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Intensivpflege : „Der Beruf wird immer unattraktiver“

  • -Aktualisiert am

Ein Intensivpfleger kümmert sich im Krankenhaus Bethel Berlin um einem Corona-Patienten. Bild: dpa

Die Pandemie zeigt: Personal auf Intensivstationen ist knapp, was vor allem an den Arbeitsbedingungen liegt. Pflegewissenschaftler schlagen seit Jahren Lösungen vor.

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          Die Sorge begleitet viele Menschen dieser Tage: Bekomme ich doch noch irgendwann Covid-19 und muss womöglich ins Krankenhaus und gar auf die Intensivstation? Angst machen vor allem Berichte, die Stationen und vor allem die Pflegenden seien am Limit. „Die Krise offenbart das, was schon seit Jahren ein Problem ist“, sagt Lothar Ullrich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege. „Wir haben nicht genügend Personal, und der Beruf wird immer unattraktiver. Wir weisen schon seit Jahren auf diesen desolaten Zustand hin, aber bisher hat die Politik das ignoriert.“

          Sie erlebe jetzt immer wieder diese Tage, an denen sie nach der Schicht nicht nur körperlich erschöpft sei, sondern auch psychisch, erzählt Anke Messner. Die Intensivpflegerin ist 33 Jahre alt und arbeitet seit zehn Jahren auf Intensivstationen, zurzeit im Uniklinikum Dresden. „Wir halten zusammen nach dem Motto ,Wir schaffen das‘. Aber das ständige Zähne-Zusammenbeißen kann einen irgendwann psychisch zusammenbrechen lassen. Es kann sich keiner vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man schwerkranken Patienten nicht genügend Zeit widmen kann.“

          „Intensivmedizin – Versorgung der Bevölkerung in Gefahr“, so warnte schon vergangenes Jahr der Intensivmediziner Christian Karagiannidis von der Uniklinik Köln-Merheim im „Deutschen Ärzteblatt“. 2018 hatte er sich in einer Online-Umfrage bei 442 Kollegen erkundigt, wie häufig sie aus Personalmangel Betten sperren müssen. Auf zwei von zehn Intensivstationen war das täglich der Fall, auf vielen mehrfach pro Monat. Tagsüber kümmerte sich eine Pflegekraft um rund zweieinhalb Patienten, in der Nacht um drei. Eine 1:1-Betreuung kam so gut wie nie vor.

          „Weder gesellschaftlich noch finanziell adäquat honoriert“

          Einer, der viel über die Ursachen für den Intensivpflegemangel forscht, ist Michael Isfort, Professor für Pflegewissenschaft und Versorgungsforschung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. 2017 befragte er 2056 Pflegende, die im Schnitt seit 13 Jahren auf Intensivstationen arbeiteten. Acht von zehn der Befragten sagten, sie seien prinzipiell mit der Berufswahl und dem Arbeitsinhalt zufrieden. Doch mehr als zwei von dreien waren unzufrieden, weil sie ihre Patienten nicht so versorgen konnten, wie sie es sich vornahmen. Ein Problem waren zudem die Arbeitsbedingungen.

          Spontane Anrufe, ob die Pflegenden mal eben einen Dienst übernehmen können, waren die Regel: Jeder dritte hatte in den vier Wochen vor der Umfrage kurzfristig Nachtdienste übernommen, und jeder vierte freiwillig einen Dienst am eigentlich freien Wochenende. Eine Pause konnte nur jeder dritte in Ruhe machen. Auch die Versorgung der Patienten könnte gelitten haben: Nur jeder zehnte sagte, im Frühdienst sei ausreichend Personal, um die Patientensicherheit zu gewährleisten, und sehr oft war zum Beispiel keine Zeit, um sich wie vorgeschrieben die Hände zu desinfizieren. Kein Wunder, dass einer von vieren öfter überlegt, den Beruf zu wechseln.

          Andere Umfragen zeigen immer wieder das gleiche Bild: Es sind nicht die Tätigkeiten an sich, sondern die unattraktiven Arbeitsbedingungen. „Ich bin wirklich gerne Intensivpflegerin“, sagt Messner. „Aber das, was wir physisch und psychisch leisten, wird weder gesellschaftlich noch finanziell adäquat honoriert.“ In Westdeutschland verdient eine ausgebildete Fachkraft in Steuerklasse I pro Monat zwischen 3200 und 4000 Euro brutto, hinzu kommen rund 300 bis 400 Euro für Nachtdienste oder Wechselschichtdienstzulagen. Das Honorar sei für sie zwar wichtig, sagt Messner, aber mehr noch fehle ihr die Anerkennung, was für eine Verantwortung Intensivpflegende hätten.

          „Das ist genauso wie bei den Ärzten. Aber die gelten leider immer noch als Götter in Weiß, und wir sind nur die Helfer.“ Mit das Schwerste sei es, Prioritäten zu setzen. „Lagere ich zum Beispiel Patient A um und meldet mir in dem Moment der Monitor von Patient B, dass dessen Sauerstoffgehalt im Blut bedrohlich sinkt, muss ich Patient A sofort allein liegen lassen und zu Patient B eilen – diese Entscheidung muss ich in Bruchteilen von Sekunden fällen.“ Der tägliche intensive Kontakt zum Patienten sei wertvoll, könne aber auch psychisch sehr anstrengend sein, wenn man nicht gelernt habe, sich abzugrenzen, und ständig mitleide.

          Pflegewissenschaftler schlagen seit Jahren Lösungen vor

          Es gibt noch einige Faktoren, die den Beruf unattraktiv machen: etwa die zunehmende Bürokratie, ein enormer Dokumentationsaufwand oder die Tendenz zur Übertherapie. „Wenn wir sehen, dass die Lunge kaputt ist und Herz und Nieren ihre Funktion aufgeben, muss man überlegen, ob es im Sinne des Patienten wäre, die Behandlung fortzuführen“, sagt Messner. „Ich erlebe aber fast täglich, dass Angehörige und auch Ärzte den Patienten mit allen Mitteln am Leben erhalten möchten. So etwas mit anzusehen und dann auch noch für die Angehörigen da zu sein, geht ganz schön an die psychische Substanz.“

          Die Corona-Krise scheint die Belastung noch einmal zu verschlimmern, wie eine aktuelle Online-Umfrage unter 578 Intensivpflegern von Michael Isfort vermuten lässt. Acht von zehn Befragten hatten Angst, ihren Patienten während der Krise pflegerisch nicht gerecht werden zu können. Mehr als sieben von zehn meinten, das Pflegeteam werde psychologische Unterstützung benötigen. Nach der Krise wünschten sich sieben von zehn mehr Gehalt und neun von zehn ein höheres gesellschaftliches Ansehen. Kaum jemand wollte unter denselben Bedingungen arbeiten wie zuvor.

          Pflegewissenschaftler schlagen seit Jahren Lösungen vor: Entlastung von der Bürokratie etwa, bessere Aufstiegsmöglichkeiten, alternative Arbeitszeitmodelle, klarere Aufgabenzuteilung und mehr Verantwortung, etwa an diejenigen mit einem neu geschaffenen Master in Intensivpflege.

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