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Schmuckhersteller in Ba-Wü : Es geht ums Gold

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Die Pforzheimer Schmuckmanufaktur Wellendorff produziert raffinierten Schmuck, zum Beispiel eine Goldkordel aus bis zu 160 Meter langem Golddraht. Bild: Frank Röth

Schmuckhersteller wie der Traditionsbetrieb Wellendorff haben Pforzheim berühmt gemacht. Doch der Haushalt der Goldstadt ist klamm, die Arbeitslosenquote hoch - allerdings nicht wegen der Schmuckfabrikanten.

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          Das kleine „w“ ist nur ein paar Millimeter groß und doch für seinen Fabrikanten von unschätzbarem Wert. Nicht allein, weil es aus Gold ist und mit Brillanten bestückt. Seit den siebziger Jahren versieht die Pforzheimer Schmuckmanufaktur Wellendorff all ihre Objekte mit diesem unverwechselbaren „w“ und hat sich auch damit in der Branche eine einzigartige Position geschaffen. „Es ist das wertvollste Markenzeichen der Welt“, sagt stolz Georg Wellendorff, der das Familienunternehmen zusammen mit seinem Bruder Christoph seit Anfang der neunziger Jahre in vierter Generation führt.

          Das Beste vom Besten zu erschaffen, hat sich der Familienbetrieb schon zur Gründung im Jahr 1893 auf die Fahnen geschrieben. Und es hat seinen guten Grund, warum Wellendorff auch 120 Jahre später noch immer in der „Goldstadt“ Pforzheim am nördlichen Rand des Schwarzwalds sitzt, wo vor fast 250 Jahren der Markgraf von Baden dem französischen Uhrmacher Jean Francois Autran die Erlaubnis gab, zunächst eine Taschenuhren- und kurz danach auch eine Schmuckfabrikation einzurichten.

          Immer mehr Schmuckbetriebe siedelten sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte in der Stadt an der Enz an, heute würde man es „Cluster“ nennen. Insbesondere das nahe Baden-Baden, wo die versammelten Höfe Europas ihre Sommer verbrachten und sich die neuesten Kollektionen vorführen ließen, machte den Standort Pforzheim mit seinen rund 120.000 Einwohnern so attraktiv. So hat die Schmucktradition auch Kriege und konjunkturelle Tiefschläge überdauert.

          Nichts soll exklusiver sein, so der Anspruch

          „Es gibt in Pforzheim noch immer eine einzigartige Infrastruktur für das Goldschmiedehandwerk“, sagt Wellendorff und zählt auf: die Hochschule mit ihren Studiengängen zur Schmuckherstellung und zur Gestaltung, die vielen Zubehör- und Rohlinglieferanten, die Pforzheimer Scheideanstalt und auch die vielfältige lokale Konkurrenz an kleinen Schmuckherstellern. „Und all das liegt nur einen kleinen Fußmarsch voneinander entfernt. Das sorgt für einen großen Pool an Talenten“, erläutert der Familienunternehmer. Von diesen Talenten will Wellendorff sich erklärtermaßen nur die besten ins eigene Haus holen. Rund 100 Goldschmiede und Fachkräfte arbeiten in der Manufaktur. 30 bis 40 Schmuckstücke, an denen jeweils mehrere Wochen gearbeitet wurde, verlassen täglich die Werkstatt in der oberen Etage des Unternehmens.

          Viel größer soll die Produktion auch nicht werden, denn kein Schmuckstück soll exklusiver sein als eine Wellendorff-Kette oder ein Ring mit dem kleinen „w“, so lautet der Anspruch. Das werde durch beste Materialien garantiert und durch eine extrem aufwendige Herstellung der kostbaren Einzelstücke. „Jeder Schritt in der Herstellung wird unter vierzigfacher Vergrößerung angeschaut“, verspricht Wellendorff. Zugleich sollen die Schmuckstücke, obwohl sie Zigtausende Euro kosten, im Alltag getragen werden.

          Deshalb würden zum Beispiel neue Verschlüsse 40.000-mal getestet, bevor sie eingesetzt werden. „Wir machen den Schmuck für unsere Frauen“, wiederholt Wellendorff ein Motto, das schon sein Vater und Großvater propagiert hatten. Damit treffe das Unternehmen auch den Geschmack der Kundinnen in Asien, Russland oder Amerika. Mancher Kundinnen. Denn wer es auffällig und glitzernd-schwer mag, Schmuck für den Tresor und die gelegentliche Abendgarderobe, ist in der Pforzheimer Manufaktur fehl am Platz. „Wir bedienen eine hochkarätige Nische“, sagt Wellendorff. „Das war vor 120 Jahren richtig, das ist heute richtig, und das wird immer richtig sein.“

          Die hohe Arbeitslosigkeit passt nicht ins Bild

          Ein solches Selbstbewusstsein stammt aus der Erfahrung, dass Schmuck nicht untergeht und hochwertige Produkte selbst in so schwierigen Zeiten wie den Nachkriegsjahren ihre Kunden finden. Auch die Stadt Pforzheim rühmt sich ihrer Überlebenskünste als Zentrum der Schmuckherstellung, obwohl die Altstadt im Zweiten Weltkrieg durch ein schweres Bombardement völlig ausradiert wurde und obwohl die Wirtschaftskrisen Anfang der siebziger Jahre oder auch 2008/09 eine Vielzahl von Arbeitsplätze kosteten. Dass die Arbeitslosenquote mit 8 Prozent derzeit doppelt so hoch ist wie im Durchschnitt des gesamten Bundeslandes, wurmt die Stadtverwaltung und die ansässigen Unternehmen natürlich, weil es nicht ins schöne Bild einer Goldstadt passen will.

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