungen „Head of sonstwas“ sich dort aufmanteln. Oder wer sich alles forsch Manager nennen darf. Gemanagt wird das Büro, gemanagt wird der Job im Imbisswagen, ganz so, als wäre Sekretärin oder Dönerverkäufer eine despektierliche Bezeichnung. Durch den Manager wird jede Fachkraft zur Führungskraft. Donnerwetter! Klingt doch doll, doller, am dollsten.

Der kluge Mund lügt mit der Wahrheit

Ernüchternd auch der Blick Richtung Bildung. Im Kindergarten wird das offene Konzept vorgestellt, was sich leicht als konzeptloses Agieren aus Ahnungslosigkeit erweist, die Dinge dürfen sich einfach mal so entwickeln, bis sie ins Chaos führen. Darüber ärgern sich hinterher dann auch die Bildungsfernen, also die Dummen, die aber über Entwicklungspotential verfügen. Wenn sich die Fachhochschule als „University of Applied Sciences“ bezeichnet, muss es natürlich auch bei den Studienfächern krachen. Schließlich gibt es in Deutschland rund 17.000 Studiengänge, da darf es ruhig ein bisschen exquisiter klingen, der Student kann sich der Rehabilitationspädagogik verschreiben, der angehende Architekt kann Promenadologie belegen und sich mit der Wahrnehmung des Menschen beim Zu-Fuß-Gehen beschäftigen.

An der Hamburger Northern Business Academy dürfen sich Bachelor-Studenten in das Studium Coffeemanagement vertiefen. Nun ja, es gibt sicher noch weitaus weniger Wichtiges, als sich um den Koffeinnachschub für Kaffeeliebhaber zu kümmern. Die Argumente sind nicht abwegig, international soll es sein, präziser. Schlicht und schön hätte aber auch was. Dem Diplomingenieur trauern nicht nur Nostalgiker nach. Statt diese klassische Deutschland-Marke zu hegen und zu pflegen, verwässern nun diffuse Titel den guten Klang grundsolider Ausbildung.

Mehr sprachliche Klarheit könnte aber auch fürchterlich gemein sein. Denn verbales Verschleiern tröstet auch. Da sind uns die dritten Zähne doch lieber als das Gebiss. Da reden wir lieber davon, vollschlank und mit hoher Stirn aufzutreten, statt uns als dicker Mensch mit Halbglatze abzukanzeln. Wie lautet unser Lieblingsspruch: Der kluge Mund lügt mit der Wahrheit.

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